Für einen Dritten Weg

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Ulrich Glauber, Frankfurt 16.11.09
Bookmark and Share
Stichworte:       

Die neoliberale Anbetung des freien Marktes wie die sozialistische Vergötterung des Staates sind für den Wirtschaftsethiker Professor Peter Ulrich spätreligiöse Ideologien mit Ablaufdatum. Notwendig ist für den Mitbegründer des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen die Abkehr von einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche und die vernünftige Integration gesellschaftlicher Erfordernisse in  wirtschaftliche Entscheidungsprozesse.

Ulrich Glauber: Ich habe den Eindruck, dass Sie sich seit Ausbruch der Finanzkrise viel anhören mussten: Naivität wird Ihnen unterstellt, Sie müssen sich die Frage gefallen lassen, ob ihre wissenschaftliche Tätigkeit sich gelohnt hat. Was antworten Sie ihren Kritikern?

Peter Ulrich: Dass ich ein methodischer Optimist bin. Denn das Gegenteil – Resignation, die Einstellung: Der Mensch ist halt so – macht schlicht keinen Sinn, und zwar gleich aus zwei Gründen. Zum einen hat ja gerade die jüngste Krise drastisch vor Augen geführt, dass der reale Mensch kein „Homo oeconomicus“ ist. Anzunehmen, die Menschen seien kalte Eigennutzenmaximierer ohne jegliche soziale Kompetenz und Moralität, wie es die herrschende neoklassische Fachökonomie durchexerziert, ist mindestens so realitätsfremd wie die philosophisch-ethische Grundannahme, dass der Mensch ein Wesen mit einer gewissen praktischen Vernunft ist und von daher sein Glück nicht rücksichtslos gegen alle andern sucht, sondern Sinn für eine faire Grundordnung des Zusammenlebens hat, inklusive der Fairness gegenüber nachkommenden Generationen. Nur sind wir in unserem Wirtschaftsdenken heute leider noch ziemlich unaufgeklärt. Wirtschaftsethik, verstanden als nachholende Aufklärung überholter Wirtschaftsdoktrinen, hat noch sehr viel zu tun. 

Ulrich Glauber: Und der zweite Grund für Ihren Optimismus?

Peter Ulrich:Nun, überall auf der Welt, wo die Aufklärung begonnen hat, zeigen moderne Ideen wie Freiheit und Selbstbestimmung, unantastbare Grundrechte und Demokratie eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft. In aller Regel ist der sich entwickelnde „öffentliche Vernunftgebrauch“ (Kant) in offenen Gesellschaften auf die Länge stärker als jede Ideologie. Wir haben 25 Jahre einer extrem reduktionistischen Doktrin in Sachen Wirtschaftsdenken hinter uns, die man im historischen Rückblick in zwei oder drei Jahrzehnten zweifellos als Ideologie bezeichnen wird.

Ulrich Glauber: Sie meinen den Marktliberalismus?

Peter Ulrich: Ich meine den marktradikalen Glauben, diese spätreligiöse Form von Gläubigkeit. Das blinde Vertrauen in den Markt erfüllt in der berühmten Metapher von der „unsichtbaren Hand des Marktes“ die Funktion der Heilsgewissheit, die früher der Schöpfergott geboten hat. Der Glaube an den Marktgott ist genauso anachronistisch wie der Glaube an den Staatsgott. Es sind in einer modernen Gesellschaft letztlich die Bürger selber, die ihr Zusammenleben organisieren müssen - Stichwort: freiheitlich-demokratische Gesellschaft.

Ulrich Glauber: Wirkt denn  die Erfahrung des Scheiterns der Planwirtschaft in Europa immer noch so stark nach, dass jeder, der auf Marktregulierung besteht, in den Geruch kommt, ein linker „ewig Gestriger“ zu sein?

 

Peter Ulrich: Für mich sind das letzte Formen des Aufzuckens der alten Nachkriegswelt. Mehr Staat versus mehr Markt – das ist eigentlich noch Kalter Krieg. Wir konnten in Westeuropa 50 Jahre lang sehen, wie sich die Marktgläubigen und die Staatsgläubigen bei Wahlen im Rhythmus von acht bis zwölf Jahren in der Politik abwechseln. Beide pflegen die Probleme nicht zu lösen, sondern durch neue Probleme zu ersetzen. Wir sind jetzt an einem entscheidenden Punkt. Es klingt etwas abgenutzt, aber man könnte sagen: Es geht um einen Dritten Weg.

Wir beginnen langsam zu begreifen, dass jeder vernünftige Mensch ein paar Trivialitäten einsehen sollte. Ich nenne zwei. Erstens: Eine funktionierende Marktwirtschaft besteht aus einem intelligenten Mix von Marktsteuerung und rechtsstaatlicher Ordnung.  Der  Markt spezifiziert noch keine Wirtschaftsordnung, denn er ist nur ein banaler Mechanismus.  Der Staat alleine kann eine komplex-arbeitsteilige Wirtschaft auch nicht zum funktionieren bringen.

Die zweite Trivialität ist, dass es kein Wirtschaftssystem gibt, das automatisch wie eine Maschine - quasi hinter unserem Rücken - die Probleme des gesellschaftlichen Zusammenlebens regelt. Insbesondere nicht so, dass der Einzelne sagen könnte: Ich brauche nur auf meinen Eigennutz zu schauen, den Rest – die soziale Harmonisierung – erledigt unser grossartiges System.

Ulrich Glauber: Was folgt aus diesen beiden Trivialitäten?

Peter Ulrich: Wir müssen wieder lernen, zwischen Wirtschaft und Gesellschaft zu unterscheiden. Wir haben heute sehr viele gesellschaftliche Probleme, die Ausdruck wirtschaftlichen Erfolgs, nicht etwa von Misserfolg sind. Weil wir so eine hohe volkswirtschaftliche Produktivität haben, haben wir chronische Beschäftigungsprobleme. Aber unsere Politiker und leider auch die meisten Ökonomen vertreten immer noch unhinterfragt die Auffassung, es gäbe für gesellschaftliche Probleme wirtschaftspolitische Antworten. Die Zahl derjenigen schrumpft, die noch an diese Rezepte glauben. Wer glaubt denn noch daran, dass die Politik es schaffen wird, je wieder Vollbeschäftigung herzustellen? Die Menschen haben begriffen, dass gesellschaftliche Probleme auch gesellschaftspolitisch gelöst werden müssen: Konkret gesagt: Wir haben ein reichliches Sozialprodukt. Unser Problem ist jedoch, dass wir dummerweise die Verteilung des Sozialprodukts an ein immer knapper werdendes Gut, nämlich Arbeitsplätze, gute Arbeitsplätze gekoppelt haben. Deshalb brauchen wir stets Wachstum, solange wir keine intelligentere Ordnung haben. Es liegt also ein gesellschaftspolitischer Organisationsfehler vor. Das kann man im Prinzip beheben.

Ulrich Glauber:Wo  ist man da schon am weitesten?

Peter Ulrich: In der Tendenz in den skandinavischen Ländern. Bei uns in der Schweiz wie in Deutschland denkt man noch in den Kategorien des Kalten Krieges: Entweder mehr sozialer Schutz auf Kosten der Marktfreiheit oder umgekehrt. Da kann man vielleicht Kompromisse machen, das sind aber faule Kompromisse. Die skandinavischen Länder haben begriffen, dass sich das Verhältnis von Gesellschaft und Wirtschaft nicht auf einer Ebene  bewegt, sondern – bildlich  gesprochen - um neunzig Grad in die Vertikale gedreht werden sollte. Das faire gesellschaftliche Zusammenleben bildet die obere, vorrangige Ebene, eine gesellschaftsdienliche Volkswirtschaft die nachrangige Ebene. Gerade der Einbezug aller Bürger in den Sozialvertrag schafft die Voraussetzungen dafür, dass wir in legitimer Weise Märkte deregulieren können.

Ulrich Glauber:Sprechen Sie von einer sozialen Grundsicherung?

Peter Ulrich: In Dänemark akzeptiert die Gesellschaft vielleicht am ausgeprägtesten eine hohe Staatsquote und lässt niemanden fallen. Es gibt eine hohe soziale Sicherheit. Gleichzeitig ist der Arbeitsmarkt fast US-amerikanisch dereguliert - im puren Gegenteil zu Deutschland. Man könnte etwas bösartig sagen, dass Deutschland in dieser Hinsicht alle Fehler macht, die man machen kann. Man interveniert direkt in den Arbeitsmarkt mit Instrumenten wie hohem Kündigungsschutz oder Mindestlöhnen, über die man allerdings in gewissen Fällen diskutieren kann. Auf der anderen Seite stehen fragwürdige soziale Sicherungssysteme. Hartz IV, das ist von der autoritativen und paternalistischen Grundhaltung her 18. Jahrhundert und einer modernen Gesellschaft freier Bürger nicht würdig. Das alles ergibt einen unkontrollierbaren Mix von Bremsung der Marktkräfte und gesellschaftlicher Unsicherheit.

Ulrich Glauber: Wo steht da die Schweiz?

Peter Ulrich: Für mich in der Mitte. Die Schweiz ist ja von der Mentalität vielleicht das amerikanischste Land in Mitteleuropa. Das ist von der zwinglianisch-calvinistischen Tradition  getragen und spiegelt sich zum einen im Wirtschaftsliberalismus. Auf der anderen Seite hat die Schweiz wahrscheinlich in ganz Europa die stärkste republikanische Tradition. Die Bürger begegnen sich auf Augenhöhe und bilden eine Gesellschaft, in der vom Status her alle gleich sind. Da sind beide Elemente, die Betonung der Gleichheit und zugleich eine stärkere Marktorientierung als beispielsweise in Deutschland. Das erreicht aber nicht die Klarheit des skandinavischen Konzepts.

Ulrich Glauber: Etwas provozierend gefragt: Wenn das Primat der Politik gilt, können Unternehmer und ihre Manager doch gar nicht sozial und nachhaltig handeln, weil sich sonst die Konkurrenz einen Vorteil verschafft, oder?

Peter Ulrich: Da gibt es für mich kein Entweder – Oder. Sowohl die Bürger als auch die Unternehmen als auch der Staat müssen ihre Rolle verantwortungsvoll erfüllen. Eine gute politische Rahmenordnung der Marktwirtschaft fällt ja nicht vom Himmel. Es wäre blauäugig anzunehmen, unsere Politiker hätten da freie Gestaltungsmacht. Diejenigen die das Sagen haben, bestimmen letztlich, was politisch möglich ist und was nicht. Und das ist eigentlich die Wirtschaft. Wenn die Privatwirtschaft nicht an gemeinwohldienlichen Rahmenbedingungen interessiert ist, dann lassen sich diese Bedingungen in einer demokratischen Ordnung nicht durchsetzen. Es braucht eine wechselseitige Unterstützung.

Ulrich Glauber: Und die Rolle der Unternehmer dabei?

Peter Ulrich: Die Unternehmer sind keine Marionetten des Marktes. Es bräuchte keine Unternehmer, wenn der Markt alles entscheiden würde. Unternehmer streben nach Marktmacht - und Macht heisst letztlich Freiheit. Diese Gestaltungsfreiheit können sie mehr oder weniger verantwortlich nutzen. Aber die Spielräume sind natürlich begrenzt, und an diesem Punkt kommt notwendigerweise die Politik ins Spiel. Beim Fussball erkennen Sie einen schlechten Schiedsrichter daran, dass er dem fairen Spieler versehentlich die rote Karte zeigt und dass er den, der Foul spielt, auf dem Feld lässt. Dasselbe macht der Staat, wenn er es zulässt, dass zum Beispiel Industrieunternehmen, die in Sachen Umwelt verantwortlich wirtschaften und entsprechend höhere Produktionskosten haben, von Konkurrenten aus dem Markt gedrängt werden, die aus dieser Sicht mit unlauteren Kostenvorteilen arbeiten. Da müssen die Anreize ordnungspolisch richtig gestellt werden.

Ulrich Glauber: Welche Tugenden soll denn der „Fussballspieler“ im Wirtschaftsteam vertreten?

Peter Ulrich: Er sollte eine nicht zu enge Erfolgsphilosophie haben. Anstatt nur auf finanzielle Performance zu achten, sollte er sich mit einer Wertschöpfungsidee beschäftigen, für die es sich lohnt, Energie und Lebenszeit einzusetzen. Die Geschichte zeigt, dass die grossen Unternehmer immer von einer lebensdienlichen Produkt- oder Dienstleistungsidee motiviert waren und nicht bloss vom Geld.

Ulrich Glauber: Um zum Anfang zurückzukehren: Als der SVP-Politiker Christoph Blocher mit seiner Bewerbung als ihr Nachfolger am St. Galler Institut für Wirtschaftsethik gescheitert ist ...

Peter Ulrich: Die Bewerbung Blochers konnte niemand ernsthaft in Erwägung ziehen, weil er als 68jähriger die Altersgrenze von 65 Jahren bereits überschritten hat, sich nicht habilitiert hat und keine wissenschaftlichen Forschungsleistungen im zu vertretenden Fachgebiet vorzuweisen hat - alles Voraussetzung für die Vergabe eines Lehrstuhls.

Ulrich Glauber: Blocher hat allerdings gesagt, der wahre Grund sei „die Weigerung der Uni St. Gallen, in ihrem Lehrbetrieb die fundamentale Infragestellung einer wirklichkeitsfremden, also gänzlich ineffizienten Lehrdoktrin zuzulassen“.

Peter Ulrich: Herr Blocher weiss nicht, wovon er spricht. Es verhält sich genau umgekehrt. Die Schwierigkeit, wirtschaftsethische Lehrstühle an den deutschsprachigen Universitäten zu vertreten, liegt an der kritischen Reflexionsaufgabe dieses Fachs. Das ist unbequem. Blocher meint, es genüge, wenn jemand wie er ein persönliches Unternehmerethos – und das nehme ich ihm ab – mitbringt und das den Studenten erzählt. Deshalb nimmt er immer auf Praxis und auf Erfahrung Bezug. Blocher hat überhaupt nicht verstanden, dass die Aufgabe der Ethik genau die ist, die Vielfalt von Ethos-Traditionen kritisch zu erhellen und zu analysieren. Das kann er nicht. Er würde nur erzählen, was seiner Meinung nach richtig und was falsch ist. Und Herr Blocher stammt bekanntlich aus einem sehr strengen zwinglianischen Pfarrhaus, was einen reizvollen Rückschluss zulässt, woher sein einseitig am „Geldsegen“ orientiertes Unternehmerethos stammt.

Ulrich Glauber: Der Vorwurf, wirklichkeitsfremd zu sein, trifft Sie also nicht wirklich?

Peter Ulrich:  Von Wirtschaftsethikern wird immer erwartet, dass sie Rezepte haben, die sich augenblicklich in die Praxis umsetzen lassen. Da liegt ein Missverständnis vor. Aufgabe von Wirtschaftsethik ist es, die vorliegenden Konzepte und Haltungen aus der Distanz heraus kritisch zu hinterfragen. Im Übrigen setze ich auf den Bewusstseinswandel. Die Bildungsaufgabe der Wirtschaftsethik im Wirtschaftsstudium könnte man so formulieren: Wenn unsere Wirtschaftsstudenten die Universität verlassen, sollten Sie nicht nur in rein ökonomischen Kategorien wie Kosten und Nutzen denken, sondern im Hinterkopf noch so ein blinkendes Fragezeichen haben und immer wieder mal nachfragen, ob es nicht noch andere als rein materielle Werte gibt. Oder sagen wir es drastisch: Es geht um die Verhinderung des Fachidiotentums. Die Gefahr beim heutigen Mass an Spezialisierung ist, dass jeder seine Denkwelt verabsolutiert, und das macht dumm statt souverän, wie man es von gebildeten Personen erwartet. Ich beobachte übrigens bei der jungen Generation zunehmend, dass sie das nicht mehr zufrieden stellt. Auf die Dauer wird es auch für die Unternehmen ein Problem werden, wenn sie ihre Mitarbeiter nicht mit wirklich sinnvollen Aufgaben motivieren können.

 



Zur Person:

Professor Dr. Peter Ulrich wurde nach seinem Studium in Freiburg i. Ue. und wissenschaftlicher Tätigkeit in Basel und Deutschland im Herbst 1987 zum ersten Inhaber eines Lehrstuhls für Wirtschaftsethik einer deutschsprachigen Hochschule an die Universität St. Gallen (HSG) berufen. Der gebürtige Berner leitete bis Juli diesen Jahres als Gründungsdirektor das Institut für Wirtschaftsethik an der HSG. Neuerdings widmet sich der 61jährige als Mitglied des Ethik-Komitees der auf nachhaltige Anlagen spezialisierten Zürcher Vermögensveraltung Dr. Höller - einer Tochter der Privatbank Hauck & Aufhäuser in Frankfurt a. M. - der praktischen Frage,  welche Investments man verantwortungsbewussten Bürgern aus ethischer Sicht empfehlen kann. Sein Hauptwerk Integrative Wirtschaftsethik: Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie liegt auf deutsch in vierter Auflage sowie in englischer, spanischer und in Teilen in  russischer Übersetzung vor.  

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren