Klimaneutrale Produkte sind gefragt

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Kopenhagen 22.12.09
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Eine Kompensation von CO2 ohne Reduktion, das ist kein Weg, den die Schweizer Nonprofit-Organisation myclimate unterstützt. Alain Schilli sagt im Interview, wann Kompensation Sinn macht und welche Projekte zukunftsweisend sind.

Yvonne von Hunnius: Für den Klimagipfel Kopenhagen wurden 40.000 Tonnen CO2 zur Kompensation angesetzt – ist das ein vernünftiges Mass?

Alain Schilli: Wir unterstützen die „Davos Climate Alliance“, um das Wirtschaftsforum Davos klimaneutral zu machen. Und hier werden 4.000 Tonnen CO2 angesetzt. Wenn man es in Relation setzt, wäre der Kopenhagener Gipfel zehnmal so gross wie das WEF in Davos. Bezieht man sich auf die direkten Teilnehmerzahlen, sind diese Berechnung vom dänischen Energieministerium eher knapp bemessen.

Yvonne von Hunnius:So positiv diese Projekte sein mögen, wie versucht Ihr Unternehmen, zum CO2-Sparen anzuregen und zu verhindern, dass die Kompensation zum Ablasshandel wird?

Alain Schilli:Wenn wir mit Partnern zusammenarbeiten, dann zielen wir nicht direkt auf Kompensation ab. Uns geht es um eine seriöse Berechnung des ökologischen Fussabdrucks eines Unternehmens. Hier wollen wir Sensibilität schaffen, Sparpotentiale aufzeigen. Wir bieten hierzu auch Seminare an, in denen Mitarbeiter geschult werden. Und wenn man dann in Richtung Klimaneutralität geht, ist es kaum möglich, ohne Kompensation an sein Ziel zu gelangen. Dann muss maximal reduziert und der Rest kompensiert werden.

Yvonne von Hunnius:Was spielt alles in diese Daten hinein – auch der Arbeitsweg der Mitarbeiter?

Alain Schilli:Das hängt von den Systemgrenzen ab. Wir sind im Moment dabei, die Treibhausgas-Berechnung, das sogenannte Greenhousegas-Reporting, für einen grösseren Rückversicherer zu machen. Und natürlich kommt die Frage auf: Können wir Mitarbeiter in ihrem Verhalten überhaupt direkt steuern? Im Zweifelsfall wird der engere Berechnungskreis als Grundlage verwendet, doch die Sensibilisierung der Mitarbeiter bezieht sich auch auf den Arbeitsweg. 

Bei einer Veranstaltung kann man derlei gut mit einbeziehen: Hier in Kopenhagen beispielsweise ist die Verwendung des öffentlichen Nahverkehrs für Teilnehmer kostenlos und die Infrastruktur vorbildlich.

Yvonne von Hunnius:Welche Trends stellen Sie bei Ihren Kunden fest?

Alain Schilli:KMU interessieren sich mittlerweile stark für CO2-Kompensation. Viele Unternehmen beziehen diesen Gedanken inzwischen auch direkt in den Wertschöpfungsprozess ihrer Produkte mit ein. Und das kann eine Dienstleistung oder ein Agrarprodukt sein. Kunden sind hierfür sensibel geworden.

Yvonne von Hunnius:Markiert das Marketinginstrument „Klimaneutralität“ momentan nicht nur einen Trend?

Alain Schilli:Es steckt tiefer. Unternehmen wollen Nachhaltigkeitsstrategien verankern. Das merken wir besonders bei unseren Branchenlösungen, beispielswiese für Druckereien, die klassischerweise KMU sind. Kunden fragen bei ihnen nach, wie über Gedrucktes Nachhaltigkeit gefördert werden kann. Und wir ermöglichen klimaneutrales Drucken durch Kompensationslösungen.

Yvonne von Hunnius:Die Nachfrage nach CO2-Neutralität durchläuft somit die gesamte Wertschöpfungskette…

Alain Schilli:Noch ist es keineswegs als Mainstream zu bezeichnen, doch hier bewegt sich viel. Bleiben wir in der Druckereibranche: Bei Gedrucktem beziehen sich 70 bis 80 Prozent des Fussabdrucks auf das verwendete Papier. Je stärker Kunden nachhaken, kümmert sich die Druckerei nicht nur um den Preis, sondern auch darum, wo und wie es genau hergestellt wird und wie sie möglichst wenig kompensieren müssen, um klimaneutral zu werden.

Yvonne von Hunnius:Welchen Einfluss hat die Krise hierauf?

Alain Schilli:Wir wachsen in Krisen und können uns neu positionieren. Das sieht man bei den Druckereien, die unter einem besonderen Druck der Krise stehen. Dennoch kooperieren wir mit 35 Unternehmen. Sie sehen uns als Möglichkeit, mit der Krise umzugehen, denn so schaffen sie Mehrwert.

Yvonne von Hunnius:Wie werden die Projekte ausgewählt?

Alain Schilli:Wir haben starke Partnerschaften beispielsweise in Südamerika oder Südostasien, die unser Netzwerk auf der Suche nach guten Projekten darstellen. Auf vertrauensvolle Zusammenarbeit ist man natürlich angewiesen. So bleibt die Qualität auf hohem Niveau, die Umsetzungszeit reduziert sich und die Resultatsicherheit steigt. Doch uns erreichen sehr viele Anfragen von hauptsächlich ausländischen Organisationen, ob wir deren Projekte aufnehmen können.

Yvonne von Hunnius:Setzen sie hierbei nur auf bekannte Namen?

Alain Schilli:Nein. Ein entscheidender Punkt ist, dass wir lokale Organisationen bevorzugen, denn die Projekte sollen in der Gesellschaft verwurzelt und akzeptiert sein. Den Entwicklungsprozess des Projektes unterstützen wir dann massgeblich – auch direkt vor Ort.

Yvonne von Hunnius:Und in welche Richtung entwickeln sich die Projekte momentan?

Alain Schilli:Der programmatische Ansatz kommt verstärkt ins Spiel. Hier können Skaleneffekte und grössere Flexibilität zu Vorteilen führen. Durch eine private oder staatliche Initiative können in einer bestimmten Region zehntausend Biogasanlagen unterstützt werden. Der Vorteil ist mit diesem Ansatz, dass der Grössenrahmen nicht schon bei Projektbeginn festgelegt werden muss. Über die Zeit weitere tausend zusätzliche hinzukommen. Diese Flexibilität erleichtert die Arbeit sehr und kann die Transaktionskosten senken.

Yvonne von Hunnius:In welcher Weltregion ist das grösste Potential momentan vorhanden?

Alain Schilli:In der Vergangenheit ragt China oder Indien bei der Projektumsetzung heraus, weil dort rechtzeitig die Mechanismen klar als Chance gesehen wurden. In einem grossen Teil der afrikanischen Länder, in Latein- und Mittelamerika oder der Karibik ist aber ebenso Potential vorhanden, das bislang noch zu wenig betrachtet wurde.

Yvonne von Hunnius:Woran liegt es, dass Afrika so vernachlässigt wird im Rahmen von CDM-Projekten?

Alain Schilli:Es gibt hier verschiedene Gründe. Teilweise daran, dass man starke Institutionen braucht, um die Bürokratie und die sehr schwache Infrastruktur organisatorisch wie finanziell meistern zu können. Es braucht für CDM Rahmenbedingung wie „designated national authorities“, ohne die eine Projektabwicklung nicht möglich ist. Diese fehlen oder sind nicht funktionstüchtig. Auch ist die Pro-Kopf Emission und damit das Reduktionspotential tief. Von unseren 34 Projekten sind sechs im Afrika, wo wir einige Erfahrungen diesbezüglich gesammelt haben. Nichtsdestotrotz sind wir sehr interessiert an weiteren Projekten in Afrika und dabei, entsprechende Kapazitäten aufzubauen. 

 

Zur Person:
Alain Schilli ist stellvertretender Geschäftsführer der Nonprofit-Organisation myclimate mit Sitz in Zürich, die Premium Offsets und Carbon-Management-Services für Unternehmen anbieten. Dazu gehört die Analyse und Sensibilisierung genauso, wie die Begleitung von CO2-Kompensationsprojekten. Der Umweltökonom arbeitete viele Jahre im Umweltbereich namhafter Unternehmen wie Sandoz oder PricewaterhouseCoopers.

 

Bild: Yvonne von Hunnius

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