Lässt sich Wirtschaftswachstum mit nachhaltiger Entwicklung – oder spezifischer mit Klimaschutz – vereinen? Die Antworten der Wirtschaftswissenschafter darauf sind vielfältig. Aufgrund der verfügbaren theoretischen und empirischen Grundlagen kommt man zum Schluss, dass sich Wirtschaftswachstum positiv auf den Klimaschutz auswirken kann und umgekehrt ein stringenter Klimaschutz Chancen für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung mit sich bringt.
Voraussetzung dafür ist allerdings ein massiver Strukturwandel, der nur durch eine weltweite Internalisierung der externen Kosten im Klimabereich erreicht werden kann. Wachstumsoptimisten vs. WachstumsskeptikerDie ökonomische Wachstumstheorie hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts rasch entwickelt. Die neoklassische Wachstumstheorie war der erste Versuch, das Wirtschaftswachstum modellmässig zu erklären. Wachstum wird dabei durch exogene – von der Politik kaum beeinflussbare – Faktoren erklärt. Im Vordergrund stehen das Bevölkerungswachstum und der technische Fortschritt. Im Unterschied dazu versteht die neue Wachstumstheorie den technischen Fortschritt als von Innen entstehend (endogen), was für die Wirtschaftspolitik zu neuen relevanten Schlussfolgerungen führte. Das Wachstum kann etwa durch Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung oder Umweltschutz, die den technischen Fortschritt beschleunigen, gefördert werden. Darauf basierend wurde auch die moderne Ressourcenökonomie entwickelt, die aufzuzeigen versucht, unter welchen Bedingungen Wirtschaftswachstum und ökologische Grenzen vereinbar sind. Als Gegenposition ist die Schule der "Ecological Economics" zu nennen, die stärker auf die Grenzen des Wachstums hinweist (vgl. z.B. Daly 1996). Seit den 70er Jahren sind auch vermehrt wachstumskritische Ansätze entwickelt worden, die die Logik des Wirtschaftswachstums in Frage stellen (vgl. z.B. Binswanger 2006). Zusammenfassend stehen sich zwei grobe Standpunkte gegenüber: Einerseits die Wachstumsoptimisten, welche eine Zielharmonie zwischen Wachstum und nachhaltiger Entwicklung, Klimaschutz, etc. sehen. Andererseits die Wachstumsskeptiker, welche hier einen unlösbaren Zielkonflikt sehen. Verwandte Themen| { Wirtschaft will Nachhaltigkeit, 02.11.09 } | | { Klimaschutz spaltet US-Wirtschaft , 29.10.09 } | | { 50 Tage zur Rettung der Welt, 18.10.09 } | | { Regierung umwirbt Finanzmarkt, 12.10.09 } | | { Noch Platz für neue Anbieter, 07.10.09 } | | { Banker als Herdentiere, 17.09.09 } | | { Mit Daten gegen Klimawandel, 04.09.09 } | | { Marshall-Plan gegen Klimawandel, 02.09.09 } | | { Die wahren Gründe der Krise, 29.06.09 } | | { Bis zur nächsten Krise?, 25.02.09 } | | { Uno will grüne Job-Revolution, 16.02.09 } | | { Wider den Krieg gegen Natur, 16.11.08 } |
Klimaverträgliche Schweiz bis 2035Infras hat 2007 im Auftrag des WWF eine Studie auf Basis einer Input-Output-Analyse für die Schweiz erarbeitet. Im Vordergrund stand die Frage, ob die Schweiz ihre CO2-Emissionen unter Einbezug der heute verfügbaren Technologien bis 2035 um 60 Prozent gegenüber 2001 absenken kann? Die Berechnungen zeigen Folgendes: Im Szenario "Business as Usual" würde nur der autonome technische Fortschritt stattfinden. In diesem Referenzszenario läge der CO2-Ausstoss in der Schweiz aufgrund des prognostizierten Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum im Jahr 2035 24 Prozent über dem Niveau von 2001. Durch eine gezielte Effizienz- und Substitutionsstrategie hingegen lässt sich bis 2035 die angestrebte Entwicklung in Richtung Klimaverträglichkeit (1 Tonne CO2 pro Kopf und Jahr) beinahe erreichen. Bis zur angestrebten Reduktion von 60 Prozent gegenüber 2001 fehlen nur noch 4 Prozent, welche durch Suffizienz (Verzicht) zu leisten sind. Es braucht keine weiteren Massnahmen, da die hierfür notwendigen Rahmenbedingungen per se bereits Nachfrageanpassungen und Emissionsreduktionen nach sich ziehen. Um die Potenziale nutzen zu können, ist eine Internalisierung der externen Kosten als Folge der Nutzung fossiler Energien notwendig. Das bedeutet, es braucht eine sektorübergreifende Energie- oder CO2-Steuer und einen Beitritt zum Emissionshandelssystem der EU. Die verfügbare Literatur zeigt, dass die unterstellten Massnahmen und politischen Rahmenbedingungen das Wirtschaftswachstum dabei nur schwach oder gar nicht negativ tangieren (Ecoplan 2006, McKinsey 2009). Die globale DimensionIn der globalen Dimension sind verschiedene Aspekte zu beachten, welche die Entwicklung Richtung klimaverträgliches Wachstum erschweren: Zu nennen sind Armut, Hunger und kriegerische Konflikte. Die Finanzierung von Anpassung und Vermeidung an den Klimawandel – insbesondere im Süden – beansprucht grosse Finanzen, welche nicht sicher gestellt sind. Auf globaler Ebene zeigt sich die Trittbrettfahrerproblematik noch schärfer als auf nationaler Ebene. Nicht zuletzt sind auch Governance-Probleme zu nennen, welche das Finden und Umsetzen von Lösungen zusätzlich hemmen. Nichtsdestotrotz zeigen die verfügbaren Analysen, dass Wirtschaft und Klimaschutz unter einen Hut zu bringen sind, wenn wir rasch handeln. Die Kosten-Nutzen-Bilanz eines verstärkten Klimaschutz ist gemäss Stern positiv: Mit Aufwendungen von rund 1 % des BIP können Schäden von bis zu 20 Prozent des BIP verhindert werden. Es zeigt sich aber, dass der Investitionsbedarf für Klimaschutz sehr gross ist. Eine neue Studie der UNO fordert, dass 500 Milliarden Dollar jährlich investiert werden, um künftige Klimaschäden abzuwenden. SchlussfolgerungenDie theoretischen und empirischen Unterlagen lassen schliessen, dass klimaverträgliches Wachstum im Prinzip möglich ist. Es braucht jedoch einen massiven Strukturwandel. Die Frage, ob es Wirtschaftswachstum für einen wirksamen Klimaschutz braucht, ist schwieriger zu beantworten. Im Prinzip kann Klimaschutz alleine durch eine drastische Reduktion der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten erreicht werden. Allerdings dürfte dieser Weg zulasten von wichtigen gesellschaftlichen Zielsetzungen gehen: Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit, Sicherung der sozialen Sicherheit, etc.. Zu beachten ist aber, dass unspezifiziertes BIP-Wachstum nicht zum Ziel führt; qualitatives Wachstum ist notwendig. Das BIP als alleiniger wirtschaftspolitischer Indikator für "Wachstum" genügt deshalb nicht – es braucht neue Messkonzepte, welche die Entwicklung der Wohlfahrt und des Wohlstands aussagekräftiger abbilden. Zudem braucht es zwingend (1) wirksame institutionelle und regulatorische Arrangements nicht nur auf nationaler sondern auch auf globaler Ebene (2) eine neue "Wachstumspolitik" mit einer weltweiten Internalisierung der externen Kosten, eine an den Klimaschutzzielen orientierte Bildungs-, Forschungs- und Entwicklungs- sowie Innovationspolitik und insbesondere (3) eine faire Nord-Süd-Ressourcenpolitik kombiniert mit einem angemessenen sozialen Ausgleich innerhalb der Industrieländer und vor allem auch zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländern. Weitere Informationen: INFRAS Forschung und Beratung Rolf Iten, Mitglied der Geschäftsleitung Email:
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