Die Klimakonferenz hat tausende Umweltaktivisten mobilisiert, ins kalte Kopenhagen zu reisen. Ihre Forderung: Klimagerechtigkeit. Dafür landeten einige im „Klimagefängnis”. Aber dass in den Verhandlungen die kleinen Staaten einen Aufstand wagten, sehen sie mitunter als ihren Verdienst an.
Er sitzt gerade beim Haftprüfungstermin. Nicht der deutsche Aktivist Phillip Pauls, denn er kann den Telefonanruf noch entgegennehmen: Es geht um Tadzio Müller, den Sprecher der Umweltkoalition Climate Justice Action, der in Kopenhagen nach einer Pressekonferenz von der dänischen Polizei in Gewahrsam genommen war. Pauls und seine Freunde haben kaum geschlafen, denn der Klimakrimi am Freitagnacht währte bis um acht Uhr morgens. Bis zum ernüchternden Ende. „Get back in”, forderten vor dem Konferenzzentrum die Demonstranten bis in die frühen Morgenstunden - „Geht zurück und verhandelt weiter!” Zehntausende Klimaaktivisten, die zu Cop 15 nach Kopenhagen gereist sind, hielten ein alternatives Forum ab, demonstrierten, waren jedoch institutionell nicht am Prozess beteiligt. Aber mitgemischt haben sie dennoch, sagt Jamie Henn aus San Francisco, einer der Koordinatoren der Kampagne 350.org: „Wir haben denjenigen Rückendeckung geben können, die sich gegen die großen Mächte im Plenum aufgelehnt haben.” Lauter Protest für KlimagerechtigkeitUnd diese Rückendeckung war bisweilen laut. Das ist auch der einzige Vorwurf, den sich die Demonstranten gefallen lassen. Gewaltfreier ziviler Ungehorsam müsse wenigstens Krach machen, sagen Pauls und Henn. Bis zu hunderttausend Demonstranten nahmen an den Demonstrationen am Samstag zwischen den Konferenzwochen statt. Am Bella-Zentrum wurde täglich für Klimagerechtigkeit demonstriert. Friedfertig, das bestätigen sogar Polizisten. Einer der dänischen Polizisten, die während der gesamten zwei Wochen vor dem Konferenzzentrum stationiert waren, sagt: „Wir haben mit viel mehr Gewalt gerechnet. Die internationalen Demonstranten waren tatsächlich friedlich.” Und auch die üblichen autonomen Verdächtigen aus dem Kopenhagener „Freistaat Christiania” seien kaum unangenehm aufgefallen, ergänzt ein Kollege. Die Polizei ist am Ende der Kopenhagener Chaostage auffällig freundlich. Denn in Wirklichkeit gab es zahlreiche Zwischenfälle zwischen Polizei und Demonstranten. Und nachdem das Organisationschaos auch die Delegierten beeinträchtigte, kam die Polizei unter Druck. Bei einer angekündigten Demonstration am Mittwoch nahmen sie gleich einen ganzen Block von Aktivisten in Gewahrsam, der sich in Richtung des Zentrums bewegte. Der Deutsche Matthias war unter ihnen: „Zehn Stunden wurden wir in den Käfigen in einer großen kalten Lagerhalle festgehalten. Mit mir ein spanischer Fernsehjournalist, der durch Zufall zwischen die Fronten geraten war. Wir wurden nicht durch die Schlagstöcke verletzt, doch Tränengas bekamen wir eine Menge ab.” Lömmelpakken und Klimafaengsl lauten die Stichworte, die diese Vorgehensweise ermöglichten. Ein Gesetz namens Lömmelpakken erlaubte der Polizei unter anderem eine Präventivhaft von sechs bis zwölf Stunden. Über 1.500 Menschen wurden festgenommen. Und landeten zumeist in Gittervorrichtungen, die an Käfige erinnerten - in Dänemark schnell Klimafaengsl, Klimagefängnis, getauft. 7.500 dänische Polizisten waren rund um die UNO-Veranstaltung im Einsatz. Eine Menge, bedenkt man, dass ganz Dänemark weniger als 11.000 Polizisten zählt. Stadt ermöglichte alternatives ForumAuch das alternative Klimaforum in der Innenstadt hatten die Sicherheitskräfte im Auge, doch das machte ihnen bis auf eine massive Diebstahlrate kaum Sorgen. Als Zentrum der Nichtregierungsorganisationen und Protestgruppen stellte es eine frei zugängliche Plattform für Diskussionen, Konzerte, Ausstellungen dar. Einer der Organisatoren, Niels Fastrup: „Wir haben von der Stadt zwar 8,5 Millionen Kronen bekommen, doch wir hatten beim Programm völlig freie Hand.” Das sind 1,14 Millionen Euro oder 1,7 Millionen Franken. Mit 500 Freiwilligen und fast genauso vielen Veranstaltungen bildete das Forum das Klimaherz von Kopenhagen. Hierhin wurden in der zweiten Woche auch die Veranstaltungen von Nichtregierungsorganisationen verlagert, die wegen der verstärkten Sicherheitsmaßnahmen im Bella-Zentrum keinen Platz mehr hatten. Hunderte von Aktivisten verfolgten hier aus der ganzen Welt in der letzten Klimanacht die Pressekonferenz von Obama über große Bildschirme, buhten lauthals, füllten mit ihren Laptops dutzende Blogs im Internet und diskutierten parallel zu den Delegierten bis zum Morgengrauen. Leiter großer Kampagnen wie Ricken Patel von Avaaz hören nicht auf, zu betonen, wie sehr Cop 15 die Basis der Umweltaktivisten gestärkt habe. Dennoch: Eine Atmosphäre ohne die Bürde finanzieller Verantwortung ist wohl auch kein Weg zu handfesten Lösungen, wie die Greenpeace-Aktivistin Julie aus Marseille zugibt: „Hätten wir alle einstimmig ein Papier verabschieden müssen, ich glaube nicht, dass wir uns hätten einigen können.” Bild: Yvonne von Hunnius
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