Am Klimagipfel in Kopenhagen geht es nicht nur um das Klima. Es geht auch um einen riesigen Markt. Das Volumen des Kohlendioxidhandels, der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien geht schon heute in die hunderte Milliarden. Es werden noch viel mehr. Viele Unternehmen setzen sich auch deshalb für einen Erfolg des Klimagipfels ein.
Jeremy Leggett ist besorgt. Der Chef des grössten Anbieters von Solarenergielösungen in Grossbritannien wird zum Klimagipfel nach Kopenhagen reisen, um sich für eine bindende politische Einigung auf mehr Klimaschutz einzusetzen. „Denn wir schlittern in eine Welt hinein, in der wir schneller Wohlstand zerstören, als wir ihn schaffen können“, sagt er gegenüber dieser Zeitung. Leggett hat seine Firma, Solarcentury, 1998 gegründet, um Klima und Umwelt zu schützen. Zuvor hatte der Geologe für Greenpeace gearbeitet. Markt für Kohlendioxid explodiertDabei geht es längst nicht mehr um Ökologie gegen Ökonomie: Klimapolitik ist längst zu einem riesigen Markt geworden. Allein der EU-Emissionshandel hat im vergangenen Jahr ein Volumen von 92 Milliarden Euro (139 Milliarden Franken) erreicht. In diesem Jahr dürfte er trotz Krise um mehr als ein Viertel wachsen. Auf dem grössten Kohlendioxidmarkt der Welt müssen sich jene Unternehmen mit Verschmutzungsrechten eindecken, die ihren C02-Ausstoss nicht wie vorgeschrieben senken können. Das EU-Handelssystem ist das grösste, aber nicht das einzige. Auch in der Schweiz wird gehandelt, beide Systeme sollen nach 2012 miteinander verbunden werden. In den USA gibt es bisher ein freiwilliges Handelssystem. Allein die Klimabörse in Chicago handelt rund 4 Prozent des US-Ausstosses von CO2. Das entspricht dem Ausstoss eines mittelgrossen europäischen Landes. Der US-Kongress berät über die Einführung eines obligatorischen Handels. Dessen Volumen dürfte mehr als doppelt so gross sein wie das des EU-Handelssystems. Auch alle anderen Industriestaaten dürften solche Handelssysteme einführen. Wachstum legt Verschnaufpause einDie Klimapolitik ist ein wesentlicher Treiber für die Entwicklung der erneuerbaren Energien. Allein in den Ausbau der Windkraft sind 2008 insgesamt 37 Milliarden Euro investiert worden. Gemäss einer Schätzung des Weltwindrates (GWEC) in Brüssel könnte die jährliche Investitionssumme bis 2020 auf 150 Milliarden Euro steigern. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr weltweit rund 80 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert. Damit haben die erneuerbaren Energien laut Christopher Flavin vom Worldwatch Institute in Washington bereits einen Anteil von 23 Prozent an den zusätzlichen Kapazitäten für die Energiegewinnung erreicht. Die Wachstumsraten sind bis zum Ausbruch der Krise beeindruckend gewesen. Bei der Solarenergie betrugen sie zwischen 2002 und 2008 jährlich 56 Prozent, bei Agrotreibstoffen 28 Prozent und bei Wind 25 Prozent. Die Krise hat vor allem grosse Projekte getroffen, weil die Banken bei der Projektfinanzierung sehr zurückhalten geworden sind. Sobald aber diese Zurückhaltung beendet ist, werde der Aufschwung weiter gehen, erwartet Marcel Brenninkmeijer, Chef von Good Energies in Zug. Die Beteiligungsgesellschaft ist Grossaktionär unter anderem des Solarherstellers Q-Cells in Sachsen-Anhalt – und der britischen Solarcentury. Doch auch die Energieeffizienz – die billigste Energiequelle – zählt zu den Märkten, die von der Klimapolitik getrieben werden. Insgesamt schätzt die britische Grossbank HSBC den mit der Klimapolitik verbundenen Markt bereits auf 530 Milliarden Dollar (350 Milliarden Euro/530 Milliarden Franken). Dieser Markt wird sich rasch vergrössern. Viele Regierungen haben im Rahmen ihrer Konjunkturprogramme die Förderung von allen Arten von Cleantech gestärkt. In den USA und Europa sind dies jeweils rund 80 bis 90 Milliarden Euro, in China sogar 150 Milliarden Euro. Südkorea hat sogar den grössten Teil seines Konjunkturprogramms für Cleantech reserviert. In der Schweiz, die sich bei Konjunkturspritzen zurückhält, fliessen immerhin 200 Millionen Franken pro Jahr zusätzlich in die Gebäudeeffizienz, die Förderung erneuerbarer Energien wird verstärkt. Teile der Wirtschaft drängen auf ErfolgKein Wunder, dass nicht nur Ex-Greenpeace-Aktivist Leggett sich für einen Erfolg des Klimagipfels einsetzt. Der Weltwirtschaftsrat für nachhaltige Entwicklung (WBCSD), der Anfang der 90er Jahre auf eine Initiative des Schweizer Milliardärs Stephan Schmidheiny gegründet worden ist, lädt gemeinsam mit der Internationalen Handelskammer zu einer Tagung am Rand des Klimagipfels ein. Dabei soll über wirtschaftsverträgliche Lösungen für die Klimakrise gesprochen werden. „Regierungen und die Wirtschaft müssen zusammenarbeiten, um eine Lösung zu finden“, sagt WBCSD. Auch in den USA setzen sich immer mehr Unternehmen für eine aktive Klimapolitik ein. Sie gehen dabei auf Konfrontation zur mächtigen US-Handelskammer, die bisher bremst. Unternehmen wie Apple sind deshalb aus der Handelskammer ausgetreten. In der Schweiz, die in der Klimapolitik auf Druck der klassischen Wirtschaftsverbände lange gezögert hat, bildet sich nun ein neuer Wirtschaftsverband nachhaltig orientierter Unternehmen. Ökologie gegen Ökonomie – das war mal. Gutes Gewissen und gute Geschäfte sind nun vereinbar. Wenn die Regierungen es in Kopenhagen nicht schaffen, dann gibt es Ärger mit der Wirtschaft. „Es wird starke Reaktionen des progressiveren Teils der Wirtschaft geben“, sagt Leggett. Bild: Bau eines Sonnenkraftwerks in Südspanien (desertec).
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