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Höchste Zeit für eine Wende

Geschrieben von: Bernhard Piller SES 03.11.09
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Ausgehend von der 1972 erschienen Publikation "Grenzen des Wachstums" wurde in den 1970er und 1980er Jahren in der westlich industrialisierten Welt sowohl in Politik, Wissenschaft und Medien eine zum Teil sehr kontroverse Wachstumsdebatte geführt. In den vergangenen 20 Jahren verlor das Thema zunehmend an Gewicht. Ausgelöst durch die momentane Finanz- und Wirtschaftskrise erleben wir eine kurze Renaissance dieser Debatte. Peak Oil und die Klimaerwärmung vor Augen, bleibt uns heute ein kurzes Zeitfenster, um die Wachstumsdebatte zu führen und das Ruder herumzureissen. Es bestehen aber grosse Zweifel, ob die Chance einer eingehenden Debatte und vor allem ein daraus folgendes Handeln wirklich genutzt wird.

Die Chance, die uns die Klimaerwärmung und die Ressourcenverknappung bietet, bestünde eigentlich darin, Sinn und Formen des Wirtschaftswachstums grundsätzlich zu überdenken. Dafür muss man aber die Zusammenhänge verstehen und begreifen, dass die Klimaerwärmung nur ein Symptom ist und es nichts nützt, Symptombekämpfung zu betreiben. Das heisst, es muss am Fundament, sprich der Wachstumsspirale angesetzt werden. Nur wenn wir uns vom Konzept Wachstum verabschieden, haben wir eine Chance, den notwenigen Strukturwandel einigermassen gesteuert und geordnet herbeizuführen.

Wachstumsdebatte in der Schweiz

1978 erschien der NAWU-Report "Wege aus der Wohlstandsfalle" von Binswanger/Geissberger/Ginsburg. Das Buch löste damals für ein paar Jahre eine intensive Debatte aus und wies klar auf die Grenzen des Wachstums hin.. Und im Fazit der Tagung "NAWU+30 " Ende 2007 heisst es, dass eine genügend rasche und wirksame Entkopplung zwischen Wachstum, Umweltbelastung und Energieverbrauch unabdingbar sei, solle anhaltendes Wachstum und Nachhaltigkeit verträglich sein. Weiter ist zu lesen, dass es Studien gebe, die darauf hindeuten, dass eine solche Entkopplung im notwendigen Ausmass möglich sei. Diese Aussage verwundert, da erstens anhaltendes Wachstum quasi als gegeben angesehen wird, zweitens historisch eine Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und Energie- sowie Ressourcenverbrauch noch nie erreicht werden konnte und drittens auch den AutorInnen des NAWU+30-Berichts die Szenarien von Meadows et al bestens bekannt sind.

Der umfassende Blick

Die Debatte um die Grenzen des Wachstums werden von Dennis L. Meadows und seinen MitstreiterInnen viel umfassender diskutiert, als dies gemeinhin bei der Diskussion um die Endlichkeit einzelner Ressourcen der Fall ist. Wird von der Ressourcenendlichkeit gesprochen, führt die Debatte relativ schnell zur vermeintlich einfachen Lösung einer 1:1-Substitution von endlichen Ressourcen durch Erneuerbare. Diesem Denken liegt ein fundamentaler Denkfehler zu Grunde. Die Debatte um die Priorisierung einer Reduktion der CO2-Emissionen versus der Erreichung einer 2000-Watt-Gesellschaft ist eine komplette Scheindebatte. Selbstverständlich müssen wir die CO2-Emissionen massiv reduzieren, in der Schweiz um mindestens 40 Prozent bis 2020. Aber wir kommen dabei in keiner Art und Weise um die massive Reduktion des Gesamtenergiekonsums herum. Unser ökologischer Fussabdruck ist zu gross - und er wird dies auch mit dem ausschliesslichen Konsum von erneuerbaren Energien bleiben.

Das Computermodell World3

Wir Menschen möchten immer gerne Gewissheit über unsere zukünftige Entwicklung haben. Absolute Gewissheiten wird es aber nicht geben. Hingegen können uns Szenarien aufzeigen, wohin die Reise unter bestimmten Voraussetzungen gehen könnte. Dennis Meadows und seine MitstreiterInnen haben hierfür mit World3 ein Computermodell entwickelt.

 

Das Modell World3 hilft, klar umrissene Fragen zum langfristigen Wachstum zu beantworten. Die Grundstruktur von World3 verfolgt die Entwicklung von klaren Bestandesgrössen wie Bevölkerung, Industriekapital, Umweltbelastung und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Die zentrale Fragestellung lautet: "Wie werden sich die wachsende Weltbevölkerung und Wirtschaft im Laufe der kommenden Jahrzehnte auf die begrenzte ökologische Tragfähigkeit der Erde auswirken und an diese anpassen?“

Die Grenzen

Die Grenze ist strikt. Eine Bevölkerung, welche die Grenze der ökologischen Tragfähigkeit überschreitet, wird nicht lange bestehen, die Versorgungskapazität des Systems wird langsam zerstört. Schon 1982 schrieb die SES: "Jene Kreise, welche die einfache Erkenntnis, dass im begrenzten System Erde unbegrenztes Wachstum nicht möglich ist, verdrängen, werden früher oder später stolpern."

Die Weltbevölkerung hat die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit der Erde aber bereits heute mit rund 23 Prozent weit überschritten.

Die Szenarien von World3

Meadows et al haben mit World3 elf unterschiedliche Szenarien für die Entwicklung bis zum Jahr 2100 berechnet. Diese liefern wichtig Erkenntnisse und Grundlagen, ob und unter welchen Bedingungen die Bevölkerung, die Industrie, die Umweltverschmutzung und damit in Beziehung stehende Grössen zukünftig wachsen, stabil bleiben oder es zum Zusammenbruch kommt. Zu einer Grenzüberschreitung kommt es, wenn eine Bevölkerung und ihre Wirtschaft in nicht nachhaltiger Weise Ressourcen abbaut oder Schadstoffe emittiert. Die Belastungen des Umweltsystems wirken sich aber noch nicht so stark aus, dass der Ressourcenabbau oder die Schadstoffemissionen eingeschränkt werden. Wird nach der Grenzüberschreitung jedoch nicht schnell und entschlossen gehandelt, führt diese unweigerlich zum Zusammenbruch des Systems.

Szenario 1: "Krise der nicht erneuerbaren Ressourcen"
In Szenario 1 entwickelt sich die Gesellschaft so lange wie möglich ohne grössere Richtungsänderungen in gewohnter Weise weiter. In diesem Szenario erreichen die globale Nahrungsmittel- und Industrieproduktion um das Jahr 2020 ihr Maximum, die Weltbevölkerung ihres um 2030. Dieses Szenario skizziert eine "Krise der nicht erneuerbaren Ressourcen". Nach Ansicht von Meadows veranschaulicht dieses Szenario das wahrscheinliche Verhalten des Systems, sofern auch zukünftig ähnliche politische Entscheidungen das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum beeinflussen und Technologien und Wertvorstellungen sich genauso weiterentwickeln, wie sie für den jüngeren Zeitraum typisch waren.

Szenario 2: "Krise der globalen Umweltverschmutzung"
Szenario 2 geht von der doppelten Menge an verfügbaren, endlichen Ressourcen aus. Trotzdem hält bei diesem Szenario das Wachstum nur 20 Jahre länger an als in Szenario 1. Auch dieses Szenario zeigt als generelles Verhalten eine Grenzüberschreitung mit anschliessendem Zusammenbruch. Die Bevölkerung erreicht im Jahr 2040 ihr Maximum. Dieses Szenario skizziert eine „Krise der globalen Umweltverschmutzung“.

Für alle weiteren Szenarien wurden wie in Szenario 2 eine grössere Menge nicht erneuerbarer Ressourcen und fortschrittlichere Explorations- und Abbautechniken angenommen. Egal ob mit einer effizienteren Nutzung der Ressourcen, effizienteren Techniken zur Kontrolle des Schadstoffausstosses, weiteren Techniken für eine deutliche Ertragssteigerung pro Flächeneinheit in der Landwirtschaft, oder noch zusätzlichen Massnahmen im Bodenschutz - der Zusammenbruch kann im Verlauf des 21. Jahrhunderts nur hinausgeschoben, nicht aber verhindert werden.

Ein einziges Szenario führt nicht zum Zusammenbruch und ermöglicht eine nachhaltige Gesellschaft, bei der nahezu acht Milliarden Menschen auf relativ hohem Wohlstandsniveau leben können. Dabei müssten eine Stabilisierung der Weltbevölkerung und der Industrieproduktion pro Kopf  erreicht sowie alle oben aufgeführten Techniken ab sofort (Stand Jahr 2002) eingeführt werden,. Dieses Szenario ist aber praktisch nicht mehr erreichbar, da die politischen Rahmenbedingungen gänzlich fehlen.

Es braucht eine Revolution

Es wird nicht reichen, die Welt ein wenig effizienter zu machen, Recycling zu betreiben, oder ein Auto mit geringerem Verbrauch zu kaufen. Wirkliche Nachhaltigkeit, Genügsamkeit und Gerechtigkeit brauchen einen Strukturwandel, ja eine tiefgreifende Revolution in der Art wie die landwirtschaftliche oder die industrielle Revolution. Meadows listet das dazu notweniges Rüstzeug für einen Übergang zur Nachhaltigkeit auf: Der Aufbau von Netzwerken, Wahrhaftigkeit, Lernbereitschaft und, ja so banal und verpönt dies auch tönt, die Nächstenliebe. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, welchem Denkmodell wir anhängen. Glauben wir an ein Wachstum der Grenzen, sprich daran Innovationen und technologischer Fortschritt seien immer wieder in der Lage, ökologische Grenzen hinauszuschieben? Oder akzeptieren wir die Tatsache der physischen Begrenztheit der Welt und anerkennen, dass Wirtschaftswachstum noch nie zu einem Minderverbrauch wichtiger und endlicher Ressourcen geführt hat?

Sofortiges Handeln

Ein grundsätzliches Überdenken unseres auf unendlichem Wachstum ausgerichteten Systems ist zwingend notwendig. Das System Erde ist begrenzt. Die Weltwirtschaft wächst aber jedes Jahr um 1 bis 2 Prozent. Diese Rechnung geht nicht auf. Es fehlen die Ressourcen. Die Umkehr vor dem Kollaps ist die grösste Herausforderung der heutigen Generation. Nur ein heutiges sofortiges Handeln ist menschenfreundlich, denn die Konfliktgefahr ist sehr hoch. Kriegerische Auseinandersetzung um Ressourcen und Gewaltkonflikte als Folge von Umweltschäden stellen eine akute Bedrohung dar.

 

Weitere Informationen: 

Schweizerische Energie-Stiftung SES

Von Bernhard Piller, Projektleiter Fossile Energien und Klima

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Bild: New York Manhatten (SES).

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