Die Menschheit lebt über ihre Verhältnisse. Der ökologischer Fussabdruck wird immer grösser. Die Erde braucht derzeit 18 Monate, um die Naturressourcen zu regenerieren, die wir in einem Jahr verbrauchen, und um das Kohlendioxid zu absorbieren, das wir in 12 Monaten in die Atmosphäre ausstossen. Europa braucht zweieinhalb Planeten, die USA sogar fünf. Dabei läge mehr Bescheidenheit im eigenen Interesse jedes Landes.
Die Menschheit lebt, als würden ihr eineinhalb Planeten zur Verfügung stehen. Das geht aus den neusten Daten hervor, welche das Global Footprint Network am Mittwoch veröffentlichte. Demnach konsumieren die Menschen die Naturressourcen und produzieren CO2 um 44 Prozent schneller als die Erde sie regenerieren und absorbieren kann. Klimawandel nur ein SymptomMit andern Worten: Die Erde braucht zurzeit 18 Monate, um zu regenerieren, was wir in einem Jahr verbrauchen. Die Symptome dieses alarmierenden Trends sind der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt, schrumpfende Wälder, abnehmende Fischbestände und vielerorts knappes Süsswasser. Das Global Footprint Network berechnet jedes Jahr den ökologischen Fussabdruck von mehr als 100 Ländern und der Menschheit als Ganzes. Der Fussabdruck misst, wie viel produktives Gebiet es braucht, um das zu produzieren, was eine Bevölkerung konsumiert, und um deren Abfall zu absorbieren. Es wird demnach berechnet, wie viel die Natur zur Verfügung stellen kann und wie viel verbraucht wird. Die neuste Studie basiert auf Zahlen von 2006. Wenn alle wie ein Durchschnittsamerikaner leben würden, wären fünf Planeten nötig, um die konsumierten Ressourcen zu produzieren und das Kohlendioxid zu absorbieren. Würden alle wie ein durchschnittlicher Europäer leben, bräuchten wir immerhin noch 2,5 Planeten. Von 2005 bis 2006 nahm der ökologische Fussabdruck weltweit um 2 Prozent zu, zum einen wegen der wachsenden Bevölkerung, zum andern wegen des zunehmenden Pro-Kopf-Konsums. Im Vergleich zum vorhergehenden Jahrzehnt stieg der Fussabdruck der Menschheit um fast ein Viertel (22 Prozent). In derselben Periode blieb die Biokapazität – der Umfang an Ressourcen, den die Natur produzieren kann – gleich oder nahm sogar leicht ab. 1961 hat die Menschheit die Hälfte der Biokapazität der Erde gebraucht, heute (2006) ist es jene von eineinhalb Planeten. Die Hälfte unseres ökologischen Fussabdrucks stammt heute von CO2-Emissionen. Der CO2-Fussabdruck (der Umfang an Land und Meer, den es braucht, um den CO2-Ausstoss zu absorbieren) nahm seit 1961 um 700 Prozent zu. Wir stossen soviel CO2 aus, dass es der Planet nicht absorbieren kann, es sich in der Atmosphäre ansammelt und zum Klimawandel beiträgt. Änderungen nötig Den höchsten ökologischen Fussabdruck verzeichnen die Vereinigten Arabischen Emirate mit 10,3 Hektaren pro Kopf. Sie traten dem Global Footprint Network erst 2007 bei und haben seither auch begonnen, ihren Fussabdruck zu verringern, indem sie in erneuerbare Energie investieren. An zweiter Stelle liegt Katar mit 9,7 Hektaren, vor den USA. Die Amerikaner brauchen pro Kopf 9,0 globale Hektaren, während der durchschnittliche Europäer einen Fussabdruck von 4,5 Hektaren hat. Zu den zehn Ländern mit dem grössten Ressourcenverbrauch zählen weiter Irland (8,2), Kuwait (7,9), Neuseeland (7,6), Dänemark (7,2), Estland (6,4), Grossbritannien (6,1) und Kanada (5,8). Am andern Ende der Skala befinden sich Malawi, Haiti und Bangladesch mit einem Fussabdruck pro Kopf von einer halben Hektare. Der weltweit durchschnittliche Fussabdruck pro Person umfasst 2.6 Hektaren, während die durchschnittliche Biokapazität, die einer Person zur Verfügung steht, 1,8 Hektaren beträgt. Die Schweiz ist auf Platz 14 mit einem Fussabdruck von 5,6 Hektaren pro Kopf. Deutschland belegt mit 4,0 Hektaren Platz 31. Die grossen Schwellenländer sind bescheiden, noch jedenfalls: China braucht einen Planeten und Indien 0,4 Planeten. Mehr Bescheidenheit aus EigeninteresseTrotz dieser ernüchternden Resultate gibt es Änderungsmöglichkeiten. „Diese Trends zeigen, dass es im Interesse jeder Regierung ist, jetzt zu handeln, um sparsamer mit Ressourcen umzugehen“, erklärte Mathis Wackernagel, Präsident von Global Footprint Network. „Selbst wenn im Dezember am Uno-Klimagipfel in Kopenhagen kein Abkommen erreicht werden kann, wie viele Regierungschefs einräumen, sehen zahlreiche Regierungen, mit denen wir zusammenarbeiten - von Ecuador bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten - die Bedeutung davon, individuelle Massnahmen zu ergreifen und auf eine nachhaltige Wirtschaft umzustellen.“ Heute leben 80 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, die ökologische Schuldner sind – sie benutzen mehr Biokapazität als sie innerhalb ihren Grenzen haben. Sie sind abhängig vom Ressourcen-Überschuss jener wenigen Länder, die ökologische Gläubiger sind. Das Global Footprint Network ist eine internationale Denkfabrik mit Sitz in Oakland, Kalifornien. Dem Netzwerk gehören neben hunderten Einzelpersonen 200 Städte, 23 Länder, Firmen, Forscher und Wissenschaftler sowie Nichtregierungsorganisationen an. Bild: Silhouette von Hongkong (Yoann Genier)
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