Politik schafft neuen Markt

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Kopenhagen 23.12.09
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Die Industrieländer bilden einen Fonds für den Klimaschutz in den ärmsten Ländern. Das ist eines der konkretesten Ergebnisse des Klimagipfels in Kopenhagen. Bereits ab 2010 sollen dem Fonds 10 Milliarden Dollar jährlich zur Verfügung stehen. Damit steht dem bisher kleinen Markt für internationale Klimaschutzprojekte ein starkes Wachstum bevor. Die Schweiz ist auf diesem Markt die globale Nummer zwei.

Hilary Clinton ist eine Freundin der Schweiz. Die US-Aussenministerin hat im Sommer geholfen, die UBS-Affäre um Steuerhinterzieher beizulegen. Was sie am Donnerstag am Klimagipfel in Kopenhagen verkündet hat, war zwar nicht an die Adresse der Eidgenossen gerichtet. Aber es ist eine hervorragende Nachricht für den angeschlagenen Finanzplatz Schweiz: Die USA sind bereit, in den nächsten drei Jahren einen Fonds von 10 Milliarden Dollar mitzutragen. Vor allem aber sind sie langfristig, also ab 2020, mit einem Fonds zur Finanzierung des Klimaschutzes in den ärmsten Entwicklungsländern in einer Grössenordnung von 100 Milliarden Dollar einverstanden. Auch andere Länder haben für die Zeit bis 2012 bedeutende Beiträge zugesagt: die EU knapp 11 Milliarden Dollar, Japan 16 Milliarden, die Schweiz mindestens 50 Millionen Franken. Die EU redet für die Zeit nach 2020 sogar von 150 Milliarden Dollar.

Handel mit Verschmutzungsrechten

Ein guter Teil dieses Geldes soll aus den nationalen Budgets der Industrieländer und von internationalen Organisationen kommen. Ein weiterer Teil soll aber von der Wirtschaft aufgebracht werden. Dafür gibt es bereits ein wirksames Werkzeug: die sogenannten CDM. Mit dem Clean Development Mechanism (Mechanismus zur sauberen Entwicklung) werden Klimaschutzmassnahmen in Entwicklungsländern finanziert. Mit den jeweiligen Projekten soll der Ausstoss von Kohlendioxid verringert werden. Pro eingesparter Tonne werden Zertifikate erteilt. Bisher hat die Aufsichtsbehörde in Bonn 1960 Projekte registriert. Mit ihnen können pro Jahr 333 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden. Eine Tonne Kohlendioxid kostet im EU-Emissionshandel derzeit rund 14 Euro. „Das ist ein politischer Markt, CO2 ist eine politische  Währung“, sagt Renat Heuberger von South Pole Carbon in Zürich.

Schweiz ist die Nummer zwei

Zürich und Genf gehören zu den wichtigsten Plätzen für diesen neuen Markt, und die 2006 gegründete South Pole Carbon eine der wichtigen Mitspielerinnen. So ist South Pole Carbon der erste Anbieter, der für seine den Gold Standard angewandt hat. Auch der Konkurrent First Climate hat in Zürich eines seiner beiden Standbeine, das andere ist in Frankfurt. Andere ausländische Anbieter sind nach Genf gegangen. Die Zürcher Stiftung myclimate wiederum ist ein Pionier in der freiwilligen Kompensation des CO2-Ausstosses durch Privatpersonen und Unternehmen. Die Schweiz insgesamt ist im CDM-Markt die klare Nummer zwei. Laut der Aufsichtsbehörde in Bonn, dem CDM-Exekutivrat, werden 21 Prozent der Projekte von der Schweiz aus eingereicht. Nur Grossbritannien hat mit 28 Prozent einen grösseren Marktanteil. London hat gezielt Steuervorteile eingesetzt, um CO2-Firmen anzuziehen. Die Niederlande stehen mit 12 Prozent auf Platz zwei, Japan mit 11 Prozent auf Platz. Das Industrieland Deutschland, das mit seinem Kohlestrom einen grossen Bedarf an solchen Zertifikaten hat, kommt mit 5,7 Prozent nur auf Platz sechs.

CDM-System überlastet

Wenn der CDM-Markt dank des neuen Klimaschutzfonds einen starken Aufschwung erlebt, dann würde aber zumindest das heutige CDM-System überlasten. Derzeit zertifiziert der Exekutivrat in Bonn gerade 600 Projekte im Jahr. Der Rückstau ist bereits heute gross. Für abgelehnte Projekte fehlt bisher eine Berufungsbehörde. Zudem beruht das System bisher vor allem auf Einzelprojekten. Deshalb werden immer häufiger Einzelprojekte zusammengefasst und Programme eingeführt, mit denen grössere Volumen erzeugt werden können. So unterstützt die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ein Programm in Brasilien, in den Favelas energieeffiziente Kühlschränke einführen, in Tunesien ein Programm zur solarthermischen Wasserheizung. Joëlle Chassard vom Kohlendioxidfonds der Weltbank warnt bei einer von oebu, dem Netzwerk nachhaltigen Wirtschaftens in der Schweiz, am Rande des Klimagipfels in Kopenhagen organisierten Veranstaltung vor allzu grossen Erwartungen an solche Programme. „Selbst die einfachsten Programme sind schwierig zu überprüfen.“ Und ohne ständige Überprüfung werden die Zertifikate nicht angewandt.

Kurzfristig könnte das CDM-System unter den Skandalen leiden, die in Europa aufgedeckt worden sind: Zertifikate wurden in einem Mehrwertsteuerbetrug von einem EU-Land in andere verschoben. Auch wenn damit „nur“ der Fiskus geschädigt wurde, nicht aber das Klima, leidet der Ruf des Systems darunter. Für Renat Heuberger sind das Kinderkrankheiten, die wieder verschwinden werden. Ob er recht behalten wird, hängt allerdings nicht nur von ihm ab: Wenn sich die öffentliche Meinung gegen solche Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern richtet, wird ihnen der Boden unter den Füssen entzogen.

 

Bild: Solaranlage bei Pondicherry in Indien (Judith Zimmermann).

 

 

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