Markt für Mutige

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 27.11.09
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Waseem Hussain, MarwasIn Indien entstehe ein riesiger Markt für Cleantech, sagt Waseem Hussain. Unternehmen, die davon profitieren wollten, müssten aber entweder Nischentechnologien anbieten oder in Indien selbst produzieren. Nur so könnten sie zu Preisen anbieten, die in Indien akzeptiert würden. Es brauche aber Geduld, Durchhaltewillen und den Glauben an das eigene Produkt.

Steffen Klatt: Indien hat Ende November eine Initiative zur Entwicklung von Solarenergie vorgestellt. Will sich das Land von fossilen Energieträgern lösen?

Waseem Hussain: Wenn man darunter die indische Regierung versteht, dann glaube ich nicht, dass Indien sich von fossilen Energieträger lösen will. Die indischen Unternehmer dagegen wollen das sehr wohl, ebenso wie andere, die sich für erneuerbare Energien einsetzen. Die indische Regierung will das nicht, weil sie der grösste Aktionär von Energieunternehmen ist, die mit fossilen Energieträgern und mit Atomkraft Strom produzieren. Sie will bis 2050 die Nutzung von Kohle – wenn auch sauberer als bisher -, Gas und Atomkraft sogar noch weiter ausbauen. Sie setzt aber mehr und mehr auch auf erneuerbare Energieformen, weil der Energiebedarf so gross ist, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden müssen.

Steffen Klatt:Die erneuerbaren Energien sollen also nur einen Teil des wachsenden Bedarfs decken?

Richtig. Der Hauptantrieb für erneuerbaren Energien kommt nicht aus einem Umweltbewusstsein, sondern aus dem Wirtschaftswachstum. Die Energieversorgung ist schon heute sehr schlecht. Sie droht noch schlechter zu werden, wenn nicht zusätzliche Energiegewinnungsformen erschlossen werden. Es wird deshalb keine Abkehr von den fossilen Energieträgern geben.

 

Steffen Klatt:Gilt dieser Konservatismus auch in anderen Bereichen wie der Energieeffizienz und dem Umweltschutz?

Ja. Die Regierung hat erst angekündigt, Energieeffizienz mit Erlassen zu fördern. Aber es gibt noch keine gesetzlich bindenden Vorschriften. Ich vermute, dass diese Ankündigungen auch mit dem Weltklimagipfel von Kopenhagen zu tun haben. Erst nach Kopenhagen wird sich zeigen, was von den Ankündigungen umgesetzt wird.

Steffen Klatt:Warum ist Indien so konservativ, während es die chinesische Regierung mit der Förderung erneuerbarer Energien und der Energieeffizienz wirklich ernst zu meinen scheint?

Das hat einerseits mit dem schlechteren Ruf Chinas in Sachen Umweltverschmutzung zu tun. Auch in Indien wird die Umwelt dramatisch verschmutzt, aber Indien wird mehr Wohlwollen entgegengebracht. Andererseits hat es damit zu tun, dass China in den grossen Wirtschaftszentren bereits ein industrialisiertes Land ist. Indien ist erst daran, sich zu industrialisieren. Deshalb beschäftigt es sich noch nicht mit den Problemen einer Industriegesellschaft. Die indische Regierung glaubt, dass sich diese Probleme später von selbst regeln.

Steffen Klatt:Warum sehen das die Unternehmen anders?

Wenn eine Fabrik oder ein Bürogebäude jeden Tag Stromausfälle hat und sich kein Notstromaggregat leisten kann, dann führt das zu einem Produktionsausfall, der das Unternehmen sehr viel Geld kostet. Selbst wer ein Notstromaggregat hat, treibt es meist mit Diesel an. Diesel ist derzeit sehr teuer und schafft eine neue Abhängigkeit. Die Unternehmen haben daher einen sehr grossen Anreiz, in erneuerbare Energieformen zu investieren. Dasselbe gilt für die Energieeffizienz. Mehr und mehr grosse Unternehmen in Indien bauen ihre neuen Gebäude energieeffizient.

Steffen Klatt:Schafft dieses Interesse der Unternehmen einen Markt, der gross genug ist, um auch für europäische und Schweizer Firmen attraktiv zu sein?

Ich glaube ja. Das hat mit der schieren Grösse des Landes zu tun. Ausserdem gibt es in Indien bereits viel Cleantech. Es ist nicht Hightech, sondern Lowtech, aber es ist Cleantech. Das reicht für indische Verhältnisse aus.

Steffen Klatt:Wie gross ist der Markt für Cleantech in Indien?

Es ist schwierig, den Markt zu beziffern. Denn er ist als Branche nicht erfasst, weder in Indien noch in der Schweiz noch anderswo. Nach meiner Schätzung hat der indische Cleantechmarkt sicher einen Umfang von einer Milliarde Franken. Das ist ein riesiger Markt. Aber der grösste Teil des Kuchens geht an indische Anbieter mit ihren günstigen Produkten.

Lieber Indien als China

Aus der Sicht von Waseem Hussain ist Indien für Unternehmen aus der Schweiz, aber auch Deutschland und Österreich der interessantere Markt als China. Indien stehe Europa kulturell und politisch näher, die englische Sprache sei weiter verbreitet. Das indische Rechtssystem sei allerdings besonders im Zivilrecht von Korruption belastet, die Gerichte seien überlastet. Immerhin habe sich das Urheberrecht und der Schutz von Patenten und Verträgen in den vergangenen Jahren zugunsten ausländischer Investoren entwickelt.

Steffen Klatt:Was hat ein europäisches Unternehmen zu bieten, wenn es mit teurer Hochtechnologie kommt?

Indien ist für Unternehmen interessant, die Nischentechnologien anbietet, die es in Indien so noch nicht gibt. Als Schweizer Unternehmen sollte man sich auch überlegen, in Indien zu produzieren, statt aus der Schweiz zu exportieren. Dann kommt man in eine Kostenstruktur hinein, die auch für indische Abnehmer interessant ist. Das ist dann Swiss Hightech Made in India. Es gibt Kunden, die den höheren Preis zahlen, weil sie davon ausgehen können, dass sie mit dem Produkt zehn Jahre zufrieden sein können.

Steffen Klatt:In welchen Bereichen gibt es Chancen für Unternehmen, die nach Indien exportieren oder dort produzieren wollen?

Energieeffizienz ist sehr wichtig, dann die Verbrennung von Biomasse, Solarthermie, Photovoltaik. Auch bei kleinen Wasserkraftwerken gibt es einen Markt, aber da haben Schweizer Firmen nicht so viel zu bieten. In der Geothermie gibt es ein paar Schweizer Firmen, die etwas zu bieten hätten, aber da gibt es keinen Markt in Indien. Bei der Windenergie gibt es viel, was man hier herstellen oder in Indien produzieren könnte. Bei der Solarenergie müsste man das meiste in Indien herstellen. In der Architektur und im Bau gibt es Potential für Materialien, die weniger Energie verbrauchen. Der Bereich Transport wird sehr stark unterschätzt. Das betrifft unter anderem Antriebe, Bremsen und Batterien.

Steffen Klatt:Auf welche Hindernisse trifft ein kleines oder mittelgrosses Unternehmen, wenn es nach Indien gehen will?

Indien ist kein homogenes Land. Es besteht aus Bundesstaaten, ist eine Demokratie. Der Markt ist gross und überreguliert. Die Importzölle sind hoch.

Steffen Klatt:Wie kann sich ein williges Unternehmen in diesem Markt durchbeissen?

Es gibt Organisationen wie die Schweizerisch-Indische Handelskammer und die Osec oder Beratungsunternehmen wie meines, die Hilfe leisten können. Wir helfen, das richtige Geschäftsmodell für Indien auszuarbeiten und dann die geeigneten Geschäftspartner auszuwählen. Denn ohne lokale Partner kann man den Markt nicht wirklich bearbeiten. Vielleicht braucht man pro Region einen Distributor. Vielleicht geht man auch tiefer in den Markt und gründet eine eigene Ländergesellschaft. Dann braucht es aber fünf bis sieben Jahre, damit das richtig fliegt. Wenn man Geduld und Durchhaltewillen hat, an seine Produkte und den indischen Markt glaubt, dann hat man gute Voraussetzungen für einen Erfolg.

 


Zur Person:

Waseem Hussain ist Geschäftsführer der Marwas AG. Der Schweizer Bürger, Jahrgang 1966, ist in einer indischen Familie am Zürichsee aufgewachsen. Waseem Hussain ist Lehrbeauftragter und Gastdozent verschiedener Hochschulen. Das im Jahr 2000 gegründete Zürcher Beratungsunternehmen Marwas hilft Schweizer Unternehmen, die in Indien aktiv werden wollen, und umgekehrt indischen Unternehmen in der Schweiz. Waseem Hussain hat im Auftrag der Osec, des offiziellen Schweizer Aussenwirtschaftsförderers, eine Studie zu den sauberen Energien in Indien gemacht.

 

Bild: Marwas/Clara Tuma

 

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