Mikrofinanz wächst schneller

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Zürich 28.10.09
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Mikrofinanz ist rentabel und sicher. Das sagt die Zürcher Unternehmerin Rosmarie Michel, die sich  bereits Ende der 70er Jahre dank Women’s World Banking (WWB), New York, mit dem Mikrokredit-Geschäft befasst hat. Die Wachstumschancen von Mikrofinanz sind grösser als die der klassischen Finanzmärkte in den Industrieländern.

Steffen Klatt: Sie haben Mikrofinanz schon vor dreieinhalb Jahrzehnten mitgetragen. Was war damals Ihr Motiv?

Rosmarie Michel: Das hatte etwas zu tun mit dem Verhältnis von Frau zu Frau. Ich hatte die Kundinnen kennengelernt in meiner Eigenschaft als Präsidentin der Business & Professional Women. Ich sah, was es braucht, damit diese Frauen sich selbständig machen können und eine Möglichkeit haben zu überleben. Dazu brauchte es vor allem den Zugang zu Finanzen und Know-How, aber auch zu Versicherungen, wie wir ihn in den USA und Europa kennen. Schrittweise haben wir daran gearbeitet, das entsprechende Paket von Dienstleistungen aufzubauen.

Das Bankennetzwerk der Frauen

Die Idee für Women’s World Banking entstand 1975 in Mexiko während einer Konferenz der UNO zum Thema Frauen. Die Organisation wurde 1976 gegründet und 1979 als Stiftung in den Niederlanden eingetragen. Heute arbeitet sie mit 40 Mikrofinanzinstitutionen und Banken in 28 Ländern zusammen. Sie hat Kredite und andere Finanzdienstleistungen an 20 Millionen Kleinstunternehmer vergeben, 74 Prozent davon Frauen. Zu den wichtigsten Geldgebern gehören die Entwicklungshilfeministerien und –direktionen der Niederlande, der Schweiz, Norwegens und Schwedens. Zu den wichtigen Partnern in der Privatwirtschaft gehören die Banken Citi, HSBC und ING.

Steffen Klatt: Wie konnte man damals dieses Paket liefern?

Rosmarie Michel: Es hat nicht so sehr an der Infrastruktur gefehlt. Wir haben zuerst versucht, gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen, Gruppen aufzubauen, die kreditwürdig waren, und zudem stellte WWB einen Fond zur Risikoabdeckung zur Verfügung und entwickelte Lernprogramme für Mikrokredit-Banker und Kundinnen. Seit der Gründung 1979 bemüht sich WWB um die Professionalisierung des Mikrokreditgeschäfts. Die in Holland gegründete Stiftung mit Sitz in New York konnte stets auf die finanzielle Unterstützung der holländischen Regierung zählen. Als erste Aufgabe galt es, die Märkte und die Bedürfnisse der Kunden zu prüfen. Die Frauen in diesen Märkten, gerade auch weibliche Bankmitarbeiter, haben sofort gespürt, welche Möglichkeiten sich ihnen damit bieten. Dabei hat uns auch die DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit), das Schweizer Pendant zu Entwicklungshilfeministerien in anderen Ländern, mit  Rat und Tat unterstützt.

Steffen Klatt: Welches  waren Ihre ersten Märkte?

Rosmarie Michel: Die ersten Mikrokredit-Banken entstanden in Afrika - Kenia, Sambia, Südafrika -, Kolumbien und Indien.

Steffen Klatt: Was waren Ihre ersten überraschenden Erfahrungen?

Rosmarie Michel: Ich war beeindruckt von der Lernfähigkeit dieser Kleinstunternehmerinnen und ihrem persönlichen  Einsatz, der weder von der  Zahl der Arbeitsstunden noch von schlechten Wetterverhältnissen abhing. Diese Frauen nahmen in ihrem sozialen Umfeld Verantwortung war. Es handelte sich dabei oft um Grossfamilien, für die sie sich voll einsetzten. Ich war von der Beharrlichkeit, Belastbarkeit und Innovationsfreude beeindruckt.

Steffen Klatt: Warum sind so viele Frauen in diesem Geschäft?

Rosmarie Michel: Die Frauen sind die Ärmsten der Armen. In den untersten Randgruppen sind weit über 70 Prozent Frauen. Sie waren auch eher bereit mitzumachen. Es gab aber auch Kreditnehmer.

Steffen Klatt: Kann Armut mit Mikrofinanz nachhaltig wirksam bekämpft werden?

Rosmarie Michel: Meiner Meinung nach ist Mikrofinanz nachhaltig, weil es die persönlichen Eigenschaften weiterentwickelt. Schwierig ist, dass wir im Verhältnis zu den normalen Finanzgeschäften so klein sind. Dafür sind unsere Wachstumschancen besser und wesentlich grösser als in den Industrieländern.

Steffen Klatt: Hilft bei der Überzeugungsarbeit im Westen der Friedensnobelpreis für Mohammad Yunus und seine Grameen-Bank?

Rosmarie Michel: Sicher. Denn wir haben in der Finanzindustrie immer noch viel mehr Männer als Frauen. Wenn wir Frauen einen Leistungsausweis haben, dann wird das häufig nicht so sehr bemerkt. Aber wenn Professor Yunus einen Leistungsausweis hat, dann ist das sehr relevant. Grameen Bank ist allerdings jünger als Women’s World Banking. Aber das Prestige eines Wirtschaftsprofessors, der sich in Bangladesh um die wirtschaftliche Existenz der Armen mit neuen Modellen kümmert, ist beeindruckend.

Steffen Klatt: Sie waren in der Finanzwelt des Westens verankert. Hat Ihnen das geholfen, Ihre männlichen Kollegen zu überzeugen?

Rosmarie Michel: Das hat mir in zweierlei Hinsicht geholfen. Ich habe das Banking besser verstanden – ich komme ja ursprünglich aus dem Detailhandel –, und ich war bei meinen Kollegen glaubwürdiger.

Steffen Klatt: Mikrofinanz ist zu einem wichtigen Thema der Finanzmärkte geworden. Ist das ein Ergebnis dieser jahrzehntelangen Arbeit?

Rosmarie Michel: Ja! Die Professionalisierung, die vor zehn Jahren eingesetzt hat, hat gezeigt, dass Mikrofinanz rentabel ist. Es ist eine echte Investition mit langfristiger Wirkung. Damit wurde sie ja auch für unsere Finanzwelt interessant.

Steffen Klatt: Finanzmärkte neigen zu Übertreibungen. Kommt jetzt die nächste Blase, diesmal in der Mikrofinanz?

Rosmarie Michel: Mikrofinanz hat noch keine Blase erlebt. Doch es könnte sein, dass es bestimmte Änderungen geben wird. Ich bin aber zuversichtlich. Es gibt zwei Vorteile. Erstens: Alles ist bei MF klein und und daher überschaubarer. Zweitens: Kontrolle, aber auch Vertrauen sind Teil des Geschäfts.

Steffen Klatt: Können alle Institutionen der Mikrofinanz überleben?

Rosmarie Michel: Nein, wie in der Weltwirtschaft auch nicht. Die einen werden überleben, die anderen nicht. Das kommt auf die Verhältnisse an, auf die Kunden, auf den Markt. Naturkatastrophen zum Beispiel hält auch Mikrofinanz nicht stand.

Steffen Klatt: Was ist bei Mikrofinanz anders als bei normalen Bankgeschäften hier in Europa?

Rosmarie Michel: Der Ausbildungsstandard ist in den Entwicklungsländern tiefer. Das muss man ausgleichen. Zweitens ist die Kontrolle nicht so ausgeprägt. Drittens muss man bei Mikrofinanz einen Weg finden, wie man die administrativen Kosten tief genug hält, damit man überhaupt einen Gewinn machen kann. Und dieser Gewinn ist natürlich kleiner. Es geht um eine Differenz von 2 Prozent. Dafür ist Mikrofinanz aber sicherer.

Steffen Klatt: Man erkauft bei Mikrofinanz also mehr Sicherheit und ein besseres Gewissen mit niedrigerer Rendite?

Rosmarie Michel: Richtig.

Steffen Klatt: Ist Mikrofinanz Entwicklungshilfe oder Markt?

Rosmarie Michel: Markt.

 


Zur Person:

Rosmarie Michel, Jahrgang 1931, war bis Juli 2006 Besitzerin der Confiserie Schurter am Central in Zürich, einem über 140 Jahre alten Familienbetrieb. Die Absolventin der Hotelfachschule Lausanne war Verwaltungsrätin unter anderm der Credit Suisse, Valora und Goldbach Media. Sie war von 1983 bis 1985 Weltpräsidentin der International Federation of Business and Professional Women und zudem Vizepräsidentin von Women’s World Banking. Sie spricht immer wieder in Vorträgen über ihre Erfahrungen, so am Swiss Equitiy Sustainability Day am 20. Oktober in Zürich.


 

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