Wer Abfall erzeugt, ist dumm, sagt Michael Braungart. Vielmehr sollen alle Produkte von Anfang an so gestaltet werden, dass ihre Bestandteile später wieder genutzt werden können. Braungart nennt das „Cradle to Cradle“. Damit das möglich wird, sollen Unternehmen nicht mehr Produkte, sondern Problemlösungen anbieten. Die Mittel für die Problemlösung stellen sie den Kunden mietweise zur Verfügung, behalten aber das Eigentum über die Nutzstoffe.
Steffen Klatt: Was unterscheidet „Cradle to Cradle“ von normaler Wiederverwertung? Michael Braungart: Normales Recycling ist eigentlich ein Downcycling (Wiederverwertung weiter unten in der Produktekette, stk). Die Folgenutzung ist immer minderwertig. Cradle to Cradle heisst immer, dass man das Produkt von vornherein so gestaltet, dass es auch anschliessend nützlich sein kann. Entweder kann es biologisch oder technisch nützlich sein. Alles, was verschleisst oder kaputt geht wie Schuhsohlen, Bremsbeläge, Waschmittel, Nahrungsmittel, wird so gemacht, dass es biologisch nützlich ist. Alles, was nur genutzt wird – so wie Waschmaschinen oder Fernseher -, wird so gemacht, dass es technisch nützlich ist. Es geht nicht mehr um Abfallvermeidung, sondern um die Gestaltung der Produkte, so dass gar kein Abfall mehr entsteht. Es ist ein Nährstoffmanagement. Steffen Klatt:Wie funktioniert das bei einem Mobiltelefon? Zerfällt es am Ende seiner Lebensdauer von zwei, drei oder vier Jahren in seine Bestandteile? Michael Braungart:Wir haben ein Konzept vorgestellt, bei dem man das Mobiltelefon einfach an die Wand schmeissen kann. Dann zerfällt es. Oder: Man kann die Komponenten abfiltrieren. Oder: Wir haben zusammen mit holländischen Herstellern Klebstoffe entwickelt, bei denen man das Material in ein Tauchbad packt. Die Klebstoffe werden von Enzymen aufgefressen. Dann kann man die Bestandteile in der Tat markieren und maschinell trennen. Verwandte Themen| { Beste Recycling-Idee gesucht, 29.10.09 } | | { Chemieriesen kaum nachhaltig, 01.10.09 } | | { Millionär schwimmt im Müll, 24.09.09 } | | { Geld für Giftmüll-Opfer, 22.09.09 } | | { Ressourcen brauchen eine Stimme, 16.09.09 } | | { Elektronikindustrie wird grün, 14.08.09 } | | { Elektroschrott im Mixer, 13.05.09 } | | { Grüner Beton hält besser, 29.04.09 } | | { Quecksilber wird verboten, 19.02.09 } | | { Rohstoffe ökologischer fördern, 15.01.09 } |
Steffen Klatt:Kann man jedes Produkt auf diese Weise herstellen und in den Kreislauf zurückgeben? Michael Braungart:Man kann jedes Produkt so gestalten, dass es in den technischen oder biologischen Kreislauf zurückgeht. Aber es ist kein richtiger Kreislauf, denn ich will nicht fünfhundert Jahre immer dieselben Stühle haben. Dieses Material wird heute einen Stuhl ergeben, morgen eine Waschmaschine und übermorgen eine Autokomponente. Es geht also um ein Technosphärenmanagement oder ein Biosphärenmanagement. Und das geht für immer. Steffen Klatt:Welches Interesse haben Unternehmen, bei einem solchen Kreislauf dabei zu sein? Michael Braungart:Die Unternehmen können an Wert gewinnen, wenn sie mit den Nährstoffen untereinander handeln. Heute kann ich keine Energiesparfenster machen ohne schädliche Stoffe. Im Moment versuchen die Hersteller das billigste zu machen, und das ist dann auch schädlich für die Umwelt. Wir haben aber eine ganze Reihe von Projekten gemacht, bei denen man den Leuten keine Fenster mehr verkauft hat, sondern nur noch das Durchschauen. Damit kann der Hersteller die besten Materialien geben, nicht mehr die billigsten. Für die Unternehmen bringt es mehr Wert, weil es an ihrer Rohmaterialbank nichts ändert. Die Erdkruste enthält nur 2,1 Prozent Kohlendioxid. Und wir blasen es in die Atmosphäre, und das ist dumm. Wir haben kein Energieproblem, sondern ein Problem mit dem Management von Kohlendioxid. Kohlendioxid ist eine Chemikalie, Methan ist eine Chemikalie. Wir würden viel mehr erreichen, wenn wir ein Bodenmanagement machen würden. Denn wir verlieren in Europa 5000 Mal mehr Boden, als wir herstellen. Das heisst, wir verlieren in einem Jahr soviel Boden, wie die Erde in 5000 Jahren herstellen kann. Steffen Klatt:Sie kritisieren das, was Sie Ökoromantik nenne. Warum? Hat nicht diese sogenannte Ökoromantik die Trendwende vorbereitet? Michael Braungart:Die Ökoromantiker haben das Bewusstsein geschaffen über Chemikalien, ihre Giftigkeit und so weiter. Was wir aber brauchen, ist eine Partnerschaftlichkeit mit der Natur. Denn wenn wir die Natur romantisieren, dann werden wir sie dadurch zerstören. Wenn man meint, dass es zu viele Menschen auf der Welt gibt, dann schaut man jeden Menschen als ein Problem der Überbevölkerung an. Wir haben aber durch die Sonne genug Energieeintrag. Das Gewicht allein der Ameisen ist viermal grösser als das aller Menschen auf der Erde. Ihr Kalorienverbrauch entspricht dem von 30 Milliarden Menschen, weil sie mehr körperliche Arbeit als wir leisten. Die Natur erzeugt mehr krebserregende Stoffe als wir. Aber sie ist nicht so blöd wie die Chemieindustrie, die 12 Millionen Tonnen Plastikmüll erzeugt, um sie dann in die Ozeane zu kippen. Wir haben nur eine romantische Beziehung zur Natur, weil wir ein schlechtes Gewissen haben. Denn wir haben Natur zerstört. Ähnlich wie mit der romantischen Beziehung steht es mit Nachhaltigkeit: Wenn Sie nur nachhaltig sind, dann tun Sie mir leid. Nachhaltigkeit ist das absolute Minimum. Wenn wir das beste, was die Natur kann, mit dem besten verbinden, was wir können, dann können wir Lebensqualität schaffen. Die Artenvielfalt etwa in einer Stadt wie Berlin ist vier Mal höher als in der umgebenden Agrarsteppe. Steffen Klatt:Wenn das alles so klar ist, warum leben wir dann nicht längst in einer Braungartschen Welt? Michael Braungart:Es geht nicht um eine Braungartsche Welt. Ich habe nur das Glück gehabt, am Anfang der 90er Jahre viel Geld von der damaligen Ciba-Geigy bekommen zu haben, um mir anschauen zu können, wie Nährstoffmanagement in der Welt funktioniert. Wenn Sie begriffen haben, dass weniger schlecht nicht gleich gut ist, dann wollen Sie gut sein. Ich bin optimistisch. In Holland, Dänemark und Teilen Österreichs ändert sich die Industriegesellschaft hin zu „Von Wiege zu Wiege“. Steffen Klatt:Warum gerade in diesen drei kleinen Ländern? Michael Braungart:Die Holländer konnten die Natur nicht romantisieren, sonst hätte sie die nächste Flutwelle mitgenommen. Ein Drittel des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. In Holland gibt es auch eine Kultur der Unterstützung, nicht der Kontrolle. Wenn ich meinen Nachbarn nicht unterstütze, bin ich auch weg, weil eben der Nachbar nicht mehr auf den Deich aufpassen kann. In Dänemark ist es ähnlich. In kleinen Gesellschaften, fünf bis fünfzehn Millionen Menschen, kennen sich die Menschen noch untereinander. Deswegen sind sie ideal für „Cradle to Cradle“; man kann in ihnen etwas umsetzen. Jetzt ist auch das Land Baden-Württemberg zu uns gekommen. Steffen Klatt:Wie nehmen Sie das Echo in der Schweiz wahr? Michael Braungart:Wir haben uns lange nicht um die Schweiz gekümmert. Wir bauen jetzt in der Schweiz ein Büro auf mit Albin Kälin, der in den 90er Jahren auch die Pionierarbeit bei der praktischen Umsetzung geleistet hat. Wenn Sie sehen, mit welcher Begeisterung die Leute auch hier dabei sind, werden Sie sagen: Wir schaffen das. Wir schaffen es, dass die Schweiz ein Prototyp für Länder wie China und Indien sein kann. Die Schweizer sind international so beliebt und denken so international, dass sie das auch umsetzen können. Ich bin optimistisch, dass ich das Schweizerische „Cradle to Cradle“ später in China sehen werde. Zur Person: Der Chemiker Michael Braungart, geboren 1958 in Schwäbisch Gmünd, ist gemeinsam mit William McDonough Vater des Konzepts "Cradle to Cradle". Dieses intelligente Materialmanagement kennt keinen Abfall mehr, sondern nur noch Nährstoffe, die in verschiedenen Formen und Zusammensetzungen potentiell unendlich genutzt werden können. Braungart hat 1987 die EPEA Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg und 1989 das Hamburger Umweltinstitut gegründet, die er beide heute noch leitet. Seit 1994 ist er Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg. Anfang November ist Braungart im Rahmen eines Symposiums der Oebu in Zürich aufgetreten.
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