Die ersten klimaneutralen Brillengläser kommen aus Stein am Rhein: Das Unternehmen Knecht-Müller ist unter der Leitung von Peter Müller zu einem Vorreiter nachhaltiger Unternehmensstrategie geworden. Und das führt auch zu wirtschaftlichem Erfolg.
Yvonne von Hunnius: Was bedeutet für Sie konkret das Wort Nachhaltigkeit? Peter Müller: Für mich bedeutet Nachhaltigkeit zuvorderst ein Handeln, das anständig, fair, bescheiden beziehungsweise verantwortungsvoll ist. Anständig im sozialen Sinne, fair im wirtschaftlichen und bescheiden sowie verantwortungsvoll in bezug auf die Natur, wobei nicht mehr genommen werden soll, als unbedingt notwendig ist. Ich ersetze den Begriff Nachhaltigkeit generell lieber durch diese drei bis vier Adjektive, da er heutzutage schon fast zu häufig verwendet wird. Yvonne von Hunnius:Sie unterscheiden zwischen Nachhaltigkeitsstrategie und einer nachhaltigen Unternehmensstrategie… Peter Müller:Wir haben uns für eine nachhaltige Unternehmensstrategie entschieden. Denn eine Nachhaltigkeitsstrategie bedeutet, dass parallel Innovations-, Personalstrategien und ähnliches laufen. Wenn ich eine generelle nachhaltige Unternehmensstrategie habe, dann impliziert das, dass ich in jedem Teilbereich Nachhaltigkeit beachte. Das ist viel integraler: Anständigkeit, Fairness und Bescheidenheit spielen somit bei jedem Entscheid eine Rolle. Yvonne von Hunnius:Welches konkrete Beispiel können Sie nennen? Peter Müller:Das mache ich gar nicht mehr bewusst – seit 1995 haben wir dieses integrale Denken etabliert, somit läuft das schon automatisch. Doch nehmen wir die Energiepreiserhöhung. Wir subventionieren unseren gesamten Energiebezug mit Alternativstrom, was ungefähr 30.000 Franken ausmacht. Damit können wir auch allfällig steigende Preise dämpfen. Aber eine Energiepreiserhöhung belastet ja nicht nur unser Unternehmen, sondern auch unsere Mitarbeiter. Das sehen wir, wenn wir nachhaltig denken. Deshalb organisieren wir Informationsveranstaltungen zum Beispiel über Wärmedämmung und dergleichen, damit auch im Privaten damit umgegangen werden kann. Yvonne von Hunnius:Betrachten wir die zentralen Ressourcenflüsse bei Energie, Wasser und Abfall – welche Konzepte wenden Sie an? Peter Müller:Mein Traum ist, unser Unternehmen selbst mit Energie zu versorgen. In den Bündner Bergen wird Trinkwasser über eine Turbine geleitet und daraus Strom generiert. Meiner Ansicht nach ist das eine der genialsten und überzeugendsten Lösungen in bezug auf Alternativstrom. Das Wasser läuft ohne menschlichen Einfluss bereits bergab, muss nur genutzt werden. In Stein am Rhein bin ich am prüfen, ob man dort eine ähnliche Anlage bauen könnte – doch das Projekt wird noch lange dauern. Diese Energie würde dem Unternehmen angerechnet werden, doch die Energie würde ins Netz gespeist. Zudem werden wir jetzt im Frühling komplett im Heizwesen auf Holzschnitzel wechseln. In Punkto Wasser haben wir eine spezielle Grauwasseranlage eingesetzt. Hier wird Wasser umgeleitet und für Prozesse genutzt, die nicht unbedingt sensibel sind. Somit sparen wir enorme Wassermengen. Yvonne von Hunnius:Wie weit sind Ihre Pläne, den Materialabfall zu minimieren? Peter Müller:Das ist ein intensives Forschungsfeld bei uns. Wenn wir das uns gelieferte Rohglass mit hundert Prozent berechnen, ist frappierend, dass letztlich nur fünf Prozent in einem Brillenglas steckan. Der Rest ist Abfall. Wir verwerten das momentan thermisch, doch würden den Rest gern hochwertiger verwerten im Sinne der Cradle to Cradle-Strategie. Wir testen gerade verschiedene Möglichkeiten. Yvonne von Hunnius:Inwieweit sind denn die Produkte, Ihre Brillengläser, als nachhaltig zu bezeichnen? Peter Müller:Natürlich wollen wir nur hochqualitative Produkte produzieren. Doch im eigentlichen Sinne sind es klimaneutrale Brillengläser. Diesen Aspekt haben wir bis dato kaum im Marketing verwendet, doch wollen es in Zukunft verstärkt tun. Yvonne von Hunnius:Sie sind nun in der fünften Generation in Stein am Rhein und hier auch beispielsweise bei der alternativen Energiegewinnung aktiv – welche Rolle spielt für Sie die Region? Peter Müller:Wir wollen Mehrwert für die Region um Stein am Rhein schaffen. Die Lebensqualität, die uns die Region bietet und von der wir profitieren, soll erhalten bleiben. Wir haben kein Problem, gute Mitarbeiter anzuziehen, wir haben eine sehr gute Anbindung. Das alles sind wichtige Elemente des Erfolgs. Yvonne von Hunnius:Ist die nachhaltige Unternehmensstrategie Ihres Unternehmens auch potentiellen Arbeitnehmern wichtig? Peter Müller:Ja. Es freut mich sehr, dass gerade das ein Kriterium für viele, meiner Meinung nach sehr gut qualifizierte, Mitarbeiter ist, sich gerade bei uns zu bewerben. Die schöne landschaftliche Einbettung und unsere Unternehmensphilosophie können für sie mit einem Magneten wie Zürich konkurrieren. Yvonne von Hunnius:Ist es für Eigentümergeführte Unternehmen tatsächlich einfacher, Nachhaltigkeit durchzusetzen? Peter Müller:Eigentümergeführte Unternehmen sind fast zwingend für nachhaltig wirtschaftliches Denken. Eigentümer denken unweigerlich langfristig und sind relativ frei vom kurzfristigen Renditedenken. Für mich war die nachhaltige Richtung schon immer Grundvoraussetzung, den von Haus aus bin ich Biologe. Diesen Rucksack habe ich auch an meine Kinder weitergegeben. Mein Sohn und meine Tochter sind im Unternehmen aktiv und somit sind wir in der fünften Generation. Es kann sein, dass die nächste die Firma verkauft, dennoch besitzen meine heutigen Investitionen einen langen Zeithorizont. Und auch die Vorbildfunktion ist eine wichtige. Doch ich will keineswegs abstreiten, dass es sehr anständige angestellte Manager mit Vorbildfunktion gibt. Yvonne von Hunnius:Wie versuchen Sie konkret, einen nachhaltigen Geist bei den Mitarbeitern zu etablieren? Peter Müller:In diesem Rahmen ist mir eine Schwäche aufgefallen, die in Zusammenhang mit dem Konzept des eigentümergeführten Unternehmens steht: Der Chef entscheidet! Ich entscheide, dass wir in nachhaltige Richtung laufen, beispielsweise, dass wir Geld für Alternativstrom ausgeben, das statt dessen auch unter den Mitarbeitern verteilt werden könnte. Deshalb ist Transparenz wichtig: Bei einer Mitarbeiterversammlung habe ich das zur Diskussion gebracht und mir wurde entgegengebracht, man unterstütze es, wenn es sich gesamtwirtschaftlich lohne. Demnach habe ich eine Präsentation erarbeitet, die die Entlastung des Gesundheitssystems durch die Produktion von Alternativstrom beleuchtet. Die Mitarbeiter hätten immer noch zögerlich sein können, den Freiraum haben sie. Doch sie waren überzeugt. Zudem finden seit Januar Weiterbildungen statt, die nichts mit dem Arbeitsplatz an sich zu tun haben. Wir haben mit Energiesparmassnahmen begonnen, hatten bis dato schon Eco-Drive-Kurse, waren gemeinsam im Bergwald arbeiten, haben über Biodiversität gesprochen. Yvonne von Hunnius:Sie sind stark in nachhaltige Netzwerke integriert. Wieviele verträgt die Schweiz noch? Peter Müller:Verbände wie ÖBU leisten ausgezeichnete Arbeit im Sinne einer unternehmerischen Weiterbildung. Doch gerade im Cleantech-Bereich könnte ich mir weitere Netzwerke vorstellen. Es geht um den konkreten Praxisbezug, der vielleicht im Sinne von Cradle-to-Cradle (Wiege zur Wiege, Konzept eines intelligenten Materialkreislaufes, yvo) weitergegeben werden kann. Vorrangig ist mir hier der Gedankenaustausch wichtig. Essentiell ist auch, dass man sich gegenseitig darin bestätigt, in die richtige Richtung zu gehen. Yvonne von Hunnius:Wie beeinträchtigt die Krise Ihr Unternehmen? Peter Müller:Wir merken die Krise nur wenig – wir sind hinsichtlich des Umsatzes auf Vorjahresniveau. Bedenken muss man hier jedoch: Wir waren immer relativ langweilig mit unserem Wachstum, hatten nie riesengrosse Sprünge. Dennoch ist uns gerade in der Krise wichtig, mit Innovationen nicht nachzulassen. In Kooperation mit unseren japanischen Partnern, zu denen wir ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis haben, adaptieren wir eine neue Technologie. Ihre Super-High-Vision-Technologie wird bislang nur an wenigen Standorten in der Welt angewandt, jetzt auch bei uns. Gerade in den letzten Wochen kamen die Maschinen und nun werden wir mit der Produktion beginnen. Yvonne von Hunnius:Welche nachhaltigen Kriterien setzen Sie bei wirtschaftlichen Partnern an? Peter Müller:Ich war vor einem Jahr in Thailand, wo unsere Rohgläser hergestellt werden. Und ich war voll überzeugt von den Sozial- und Qualitäts-Standards. Auch die Umwelt-Regulierung ist auf einem sehr hohen Stand, was bei japanischen Unternehmen üblich ist. Und ich habe gerade jetzt alle Hauptlieferanten angeschrieben. Bis zum Jahresende will ich von allen ausführliche Informationen bezüglich ihrer Umwelt- und Sozialstandards haben. Für uns ist nicht nur wichtig, wie in Stein am Rhein produziert wird, wir betrachten die ganze Zuliefererkette. Yvonne von Hunnius:Wie bewerten Sie die generelle Einstellung Schweizer Unternehmen bezüglich Nachhaltigkeit? Peter Müller:Im Moment wird nur ein kleiner Kreis nachhaltig agierender Unternehmer wahrgenommen. Doch ich muss über die Branchen hinweg eine Lanze für meine Kollegen brechen. Es gibt sehr viele Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften und es nicht an die grosse Glocke hängen. Der Kreis derer, die sich offen zu Nachhaltigkeit im Unternehmertum bekennen, wird in der Schweiz noch stark wachsen. Und gerade im Augenblick wächst bei mir auch die Idee, dass man branchenintern im Rahmen der Optik-Industrie gemeinsame Initiativen starten könnte. Das bedarf, dass man über seinen Schatten springt gemeinsam etwas bewegt. Das gesunde Konkurrenzdenken muss ja hierdurch nicht zerstört werden. Es ist wichtig, in diesem Feld an einem Strang zu ziehen. Zur Person: Der studierte Biologe Peter Müller führt das Familien-Unternehmen Knecht & Müller seit 1986 in vierter Generation. Seit 1913 werden am Standort Stein am Rhein hochqualitative Brillengläser produziert. Peter Müller führte 1993 die Ökobilanz ein und seitdem ist auch erklärtes Ziel des Unternehmens, klimaneutrale Produkte herzustellen. Mit seiner nachhaltigen Unternehmensstrategie gewann Knecht & Müller bereits einige Preise beispielsweise der ÖBU. Aktuell zählt die Knecht & Müller AG mit einer Jahresproduktion von rund 250.000 Brillengläsern zu den führenden Brillenglasherstellern in der Schweiz und mit 55 Mitarbeitenden zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region. Peter Müller sprach als Referent auf der 21. Oikos Konferenz, die am 12. und 13. November in St. Gallen stattfand. Bild: Yvonne von Hunnius
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