Ein Klimaabkommen ist erst vollständig, wenn auch Frauen berücksichtigt werden. Das sagt Ulrike Roehr von "Gender cc - women for climate justice" und fordert, dass ein Paragraph ins Abkommen aufgenommen wird. Island und viele andere Staaten machen sich dafür stark.
Yvonne von Hunnius: Weshalb sollte das Abkommen einen speziellen Teil zur Gleichberechtigung umfassen? Ulrike Roehr:Sie sind stärker vom Klimawandel betroffen als Männer, denn ihnen fällt es schwerer, auf die Veränderung zu reagieren. Sie haben meist nicht die gleichen Rechte wie Männer, sie gehören in den Gesellschaften überproportional der ärmeren Bevölkerung an, sie haben nicht denselben Zugang zu Informationen. Und an dieser Feststellung zweifelt heute von offizieller Seite international niemand mehr. Yvonne von Hunnius:Warum kämpfen Sie für die Gleichberechtigung auf internationaler Ebene, wenn es an der konkreten Umsetzung an der Basis hapert? Ulrike Roehr: Diese Projekte können nur in die richtige Richtung gehen, wenn im Abkommen die entsprechenden Formulierungen eingebaut werden. Betrachtet man sich zum Beispiel Finanzierungsmechanismen, so ist entscheidend, dafür zu sorgen, dass Frauen Zugang zu dem Geld haben – denn in der Regel haben sie das nicht. Und dass Geld für Frauenprojekte reserviert wird. Die Kriterien müssen festgezurrt werden. Yvonne von Hunnius:So könnte man 20 Prozent zum Beispiel der Projekte des Clean Development Mechanism (CDM), mit dem Klimaschutzmassnahmen in Entwicklungsländern finanziert werden, für Frauen reservieren... Ulrike Roehr: CDM-Projekte lehnen wir grundsätzlich ab, doch ein bestimmter Teil der Anpassungsgelder, 20 oder 30 Prozent, sollten für Frauenprojekte ausgegeben werden. Yvonne von Hunnius:Wie soll nun konkret die Gleichberechtigung in die Konvention eingeflochten werden? Ulrike Roehr:Es gab vereinzelte Gender-Verweise im Verhandlungstext, doch das Risiko, dass sie im Falle einer Kürzung einfach wegfallen, war uns zu gross. Deshalb haben wir einen Paragraphen formuliert, der zu Beginn stehen und worauf man sich beziehen kann. Yvonne von Hunnius:Ist er aufgenommen worden? Erhoffter Genderparagraph "Recalling the international commitments to gender equality and participation, the full integration of gender perspectives is essential to effective action on all aspects of climate change, including adaption, mitigation, technology sharing, financing, and capacity building. Ehe advancement of woman, their leadership and meaningful partcipation, and their engagement as equal stakeholders in all climate related prcesses an implementation must be guaranteed." Ulrike Roehr:Island unterstützt uns stark und hat ihn am vergangenen Freitag eingebracht und er ist aufgenommen worden. In einer abgeschwächten Version auch in der aktuellen Verhandlungsvariante. Skandinavische Staaten und einige afrikanische Staaten stehen voll hinter uns und kämpfen dafür, dass der Aspekt aufgenommen wird. Doch die Anzahl der uns unterstützenden Länder nimmt ständig zu. Island hat zum Beispiel auch finanziell unterstützt, dass Frauen an den Vorbereitungstreffen teilnehmen können. Und nicht nur als Beobachter, sondern sie mussten Teil der Delegation sein, um Unterstützung zu bekommen. Das war ein Anreiz für viele Staaten, Frauen mitaufzunehmen. Andererseits wollen wir jedoch den Paragraphen auch nicht in einem schwachen Abkommen sehen. Uns ist ein starkes Abkommen wichtig, das durch den Genderaspekt noch stärker wird. Yvonne von Hunnius:Aber was machen Frauen bei Klimawandel-Projekten denn anders als Männer? Ulrike Roehr:Sie machen es zum Teil besser, sie sind nicht nur die anerkannten Opfer. Das ist uns wichtig, herauszustellen. Sie sind erfahrungsgemäss weniger geneigt, Risikotechnik als Lösungen zu betrachten, beispielsweise häufiger Atomgegner. Sie unterstützen eher dezentrale Projekte, kaum Grosstechnologien und sie haben häufig den Nachhaltigkeitsgedanken stärker im Kopf. Frauen haben definitiv die kommenden Generationen im Fokus. Yvonne von Hunnius:Nicht alle Projekte können einen weiblichen Fokus haben… Ulrike Roehr:Das sollen sie auch nicht. Uns geht es stark um die Perspektive, mit der Politik gemacht wird. Diese Konferenz zum Beispiel basiert auf Prozessen, die nicht zu den Ergebnissen führen können, die alle sich erhoffen. Gender bedeutet auch, dass man sich prinzipiell Gedanken um die Machtverhältnisse macht und darüber, wie sich diese Machtverhältnisse ausdrücken. Wie allein etwas geplant wird, ist von sehr männlichen Gedanken dominiert. Wachstum ist eine klassische Frage, die in diesen Bereich fällt. Yvonne von Hunnius:Wie ist die Initiative entstanden? Ulrike Roehr:Eigentlich aus Gender-Aktivitäten auf Klimakonferenzen heraus. Lange haben wir auf informeller Ebene bei den internationalen Verhandlungen gearbeitet. Dann ging es darum, Frauen verstärkt Zugang zu gewähren und wir wollten mit einer Rechtsform um Gelder ansuchen. Heute sind wir ein Verein mit Sitz in Deutschland, sind jedoch international aufgestellt. Eine Grundfinanzierung hat uns die Schweizer DEZA (AdR: Agentur für internationale Zusammenarbeit im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten) gesichert. Zur Person: Ulrike Roehr ist Mitglied des Vorstands des Vereins „gender cc – women for climate justice“, der sich dafür einsetzt, dass der Gendergedanke im internationeln Klimaabkommen verankert wird. Sie berät Institutionen in Genderfragen und arbeitet auch selbst in konkreten Genderprojekten als Koordinatorin. Bild: Yvonne von Hunnius
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