Die Cleantech-Wirtschaft erlebt trotz Krise weltweit einen starken Aufschwung. Die Schweiz hat ein grosses Potential, zu einem der führenden Anbieter zu werden. Gerade ihre starke Forschung ist ein Trumpf. Doch bei der Umsetzung im Markt hapert es. Die Kräfte sind verzettelt. Nun will der Bundesrat sie zusammenfassen lassen. Die zweite Schweizer Innovationskonferenz hat einen Massnahmenplan zur Förderung der Schweizer Cleantech-Wirtschaft beschlossen.
Doris Leuthard ist enthusiastisch. „Cleantech wird DAS Schlüsselelement für nachhaltiges Wachstum sein“, sagte die Volkswirtschaftsministerin am Donnerstag an der zweiten Innovationskonferenz in Basel. „Der Bundesrat ist überzeugt, dass Cleantech ein grosses Wachstumspotential hat.“ Bereits 2020 werde das globale Marktvolumen 2,2 Billionen Euro (3,3 Milliarden Franken) betragen. Das entspräche einem Anteil zwischen 5,5 und 6 Prozent der gesamten globalen wirtschaftlichen Tätigkeit. Das wäre fast eine Verdopplung: Der heutige Anteil liegt bei 3,2 Prozent. Unternehmen rechnen mit WachstumDie Schweizer Wirtschaft bringt gute Voraussetzungen, auf dem wachsenden Markt für ressourcenschonende Technologien und Dienstleistungen eine zentrale Rolle zu spielen. Das zeigt eine Studie, die von Alain Thierstein im Auftrag des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT) erarbeitet worden ist. Der Professor an der Technischen Universität hat zusammen mit dem Ingenieurunternehmen Ernst Basler+Partner in Zollikon und mit der Nowak Energie und Technologie AG in St. Ursen unter anderem Dutzende Unternehmen im Cleantech-Bereich befragt. Danach beschäftigen die Cleantech-Unternehmen bereits 155000 Mitarbeiter in der Schweiz und erzielen eine Wertschöpfung von 18 bis 20 Milliarden Franken. Die in der Energieeffizienz tätigen Unternehmen machen davon den Löwenanteil aus, gefolgt von Unternehmen mit Produkten und Dienstleistungen in der Rohstoffeffizienz und im Bereich der erneuerbaren Energien. Doch auch die Wasserwirtschaft und die Kreislaufwirtschaft beschäftigen bereits Tausende Mitarbeiter. Global rechnet die Branche mit Wachstumsraten von bis zu 8 Prozent jährlich. Die meisten befragten Schweizer Cleantech-Unternehmen, 85 Prozent, rechnen für sich selbst mit einem Wachstum oder sogar einem starken Wachstum. Nur 4 Prozent rechnen mit einem Rückgang ihres eigenen Umsatzes. Zu den Stärken der Cleantech-Wirtschaft in der Schweiz zählt laut Thierstein die starke Forschung vor allem im ETH-Bereich, also auch an der Empa, dem Wasserforschungsinstitut Eawag und dem Paul-Scherrer-Institut. Diese Forschungsstärke wird gebraucht: „Nur mit Innovationen kommen wir voran“, sagt Thierstein. Schwieriger sei allerdings der Wechsel von der Forschung zum Markt. Es gebe zu wenige Ausgründungen aus den Hochschulen. „Die Unternehmerkultur ist in der Schweiz zu wenig ausgeprägt.“ Erst eine Minderheit der Cleantech-Unternehmen – zwei von fünf – gehen bereits in den Export. Und wiederum nur eine Minderheit der exportierenden Unternehmen – wiederum zwei von fünf - geht dabei über Europa hinaus. Selbst in Osteuropa sind Schweizer Unternehmen kaum vertreten. „Für die meisten Cleantech-Unternehmen ist die Schweiz der Heimmarkt.“ Dabei gebe es nicht einmal zu wenig Förderung, so Thierstein. Gerade für kleine Unternehmen sei es aber schwierig, durch den „Dschungel“ der verschiedenen Fördermassnahmen zu der für sie richtigen zu finden. Massnahmenplan verabschiedetAuch Bundesrätin Leuthard weist darauf hin, dass für die Förderung der Cleantech-Unternehmen bereits viel getan worden sei. Sie nennt unter anderem die zusätzlichen 200 Millionen Franken für die energetische Gebäudesanierung, die 20 Millionen Franken für die Innovationsförderungsagentur KTI und die 18 Millionen Franken für die Photovoltaik. Dennoch will der Bundesrat den Cleantech-Unternehmen helfen, ihr Wachstumspotential besser auszuschöpfen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und verstärkt in den Export zu gehen. Leuthards Volkswirtschaftsdepartement und Moritz Leuenbergers Energie- und Umweltdepartement sollen im nächsten Jahr einen „Masterplan Cleantech Schweiz“ vorlegen. Er soll bestehende und neue Fördermassnahmen übersichtlich darstellen und als Orientierungshilfe dienen. Daneben soll ein Überblick über das Angebot und den Bedarf an Fachkräften erarbeitet werden. Eine zweite Auflage des Innovationsschecks bildet das dritte Elements des Massnahmenplans, der am Donnerstag an der Innovationskonferenz verabschiedet worden ist. Dieser Scheck in Höhe von 7500 Franken soll Unternehmen zur Verfügung stehen, die eine Partnerschaft mit Forschungseinrichtungen eingehen. Schliesslich soll die Exportplattform Cleantech gerade kleinen und mittleren sowie jungen Unternehmen helfen, in den Export zu gehen. Diese Plattform wurde Mitte Oktober erstmals vorgestellt und wird vom Aussenwirtschaftsförderer Osec betreut. Der Bund unterstützt sie finanziell. Politisches Lobbying in Bern nötigCleantech ist zu einem guten Teil eine politische Branche. Staatliche Regulierungen würden von vielen Cleantech-Unternehmen als ein positiver Markttreiber angesehen, heisst es in der Studie von Alain Thierstein. Doch während andere Wirtschaftszweige längst ihre Interessenvertreter in die Wandelhalle des Bundeshauses geschickt haben, fehlt den Cleantech-Unternehmen bisher eine solche gemeinsame politische Interessenvertretung. Jetzt wird ein solcher Wirtschaftsverband Swisscleantech vorbereitet. Leuthard freut das. „Ich begrüsse die Gründung eines solchen Verbandes sehr. Denn die Unternehmen müssen bei der Gesetzgebung auf ihre Interessen aufmerksam machen. Dazu braucht es ein politisches Lobbying, wie andere Branchen das schon haben.“ Mehr Informationen: Studie zur Situation der Cleantech-Unternehmen in der Schweiz und andere Unterlagen des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements Bild: Die ETH Zürich zählt wie der gesamte ETH-Bereich zu den Stärken der Schweizer Cleantech. Bei der Umsetzung im Markt dagegen hapert es (ETH Zürich/Esther Ramseier).
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