Madrid - Spanien setzt seit Jahren auf die Nutzung der Windenergie. Es ist dabei eines der führenden Länder in der Welt. Jetzt ist erstmals mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs im Lande aus Windenergie gedeckt worden. Das hat noch kein anderes vergleichbar grosses Land erreicht. Trotz der Rekordproduktion konnte die Windenergie tatsächlich genutzt werden. Überschüssiger Strom floss unter anderem nach Portugal und Marokko und wurde in Pumpspeicherwerken gespeichert.
Der Wind, der Wind ist ein himmlisches Kind, heisst es im Kinderreim. In Spanien stimmt das. Denn zum ersten Mal wurde am vergangenen Wochenende mehr als die Hälfte des im Lande verbrauchten elektrischen Stroms aus Windkraft erzeugt. In der Spitze wurden am Sonntag in den zahlreichen Windkraftanlagen auf der iberischen Halbinsel 11.546 Megawatt Strom erzeugt, soviel wie in elf Atomreaktoren, von denen es in Spanien sechs gibt. Starkwind-Warnung in 44 Provinzen Möglich machte das Himmelsgeschenk eine Wetterlage, die seit Tagen starke und stetige Winde über das spanische Land wehen lässt. Nur im Nordwesten, an der Küste des kantabrischen Meeres wurde regelrechter Sturm gemeldet, mit Wellen bis zu neun Metern Höhe. Für den Montag gab das Staatliche Meteorologische Institut AEMET für 44 der 52 Provinzen eine Starkwind-Warnung aus. Im Land Valencia an der Mittelmeerküste, wo besonders viele Windkraftanlagen stehen, wurde für alle drei Provinzen von Castellón bis Alicante Wind von 100 Stundenkilometern gemeldet. Viel Wind zur falschen Zeit Dass viel Wind weht, ist einerseits gut. Es bringt den Versorgern mit erneuerbarer Energie aber auch Probleme. Denn die Starkwindfront kam zur Unzeit. Die Spitzenproduktion wurde am Sonntagmorgen zwischen 03:20 und 08:40 Uhr erreicht. Die Stromnachfrage war am frühen Sonntagmorgen naturgemäss gering. Der Präsident des spanischen Stromnetzes Red Electrica, Luis Atienza, erläuterte gegenüber der Tageszeitung El País, wie dann vorgegangen wird: Zum einen wird der Export von Strom nach Portugal und, über zwei Unterseekabel, nach Marokko ausgeweitet. Bei soviel Windenergie, wie sie am Sonntagmorgen zur Verfügung stand, reichte das nicht aus. Deshalb wird der Strom zu Wasserkraftwerken geleitet, die Wasser damit in die Stauseen zurückpumpen. Das wirkt in der Praxis wie Speicherung in einer Batterie, weil bei Nachlassen des Windes die Wasserkraftwerke das hochgepumpte Wasser zur – verzögerten – Stromgewinnung nutzen können. Red Electrica-Präsident Atienza ist dennoch stolz: „Es gibt kein anderes Land unserer Grösse, das jemals 50 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt hat“ sagt er. Im November vergangenen Jahres habe man während einer ähnlichen Wetterlage ein Drittel aller Windkraftanlagen abschalten müssen. „An diesem Wochenende konnten wir durch Export und das Hochpumpen 4000 Megawatt absorbieren.“ Zwar habe Dänemark im Verhältnis noch mehr Windkraftanlagen als Spanien, erläutert Atienza. Aber Spanien sei in Sachen Elektrizität eine Insel. Gebe es keinen Wind in Dänemark, so beziehe man Strom aus Deutschland, sodass das Auf und Ab bei den erneuerbaren Energien leicht abzufedern sei. Nicht so in Spanien. Nur drei Prozent des Gesamtbedarfs des spanischen Stroms können über Leitungen nach Frankreich exportiert oder von dort importiert werden. Der Ausbau der Leitungsnetze sei vorgesehen, soll jetzt bis 2014 kommen, sagt Atienza. Er sei aber in der Vergangenheit immer wieder durch Einsprüche von Umweltschützern verzögert worden. Diese müssten endlich einsehen, dass es ohne ein gut ausgebautes Leitungsnetz den Einsatz von erneuerbaren Energien nicht geben könne. „Das ist dann das kleinere Übel“, so Atienza. Im November Nummer eins In diesem November war die Windkraft der Stromerzeuger Nummer Eins in Spanien mit einer Produktion von 913.251 Gigawattstunden, vor Gaskraftwerken mit 907.894 Gigawatt und den Atomkraftwerken mit 593.553 Gigawatt, meldet der Verband der spanischen Windenergie (Asociación Empresarial Eólica). Insgesamt wird die Windenergie übers Jahr 2009 nach Berechungen des Netzbetreibers Red Electrica 13 Prozent des Gesamtstromverbrauchs bringen, vor neun Prozent der Wasserkraft- und 2,5 der Solarkraftwerke. Derzeit hat Spanien eine Produktionskapazität von maximal 17.000 Megawattstunden durch Windenergie, von denen regelmässig 11.000 im Netz genutzt werden. Vorausgesetzt, es gibt genug Wind. Atienza: „Zurzeit speisen wir 11.500 Megawatt ein. Aber es gab auch Tage, an denen wir nur 150 Megawatt hatten.“ Die Umwelt dankt Jedenfalls soll die Kapazität bis 2020 auf 40.000 Megawatt steigen. „Dazu brauchen wir andere Instrumente“, sagt Luis Atienza. Das betreffe den Ausbau des Stromverbundes mit Frankreich und weitere Kapazitäten, um den Windstrom durch Hochpumpen von Wasser in Stauseen „zwischenzulagern.“ In jedem Fall ist er stolz auf dieses Wochenende: „Vor einigen Jahren konnte niemand solche Zahlen voraussehen. Wir werden sicher von den 17.000 auf die geplanten 40.000 Megawatt bis 2020 kommen. Die Umwelt wird es uns dankend und wir werden den Import fossiler Energieträger reduzieren können.“
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