Der Klimawandel macht es möglich: Schon heute gibt es eine beachtliche Produktion durchaus trinkbarer britischer Weine. In den letzten Jahren hat sich der Weinbau in Südengland von einer Liebhaberei zu einem wachsenden Wirtschaftszweig entwickelt.
Wofür Grossbritannien bisher mit Sicherheit nicht bekannt war, ist Schönwetter. Doch der Klimawandel könnte nun die Bedingungen schaffen, dass „bis zum Jahr 2080 in beinahe ganz England Wein angebaut werden kann“, wie Richard Selley, Geologie-Professor am Imperial College London, vorhersagt. Besonders britischem Weisswein wird eine große Zukunft vorausgesagt. Bedingungen wie in der Champagne Der Weinanbau kam mit den Römern ins heutige Großbritannien, geriet aber spätestens mit der Auflösung der Klöster durch König Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert fast völlig in Vergessenheit. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Wiederbelebung des Weinbaus, vorwiegend in Südengland, wo teilweise dieselben geologischen Gegebenheiten wie in klassischen Anbauregionen herrschen, etwa der Champagne, wenn auch bei deutlich niedrigeren Temperaturen. Hier werden Trauben angebaut, die vorwiegend für die Sektproduktion verwendet werden. In den letzten Jahren hat sich der britische Weinbau von einer Liebhaberei zu einem wachsenden Wirtschaftszweig entwickelt. Chris White, Manager des Weinguts Denbies Wine Estate in Surrey, Südengland, sagt, dass der Ertrag an Trauben in den letzten 20 Jahren um 15 Prozent gestiegen ist. Nach Angaben des Industrieverbands English Wine Producers nahm die Anbaufläche allein in den vergangenen fünf Jahren um über 50 Prozent zu.416 britische Weingüter In Folge gab es Ende 2008 in Grossbritannien 416 Weingüter und 116 Weinkellereien, in denen insgesamt zwei Millionen Flaschen britischer Wein produziert werden. 1,6 Millionen waren Weißwein und Sekt, 400.000 waren Rotwein. Für 2009, nach einem vorwiegend verregneten Sommer bei milden Temperaturen, wird ein Rekordjahr erwartet. Dennoch bleibt der Marktanteil heimischer Weine marginal: Von den 5,6 Milliarden Pfund (6,17 Milliarden Euro/ 9,3 Milliarden Franken), die britische Konsumenten jährlich für Wein ausgeben, gehen gerade 0,14 Prozent an britische Weine. Länder wie Italien oder Frankreich produzieren zwischen sieben und acht Milliarden Flaschen Wein pro Jahr. Wärme gegen Vorbehalte Die britischen Weinhersteller sind freilich zuversichtlich. Auf internationalen Weinverkostungen gewannen sie in den letzten Jahren über 100 Auszeichnungen, bei Blindverkostungen konnte sich britischer Champagner wiederholt gegen französischen durchsetzen. Manche führen das direkt auf den Klimawandel zurück: „Je wärmer es wird, desto bessere Trauben ernten wir. Und mit besserer Qualität werden auch die Vorbehalte gegen englischen Wein verschwinden“, meint White. Roederer nach Grossbritannien? Insbesondere in Frankreich fürchtet man die Folgen des Klimawandels für die Weinindustrie. Eine Greenpeace-Studie im August, die davor warnte, dass die Erderwärmung zu einer Verlagerung der Weinbauregionen in die nördliche Hemisphäre führen wird, löste einen offenen Brief von 50 führenden Köchen und Sommeliers an Staatspräsident Nicolas Sarkozy aus, in dem sie dringend zur „Rettung dieses Juwels der französischen Kultur“ aufriefen. Führende französische Produzenten wie etwa der Champagner-Hersteller Louis Roederer hingegen überlegen bereits Investitionen in Großbritannien. Ob der Klimawandel tatsächlich hauptverantwortlich für die Renaissance des britischen Weinbaus ist, bleibt vorerst umstritten. Experten machen vorwiegend des Enthusiasmus individueller Unternehmer, die Änderung der britischen Trinkgewohnheiten und technologische Fortschritte verantwortlich. „In der Welt des Weines ist Anerkennung alles“, sagt Bob Lindo, ein früherer Militärpilot, der heute mit seiner Frau in Cornwall ein Weingut betreibt. Die Verkaufsleiterin des Weinguts Denbies, Elfrida Spooner, hingegen warnt vor dem Klimawandel: „Die Weine werden besser und besser werden, aber das Leid der Menschen wird wachsen und wachsen.“ Was nicht bedeutet, dass sie es dann nicht mit einer Flasche Chateau de Dorking oder Sauvignon de Surrey hinunterspülen werden wollen. Bild: Denbies Wine Estate in Surrey
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