Der Klimagipfel in Kopenhagen dürfte bestätigen, dass die globale Erwärmung auf durchschnittlich zwei Grad beschränkt werden soll. Doch auch das ist zu viel, sagt Andreas Fischlin. Bereits ab einer Erwärmung um 1,5 Grad ist mit ernsten Folgen zu rechnen. Kopenhagen bietet die letzte Chance, den Klimawandel in den Griff zu bekommen.
Steffen Klatt: Am Klimagipfel sind sich alle Staaten einig, dass die globale Erwärmung auf zwei Grad beschränkt werden soll. Ist damit die Welt gerettet? Andreas Fischlin: Nein, das ist sie nicht. Aber es ist sehr gut, dass sich die Staaten auf dieses Ziel zu einigen beginnen. Es ist zwar schon seit längerem so, dass sich eine Mehrheit der Länder offiziell dazu bekennt. Aber jetzt wird das Ziel von allen Ländern diskutiert. Aus der Sicht der Wissenschaft ist es aber ein veraltetes Ziel. Es wurde am Ende des letzten Jahrhunderts geboren. Es ist in der EU entstanden. Dort haben Wissenschaftler zusammen mit Politikern die Idee geboren, dass man sich weltweit auf eine Begrenzung der Erwärmung einigen könnte. Das hat sich auf den damaligen Wissensstand gestützt. Und das war der dritte Bericht des IPCCC. Steffen Klatt: Heisst das, dass die zwei Grad eine politische Zahl sind, keine wissenschaftliche? Andreas Fischlin: Die Zahl zwei Grad ist politisch, ja. In der Klimakonvention steht, dass man eine gefährliche Störung des Klimas durch den Menschen vermeiden und entsprechend die Treibhausgase stabilisieren will. Aber was heisst gefährlich? Wenn Sie klettern, rauchen oder Auto fahren, dann treffen Sie für sich eine Entscheidung, welches Risiko sie noch für akzeptabel halten. Das steht ausserhalb des rein wissenschaftlichen Bereichs. Eine akzeptable Erwärmung ist also immer auch eine politische Entscheidung. Wenn man den derzeitigen Wissensstand nimmt, wie er im vierten Bericht des IPCC steht, dann sieht man, dass die Gefahren heute jedoch höher eingeschätzt werden als früher. In den 90er Jahren hat man die Grenze zwischen den nur noch negativen Auswirkungen und positiven bis gemischten Auswirkungen des Klimawandels bei etwa 2,85 Grad gesehen. Nach dem heutigen Wissensstand liegt diese Grenze bei 1,5 Grad. Wir wissen, dass selbst 1,7 Grad für die empfindlichsten Systeme wie die Korallenriffe äusserst kritisch sind. Man müsste deshalb heute nicht mehr bloss 450 ppm für die Stabilisierung der Treibhausgase in der Atmosphäre anstreben, um gefährliche Konsequenzen zu vermeiden, sondern sich ernstlich überlegen, ob dieser Wert nicht bei 350 ppm liegt. Wir sind heute aber schon bei 385 ppm. Steffen Klatt: Kann man wissenschaftlich exakt vorhersagen, was bei einer Erwärmung von 2 Grad geschieht? Andreas Fischlin: Man kann sehr viel vorhersagen. Die Wissenschaft hat in dieser Hinsicht viele Fortschritte gemacht. Heute versteht man weit besser, was Extremereignisse bedeuten und wie sich der Klimawandel auf ökologische Systeme auswirkt. Das sind aber nicht Vorhersagen , sondern Projektionen. Aufgrund von Szenarioannahmen erlauben uns die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu berechnen, was passieren könnte. Allein in meinem Bereich beim UNO-Klimabericht, für den ich als Autor verantwortlich war, habe ich mit unserem Team 3200 Publikationen verarbeitet. Ja, es gibt noch viele Unsicherheiten, aber es gibt auch viele robuste Resultate.Diese Erkenntnisse besagen klar, dass es viele gefährliche Auswirkungen geben wird, wenn wir den Klimawandel nicht wirklich begrenzen. Verwandte Themen| { Die Stunde der Interessenvertreter, 15.12.09 } | | { Blockade in Kopenhagen
, 14.12.09 } | | { Bedrohte Gletscher, 20.10.09 } | | { Korallenriffe vor dem Kollaps, 18.09.09 } | | { An Klimawandel anpassen, 15.09.09 } | | { Arktiseis schmilzt rasant, 04.09.09 } | | { Kassensturz vor Kopenhagen , 02.09.09 } | | { Die Meere kochen, 21.08.09 } | | { Klimawandel im Wald sichtbar, 06.05.09 } | | { Das Meer versauert, 30.04.09 } |
Steffen Klatt: Lässt sich der Klimawandel überhaupt noch begrenzen? Andreas Fischlin: Leider gibt es noch Leute, die sich in einer falschen Sicherheit wähnen. Sie glauben, dass sich jeglicher Klimawandel vermeiden liesse. Doch dazu ist es zu spät. Diesbezüglich ist es bereits fünf nach zwölf. Einen gewissen Klimawandel haben wir bereits in die Wege geleitet, der nicht mehr aufzuhalten ist. Für die Schweiz etwa ist eine Erwärmung bis vier Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit unvermeidbar geworden. Weltweit sind 1,5 Grad unvermeidbar geworden. Steffen Klatt: Selbst wenn wir aufhören, Auto zu fahren und Öl zu verbrennen, würde der Klimawandel also stattfinden? Andreas Fischlin: Selbst wenn wir fast sämtliche Emissionen ab sofort einstellten, würde die Temperatur immer noch um 0,6 Grad steigen zusätzlich zu den 0,74 Grad, die wir bereits hatten. Steffen Klatt: Wenn schon jetzt zu viel Kohlendioxid in der Luft ist, muss die Menschheit anfangen, Kohlendioxid wieder aus der Atmosphäre zu holen? Andreas Fischlin: Das könnte durchaus der Fall sein, doch gibt es zurzeit keine einzige Geoengineering-Methode, die effektiv, kostengünstig und unumstritten wäre, abgesehen von der Stärkung und dem Schutz der Wälder. Deshalb erachte ich den Gipfel von Kopenhagen als die letzte Chance der Menschheit, das Ziel der Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad doch noch einhalten zu können. Wenn wir das verpassen, dann laufen wir auf eine völlig neue Welt zu, die dann vielleicht die Anwendung der Geoengineering-Massnahmen erfordert, obwohl sie mit erhebliche Risiken verknüpft sind. Steffen Klatt: Bei den Klimaverhandlungen wird nur über den Ausstoss von Kohlendioxid gesprochen… Andreas Fischlin: Das stimmt nicht. Es wird über die Treibhausgase insgesamt gesprochen. Sie werden aber umgerechnet auf CO2-Äquivalente. Methan entsteht in der Viehwirtschaft und im Reisanbau. Es ist ein 20 Mal so starkes Treibhausgas wie CO2. Lachgas ist 300 Mal so stark. Steffen Klatt: Es geht trotzdem immer um den Ausstoss von Gasen. Kann man damit den Klimawandel in den Griff bekommen? Andreas Fischlin: Wenn man das richtig umrechnet, ist das sicher eine gute Annäherung, um das Klima schützen zu können. Steffen Klatt: Wann erwarten Sie ein bindendes Klimaabkommen? Andreas Fischlin: Das sollte es jetzt geben. Zur Person: Andreas Fischlin vom Institut für integrative Biologie der ETH Zürich hat als „Coordinating Lead Author“ am zweiten Teil des UNO-Weltklimaberichts mitgearbeitet, der vom Zwischenstaatlichen Rat für den Klimawandel 2007 herausgegeben worden ist. Er war hauptverantwortlich für das Kapitel über Ökosysteme. Andreas Fischlin ist an der ETH Leiter der Gruppe Terrestrische Systemökologie seit deren Gründung im November 1988. Seit vielen Jahren ist er bereits Wissenschaftsvertreter in der schweizerischen Delegation bei den Klimaverhandlungen. Fischlin ist in Bern geboren und hat Biologie sowie Systemtheorie und Regelungstechnik studiert. Bild: Yvonne von Hunnius
|