Tokio - Japan ist ein Land der Spitzentechnologien. Aber beim Bau energiesparender Häuser muss es noch lernen. Die Wohnhäuser und ihre Heizungen sind hoffnungslos überaltert. Noch gibt es kaum Interessenten für Energiesparhäuser. Langsam setzt aber ein Umdenken ein.
Wir sitzen gerade beim Abendessen, als wieder einmal aus der Heizung eine Mozart-Melodie ertönt. Gleich geht der Ölofen aus – der Tank ist leer. Sofort legt mein Mann seine Stäbchen beiseite, klemmt sich den Tank unter den Arm und geht vors Haus, wo drei rote Plastikkanister mit Heizöl gelagert sind. Mit einer kleinen Handpumpe befüllt er den Tank. Spätestens alle zwei Tage müssen wir diese Prozedur für die beiden Öfen in Küche und Wohnzimmer wiederholen. Nur in den Kinderzimmern heizen wir mit der Klimaanlage. Rund 12.000 Yen (92 Euro/137 Franken) geben wir pro Monat für Heizöl aus - trotz der relativ milden Wintertemperaturen, die so gut wie nie unter den Gefrierpunkt fallen. Ein Grossteil der Wärme verpufft durch die Wände – einfache Spanplatten, die nur notdürftig mit etwas Glaswolle isoliert sind. Auch durch die einfach verglasten Fenster mit Alurahmen geht viel Wärme verloren. Kontrastpunkt zur Spitzentechnologie Schlecht isolierte Holzhäuser mit archaischen Ölöfchen sind im High-Tech-Land Japan auch heute noch die Regel. Traditionell werden Häuser hierzulande möglichst luftdurchlässig gebaut, um die Sommerhitze erträglicher zu machen und angesichts der hohen Luftfeuchtigkeit Schimmelbildung zu vermeiden. Hinzu kommt, dass immer wieder Erdbeben und anschließende Brände ganze Siedlungen zerstören, so dass Wohnhäuser seit Jahrhunderten nur eine kurze Lebensdauer haben. Nach 30 Jahren sind Häuser heutzutage zumindest auf dem Papier nichts mehr wert. Wer ein altes Haus kauft, muss nur das Grundstück bezahlen. Verwandte Themen| { Asien entdeckt die Sonne, 23.11.09 } | | { Holz-Pionier baut hoch hinaus, 23.11.09 } | | { Grüne Immobilien sind mehr wert, 05.10.09 } | | { Energieautarke Berghütte, 14.07.09 } | | { Der Königsweg der Sanierung, 08.06.09 } | | { Die Ökostadt am Schwarzwald, 05.06.09 } | | { Mit Holz in den Export, 06.02.09 } | | { Weit mehr als Alphütten-Flair, 04.02.09 } | | { Fortschritt nach Schweizer Art, 16.01.09 } | | { Mit Stroh bauen, 07.01.09 } |
Auch sei das Interesse der Kunden an gut isolierten Energiesparhäusern, die im Vergleich zu den massenproduzierten Fertighäusern in Leichtbauweise um Einiges teurer sind, angesichts der hohen Grundstückspreise nicht sehr groß, meint die Architektin und in Deutschland ausgebildete Energieberaterin Miwa Mori. Entsprechend gering sei der Anreiz für die Bauindustrie, langlebige und gut isolierte Häuser zu bauen. „Solange das kein Massenmarkt wird, ist das den großen Fertighausherstellern zu teuer. Die wollen den maximalen Profit. Erst wenn ein Gesetz sie dazu zwingt, werden sie reagieren“, glaubt Mori. Seit diesem Sommer subventioniert der Staat langlebige und gut isolierte Neubauten. Doch verbindliche Energiestandards, die die CO2-Emissionen von Wohnhäusern begrenzen, sind in diesem neuen Gesetz nicht festgeschrieben. Grosses Sparpotential „Das Einsparpotential ist enorm“, sagt Energieberaterin Mori. Wenn Japan tatsächlich das ehrgeizige CO2-Reduktionsziel der neuen Regierung von 25 Prozent bis 2020 (im Vergleich zu 1990) erreichen wolle, sei der Hausbausektor ein wichtiger Ansatzpunkt. Gut die Hälfte der Energiekosten liesse sich in älteren Häusern einsparen, wenn die Besitzer nachträglich ihre Fenster doppelt verglasen und die Wände nachisolieren würden. In Zukunft will die 32jährige Jungarchitektin selber solche Renovierungsarbeiten anbieten. Gerade hat sie ihr erstes Projekt abgeschlossen – Japans erstes Passivhaus nach deutschem Standard. Bestens isoliert und mit Lüftungsanlage und Wärmetauscher ausgerüstet ist das Haus fast CO2-neutral. Eine Heizung werde der Besitzer wohl nicht brauchen und selbst in der schwülen Sommerhitze von weit über 30 Grad habe er die Klimaanlage kaum gebraucht, freut sich Mori. Langfristig würden sich daher die rund 20 Prozent Mehrkosten beim Bau im Vergleich zum japanischen Standard amortisieren. Technologische Lösungen gefragt Japanische Anbieter setzen beim Energiesparen im Hausbau vor allem auf technologische Lösungen. Im letzten Frühling hat der Fertighaushersteller Sekisui House ein beinahe CO2-neutrales Haus auf den Markt gebracht, das mit einem Solardach und einer Brennstoffzelle zur Deckung des Energiebedarfs ausgerüstet ist. Der ist dank ultra-energiesparender Klimaanlagen, Beleuchtungssysteme und anderer High-Tech Haushaltsgeräte ohnehin schon extrem niedrig. Einen Teil ihrer „Ökohäuser“ rüstet die Firma auch mit Kontrollpanels aus, die berechnen, wieviel Strom das Haus gerade produziert und wieviel es verbraucht. Obwohl der Hersteller zu den Branchenriesen gehört, setzte er sich zum Verkaufsstart das bescheidene Ziel, im ersten Jahr 50 CO2-neutrale Häuser zu verkaufen. „Es muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden“, weiss auch Architektin Mori. „Während in Europa demnächst Plusenergiehäuser zu Regel werden sollen, haben die Japaner gerade erst angefangen, über energiesparendes Bauen nachzudenken“, sagt sie. Bild Frontseite: Die Wände traditioneller japanischer Häuser sind aus Glas, Holz oder gar Papier. Sie sind schön, aber halten nicht warm. (Susanne Steffen) Bild Textseite: Die kleinen Öltanks werden von Hand nachgefüllt. (Susanne Steffen)
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