Die Pioniere wollen wachsen

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Geschrieben von: Lisa Louis, London 22.11.09
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London - Mit dem auszukommen, was der Planet Erde uns bietet – das ist das Ziel der Nachhaltigkeits-Siedlung BedZED im Süden von Londons. Auch sieben Jahre nach der Einweihung zieht das laut seinem Entwickler Bioregional „bekannteste Öko-Dorf Grossbritanniens“ noch immer Nachhaltigkeits-Fans aus aller Welt an. Doch mit den Jahren sind auch Fehler in der Konzeption offensichtlich geworden. Das Ziel ist noch immer nicht erreicht. Deshalb will BedZED weiter wachsen.

Die Südseite der zehn Backsteingebäude in Hackbridge in der Nähe von London besteht fast ausschliesslich aus Glas. Am oberen Rand geht sie in geschwungene Dächer über, die mit Photovoltaik-Zellen und Grasflächen bedeckt sind. Brücken verbinden die neben- und hintereinander aufgereihten Wohnkomplexe. Die Häuserkolonie ist von einzelnen Parkplätzen umgeben, die Gassen zwischen den Gebäuden sind Fußgängerzonen.

Nur so viel verbrauchen, wie der Planet gibt

In einem dieser Häuser befinden sich die Büroräume von Bioregional, der Wohltätigkeits-Organisation, die die Nachhaltigkeits-Siedlung BedZED konzipiert hat. Circa 20 Architektur-Studenten der Syracuse University im US-Staat New York lassen sich dort die Strategie des Öko-Dorfs erklären – und zwar von Sam Smith, einem Nachhaltigkeits-Berater, der seit vier Monaten in einem der 100 Apartments von „Grossbritanniens bekanntestem Öko-Dorf“ zur Miete wohnt. „Das Konzept von BedZED passt nun einmal zu meinen Überzeugungen“, sagt der gläubige Christ und plädiert dafür, dass endlich alle Menschen anerkennen sollten, dass die Ressourcen der Erde begrenzt sind.

Damit diese Ressourcen nachhaltig genutzt werden, folgt BedZED dem „Ein-Planet“-Ansatz: Die Bevölkerung sollte nur so viel Wasser, Energie und so weiter verbrauchen, wie die Erde hergibt. Verbräuchten alle Menschen durchschnittlich so viele Ressourcen wie zurzeit die Briten, benötigten wir ganze drei Planeten.
Um diesen Verbrauch zu senken, bietet BedZED ein Bündel an Einsparmöglichkeiten – zum Beispiel wassersparende Duschen und Klospülungen, eine gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und einen „Car-Club“, in dem Bewohner Autos stundenweise mieten können. Zudem haben die Bewohner eigene Gemüsegärten und können ihren Biomüll direkt zu den Komposthaufen auf dem BedZED-Gelände bringen.

Ihre Apartments sind ausserdem zur sonnigen Südseite hin ausgerichtet, geheizt werden muss deshalb wenig. Damit die Wärme in der Wohnung bleibt, sind Wände, Boden und Decke aus dicken Beton-Platten. Auf der kühleren Nordseite befinden sich Büroräume – „wo tagsüber Menschen arbeiten und die Körperwärme die Luft aufheizt“, sagt Smith.

Nicht alle Ziele erreicht 

Laut dem Bioregional-Bericht „BedZED sieben Jahre nach seiner Einweihung“ aus dem Jahr 2008 funktionieren die Nachhaltigkeits-Strategien jedoch nicht immer: Während BedZEDler die Ziele in Sachen Wasser- und Stromsparen erreichen, verbrauchen sie rund 80 Prozent weniger Energie zum Heizen als der Durchschnitt im Rest des Bezirks Sutton, in dem Hackbridge liegt. Das selbstgesetzte Ziel sind jedoch 90 Prozent.

Zudem gab über die Hälfte der 56 befragten Haushalte an, dass ihre Wohnung im Sommer zu heiss sei. „Dem kann man eigentlich mit dem eingebauten Wärmepuffer begegnen“, sagt Smith und erläutert, dass zur Südseite hin ein kleiner Wintergarten liegt, der von Aussenwelt und Wohnzimmer jeweils durch eine Doppelverglasung getrennt ist. Würden bei Sonnenschein beide Glasfronten geschlossen bleiben, dafür aber eines der Dachfenster oder der Fenster zur Nordseite hin geöffnet, bliebe das Apartment angenehm kühl.

Manche Bewohner nicht an Nachhaltigkeit interessiert

Dass nicht alle Einwohner diesen Wärmepuffer und andere Nachhaltigkeits-Chancen des Öko-Dorfs nutzen, liegt unter anderem daran, dass sie nicht eigens für die BedZED-Kolonie ausgesucht wurden. Nein, jeder kann die Apartments auf dem Immobilien-Markt erstehen. „Manche BedZEDler sind deshalb an Nachhaltigkeit interessiert, manche aber auch nicht“, betont Smith und zeigt auf ein in den Bioregional-Räumen ausgestelltes Beispiel. Dort strahlt Nicole Besuchern von einem Foto entgegen. Sie ist eine der bewusst lebenden BedZEDler, hat kein Auto, benutzt das öffentliche Transport-Netz, trennt ihren Müll und ist Vegetarierin. Das ist nachhaltig, da Tierzucht mehr Platz benötigt als Gemüse- und Obstanbau. Nicoles ökologischer Fussabdruck entspricht deshalb gerade mal 1,2 Planeten.

Auf dem Bild unter ihr lacht Steve in die Kamera. Er ist weniger umweltbewusst, isst viel Fleisch und fliegt mit seiner Frau in das 12.700 Kilometer entfernte Chicago in den Urlaub. Wenn alle Erdenbewohner so lebten wie Steve, bräuchten wir die Ressourcen von 2,3 Planeten.

„Natürlich gucken sich die weniger umweltbewussten BedZEDler etwas vom Verhalten der auf nachhaltige Art lebenden Bewohner ab“, sagt Smith. „Aber wir überwachen ihren Lebensstil nicht.“ Hilfe beim Nachhaltigkeits-Sein gab es nur im ersten Jahr der BedZED-Kolonie. Ein Nachhaltiger-Lebensstil-Offizier beriet die Einwohner, zudem wurden regelmässig Informationsbroschüren verteilt.

Durchschnittlich 1,7 Planeten

Doch selbst wenn alle Bewohner brav ihren Müll trennten, kein Auto mehr führen, Wasser sparten und Gemüse und Obst in den eigens dafür vorgesehen Gärten anpflanzten, könnte das Ein-Planet-Ziel von BedZED nicht erreicht werden: „Unseren Berechnungen zufolge verbrauchten die Bewohner immer mindestens durchschnittlich 1,7 Planeten“, sagt Jennie Organ, Pressesprecherin bei Bioregional, die von diesem Befund „ganz schön schockiert“ war. „Das Problem ist, dass BedZED nicht gross genug ist“, fügt sie hinzu. Ein grosser Teil des ökologischen Fussabdrucks entstünde deshalb außerhalb der Kolonie – „zum Beispiel wenn die Bewohner Produkte kaufen, die über weite Strecken transportiert wurden, oder auch beim Besuch öffentlicher Gebäude, in denen zu viel geheizt wird“.

Die Wohltätigkeits-Organisation arbeite deshalb gemeinsam mit der lokalen Behörde an einem Ein-Planet-Bezirk. Das Projekt sei bereits konzipiert, ein Teil der nötigen Finanzierung gefunden. „Wenn es schliesslich umgesetzt wird, können BedZED-Bewohner auch außerhalb ihres Öko-Dorfes einen nachhaltigen Lebensstil führen“, sagt Organ mit glänzenden Augen.

Bis dahin will Sam Smith nicht warten. Sein Mietvertrag gilt nur noch einige Monate. Damit er auch danach in BedZED wohnen bleiben darf, besichtigt er am Nachmittag ein anderes Apartment – das er vielleicht kaufen möchte.

 

Bild: Die Nachhaltigkeits-Siedlung BedZed in London (telex4/ Flickr).

 

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