Lustvoll wegwerfen, möglichst viel verbrauchen und doch ein gutes Gewissen haben – der Hamburger Materialforscher Michael Braungart stellt die Grundregeln ökologisch verantwortbaren Verhaltens auf den Kopf. Mit seinem Konzept „Von der Wiege zur Wiege“ fordert er zu einem intelligenten Materialmanagement auf. Potentiell können die gleichen Materialien unendlich oft in neuen Formen und Zusammensetzungen wiederverwendet werden.
Mit Legobausteinen kann jedes Kind spielen, Erwachsene ebenso. Immer neue Gebilde können mit den immer gleichen Bausteinen zusammengesetzt werden, über Generationen hinweg. Die Eltern können dabei ein gutes Gewissen haben: Im Plastik sind keine Giftstoffe enthalten, anders als in Spielzeugen anderer Hersteller. Mehr noch: Das gleiche Plastikmaterial könnte auch in völlig anderen Anwendungen wiederverwendet werden. Der dänische Spielzeughersteller ist mit dem niederländischen Elektronikkonzern Philips eine Allianz eingegangen, bei der sie die gleichen Plastikmaterialien in Auftrag geben. Das habe Legos Kosten für den Einkauf dieses Materials halbiert, sagt der Hamburger Chemiker und Materialforscher Michael Braungart. Materialien nur ausgeliehenLego ebenso wie Philips gehören zu den Anwendern des Prinzips „Cradle to Cradle“ – „Von der Wiege zur Wiege“ -, das von Braungart gemeinsam mit dem Amerikaner William McDonough entwickelt worden ist. Gemäss diesem Konzept werden alle Produkte so gestaltet, dass ihre Bestandteile und Materialien nach dem Gebrauch für dieses Produkt wiederverwendet werden können – und das potentiell unendlich oft. Die Bestandteile und Materialien werden gleichsam nur für die jeweilige Anwendung ausgeliehen. Wird diese Anwendung beendet, weil sie nicht mehr gebraucht wird oder einzelne Teile verschliessen sind, dann wird das Produkt wieder zerlegt. Braungart unterscheidet dabei zwei Kreisläufe, den technischen und biologischen. Im technischen Kreislauf bleiben die Bestandteile jeweils erhalten und werden nach der einen Anwendung in der nächsten wiederverwendet. Ein Beispiel. Ein Kühlschrank kann so konstruiert werden, dass die haltbareren Teile in den nächsten Kühlschrank eingesetzt werden können. Das setzt allerdings eine grössere Standardisierung voraus, als sie bisher üblich ist. In den biologischen Kreislauf geht ein, was verschleisst. Für Nahrungsmittel ist das selbstverständlich: Eine Praline kann nur einmal gegessen werden. Doch das gilt auch für die verschleissenden Teile technischer Produkte. Der Abrieb von Reifen geht in die Natur ein. Da alle technischen Produkte irgendwann verschleissen, müssen sie vollständig aus Materialien bestehen, die keine Gefahr für Gesundheit und Umwelt darstellen – keine Selbstverständlichkeit in einer Welt, in der die meisten Produkte Gifte enthalten. „Alle Produkte müssen essbar sein“, sagt Braungart. Ein Stück Stoff etwa müsse so produziert sein, dass er es bedenkenlos zerlegen und ins Frühstückmüesli tun könne. Ökologisch heisst viel konsumierenDas Konzept hat Folgen für die Art, wie gewirtschaftet wird. So entfällt der Begriff des Abfalls: Nichts wird mehr weggeworfen, sondern alles genutzt. Damit das funktioniert, sollten laut Braungart die Unternehmen ihre Produkte nicht mehr verkaufen, sondern nur noch deren Nutzung. „Ein Fensterproduzent verkauft dann keine Fenster mehr, sondern nur noch 25 Jahre Durchgucken“, sagt er. „Dann hat er auch ein Interesse daran, die besten und nicht mehr die billigsten Materialien zu verwenden.“ Schüco, Europas grösster Fensterhersteller, hat zusammen mit Braungarts Firma EPEA Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg solche Projekte verwirklicht. Eine weitere Folge: Ein ökologisch bewusster Konsument sollte nicht weniger, sondern mehr konsumieren. Denn je mehr er konsumiert, desto mehr können die Produzenten Erfahrungen sammeln. Braungart hält entsprechend wenig von der Ideologie des Verzichts. Er plädiert dafür, lustvoll zu konsumieren und lustvoll wegzuwerfen. In der Schweiz begonnen …„Von der Wiege zur Wiege“ ist in der Praxis erprobt. Der Schweizer Albin Kälin hat es schon ab Anfang der 90er Jahre mit Rohner Textilien umgesetzt. Verwendet wurden dabei nur noch Materialien, die vollständig kompostierbar sind. Damit waren diese Stoffe nicht nur giftfrei. Sie entwickelten zudem Eigenschaften, die andere Textilien nicht haben. So können giftfreie Textilien Raumluft reinigen helfen – etwas, das etwa bei Bezügen von Flugzeugsitzen bereits angewandt wird. Heute werden die einstigen Rohnertextilien unter dem Markennamen Climatex von der Firma Gessner in Wädenswil hergestellt. Es ist kein Zufall, dass ein Schweizer Unternehmen das neue Konzept zuerst angewandt hat. Denn der Basler Chemieriese Ciba-Geigy, der später mit Sandoz zu Novartis fusionierte, hatte Braungart zwei Jahre Forschung an seinem Konzept ermöglicht. Doch in grossem Massstab wurde das Konzept in den USA und später in den Niederlanden angewandt. Im Polderland setzen inzwischen grosse Konzerne das Konzept um. Ausser Philips gehören dazu etwa die Chemieriesen Akzo Nobel und DSM und der Abfallentsorger van Gansewinkel dazu. Auch die zentrale und regionale Regierungen fördern „Von der Wiege zur Wiege“. So wird heute kein Neubau eines Gebäudes ausgeschrieben, ohne dass eine Zertifizierung von „Cradle to Cradle“ verlangt wird. Und Regionen wie Limburg geben Millionen von Euro aus, dass das Konzept weiter in die Wirklichkeit eingebracht werden kann. Für Braungart ist es kein Zufall, dass die Niederlande so offen sind. Im Polderland gebe es keine Romantisierung der Natur. „Die Holländer konnten die Natur nicht romantisieren, sonst hätte sie die nächste Flutwelle mitgenommen.“ Und es gebe in den Niederlanden eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung. … und wieder in die Schweiz zurückDoch nun will Braungart über die Niederlande hinausgehen. In Dänemark haben die 30 grössten Konzerne, darunter die weltgrösste Reederei Maersk und der weltgrösste Windturbinenhersteller Vestas, „Cradle to Cradle“ offiziell ihre Unterstützung gegeben. Auch in Teilen Österreichs ist die Offenheit gross. Doch die Schweiz spielt in den Plänen Braungarts eine besondere Rolle. Die Eidgenossenschaft habe in der Welt einen so guten Ruf, dass sie zum Prototypen für die Umsetzung auch in Ländern wie China werden könnte. Deshalb wurde jetzt eine Niederlassung in der Schweiz gegründet. Albin Kälin ist nach Jahren im Ausland zurückgekehrt, um „Cradle to Cradle“ in seiner Heimat durchzusetzen. Bereits gebe es 20 Produkte in der Schweiz, die nach dem Konzept umgesetzt werden. Zu den Anwendern gehört etwa der Schuhhersteller MBT. Braungart und Kälin sind bereits mehrmals an Veranstaltungen von Oebu aufgetreten, das Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften, zuletzt Anfang November. Sie suchen weitere interessierte Unternehmen. Einer der interessierten Unternehmer ist Erwin Oberhänsli, Geschäftsleiter der Druckerei Feldegg in Zollikerberg. Das Unternehmen ist schon jetzt einer der Pioniere in umweltfreundlicher Produktion. In diesem Jahr wurde es mit dem Nachhaltigkeitspreis der Zürcher Kantonalbank ausgezeichnet. Oberhänsli kann sich gut vorstellen, „Cradle to Cradle“ anzuwenden. Gerade der Wandel weg von einem in erster Linie produzierenden hin zu einem dienstleistenden Unternehmen, wie ihn Braungart vorzeichnet, interessiert ihn. Zu den bereits existierenden Kunden der EPEA Internationalen Umweltforschung gehört der Zürcher Taschenhersteller Freitag. Das Interesse in der Schweiz ist also gegeben. Nun muss es noch in Handeln umgesetzt werden. Bild: Auf dem lego City Bauernhof haben kleine Landwirte alle Hände voll zu tun. Und hinterher können sie alles in neuer Kombination wieder benutzen (Lego).
|