Dem stetigen Wachstum verdankt die westliche Welt ihren Wohlstand. Doch dieses Denken kommt gewaltig ins Wanken. Die Wirtschaftskrise zeigt eindrücklich, dass unbegrenztes Wachstum eine Illusion ist. Billiges Öl wird immer knapper, und nur alleine mit technischen Innovationen lässt sich der Lebensstandard nicht sichern. An der SES-Fachtagung «Klimawandel, Ölknappheit, Wirtschaftskrise – Zeit für eine Wachstumsdebatte!» wurde deutlich: Der Westen muss verzichten lernen.
Er liebt Spiele. Professor Dr. Dennis L. Meadows, Autor des bahnbrechenden Buches «Die Grenzen des Wachstums» (1972), setzt bei der Veranschaulichung seiner Thesen weniger auf Zahlen und Grafiken als auf spielerische Demonstrationen. Die Anweisung an das Publikum der SES-Fachtagung in Zürich ist denkbar einfach: «Ich zähle auf drei und gebe dann das Kommando. Wenn ich «jetzt» sage, klatschen Sie in die Hände.» Alles klar! Also legt Meadows los: 1..., 2..., 3... – dann überrascht der Professor sein Publikum. Noch bevor er das Kommando ausgesprochen hat, klatscht Meadows kräftig in die Hände. Drei Viertel der Zuhörerinnen und Zuhörer tappen in die Falle und machen es ihm nach. Was folgt, ist die erste wichtige Lektion von Professor Meadows: «Handlungen sind wichtiger als Worte.» Die Schweiz: Klug und reich – oder eher dumm und ignorant?Diese Erkenntnis passt hervorragend in die aktuelle Klimadebatte. Für die Wissenschaft ist klar: Steigt die durchschnittliche Temperatur auf dem Globus um mehr als 2 Grad Celsius, so muss die Menschheit mit ernsten Konsequenzen rechnen. Auch klar ist: Um dies abzuwenden, braucht es bis 2020 eine massive Reduktion der weltweiten Schadstoffemissionen. Aber: «Die Wissenschaft wird nicht ernst genommen», sagte Prof. Dr. Andreas Fischlin, der als Autor massgeblich an den IPCC-Berichten zum Klimawandel beteiligt war. Die Diskrepanz zwischen dem wissenschaftlich Nötigen und dem politischen Willen wird immer grösser. Ein gutes (oder besser trauriges) Beispiel hierfür ist die Schweiz. «Klug, klein und reich», so charakterisiert Dennis L. Meadows unser Land an der von 250 Personen besuchten SES-Tagung. Die Voraussetzungen, den Schalter umzulegen, wären hierzulande ideal. Doch die politische Realität sieht anders aus. Vor zwei Jahren hat die CVP mit einer parlamentarischen Initiative eine CO2-Reduktion von 20 Prozent im Inland verlangt. Ein halbes Jahr später wurde die Klimainitiative eingereicht. Ziel ist eine Reduktion um 30 Prozent. Geradezu läppisch kommt der Gegenvorschlag des Bundesrates daher: Er will eine CO2-Reduktion von 20 bis 30 Prozent. Allerdings soll nur die Hälfte davon in der Schweiz selber eingespart werden. Der Rest würde ganz einfach im Ausland kompensiert. Das ist faktisch ein weit harmloserer Vorstoss als derjenige der CVP. Fazit: Der Bund tut viel zu wenig. Beamtin kritisiert den Bundesrat Diesen Vorwurf musste sich Referentin Andrea Burkhardt, stv. Abteilungschefin Klima beim Bundesamt für Umwelt, an der SES-Tagung mehr als einmal anhören, als sie die offiziellen Klimaziele der Schweiz darlegte. Sie äusserte sich auch überraschend kritisch gegenüber ihren Vorgesetzten: «Der Bundesrat ist in dieser Zusammensetzung vielleicht nicht das innovativste Gremium», gestand Burkhardt zu. Mit Innovation aber hat ein wirksamer Klimaschutz längst nichts mehr zu tun. Es ist im vitalen Interesse der westlichen Staaten, dass die Erwärmung der Erdtemperatur eingeschränkt wird. Klimaexperte Professor Andreas Fischlin spricht von einer Klimaversicherung – wer heute richtig investiert, sichert seine Zukunft ab. «Man schliesst ja auch nicht erst eine Brandversicherung ab, wenn das Haus schon in Flammen steht.» Im Dezember wird in Kopenhagen das Klimaschutzabkommen für die Jahre nach 2013 unterzeichnet. Die schlechte Nachricht lautet: Die Schweiz wird dort kaum als Vorkämpferin für ein gesundes Klima in die Geschichtsbücher eingehen. Die noch schlechtere Nachricht: Der Klimawandel ist nur eines der Probleme, die uns in den nächsten Jahren plagen werden. Nach der Krise ist vor der KriseDennis L. Meadows rechnet, dass zwischen 2020 und 2050 die Grenzen des Wachstums erreicht sein werden. Bereits im Jahr 2006 wurde der Peak Oil überschritten – mehr (und vor allem billigeres) Öl als in diesem Jahr wird auf der Erde nie mehr gefördert werden. Derweil wird der Verbrauch weiter ansteigen. Mit der ökonomischen Entwicklung von Riesenstaaten wie China oder Indien wird der dortige Hunger nach fossilen Energien weiterwachsen. Alleine mit neuen oder alternativen Technologien lässt sich gemäss Meadows die Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot nicht ausgleichen. «Wir müssen vor allem unser Verhalten ändern», sagt der Professor. Es braucht also Wandel auch in psychologischen, sozialen und kulturellen Bereichen. Lässt sich aber das heute fast allbestimmende Wirtschaftssystem überhaupt ändern? Wachstum ist noch immer der einzig bedeutende Leitstern der heutigen Marktwirtschaft. Die globale Wirtschaftskrise der vergangenen Monate wäre eine grosse Chance für eine Neuorganisation der Wirtschafts- und Wertsysteme gewesen. Diese Meinung wurde an der SES-Fachtagung von den meisten Experten geteilt. Die Chance aber wurde verpasst. Es geht weiter im alten Trott. «Die knappste Ressource ist der politische Wille, in die richtige Richtung zu gehen», sagte etwa der Ökonom Dr. Rolf Iten. Dass sich Umweltschutz und Wachstum nicht ausschliessen, ist für das Mitglied der Geschäftsleitung des Beratungsbüros Infras erwiesen. In der Schweiz sei eine Reduktion um 60 Prozent der CO2-Emissionen bis 2035 ohne Einbussen erreichbar. Alte Probleme brauchen neue LösungenAber geht es wirklich ohne Verzicht? «Wir kommen um eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs nicht herum», sagt Dennis L. Meadows. Damit wird auch klar, weshalb es bei der politischen Umsetzung der Klimaziele stockt – niemand hört gerne, dass er zu viel Benzin braucht, zu wenig Strom spart oder im nächsten Jahr nicht schon wieder auf die Malediven jetten kann. Aber genau so sieht Meadows Realität aus: Immer mehr Menschen müssen sich die immer knapper werdenden Ressourcen teilen. Über kurz oder lang führt dies zum Kollaps. Effizientere Technologien könnten die Wachstumsgrenzen lediglich hinausschieben, aber nicht aufhalten. «Wir müssen verzichten lernen.» Düstere Aussichten. So düster, dass radikal neue Ideen gesucht sind. Geri Müller, Nationalrat und Präsident der SES zeigte auf, in welche Richtung es gehen soll. Suffizienz sei der neue Begriff, der «den bisherigen Leitstern Wachstum ablösen» müsse. «Im Privaten leben wir suffizient. Wer mehr als die 6000 Franken ausgibt, die er im Monat verdient, den bestraft das Leben.» Diese Milchbüchleinrechnung hat die ETH Zürich für dem globalen Energieverbrauch längst gemacht: 2000 Watt stehen jedem Menschen pro Jahr zu. Das Konzept der nachhaltigen 2000-Watt-Gesellschaft ist hinlänglich bekannt. Nur fehlt es an der nötigen Konsequenz bei der Umsetzung. Wie hat es Dennis L. Meadows zu Beginn seines Referats erklärt? Handlungen sind wichtiger als Worte. Auf das Kommando bitte alle klatschen. 1, 2, 3 und ...
Weitere Informationen:
Schweizerische Energie-Stiftung SES Angel Sanchez, Freier Mitarbeiter
Bernhard Piller, Projektleiter Fossile Energien und Klima Email:
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Bild: Effizientere Technologien könnten die Wachstumsgrenzen lediglich hinausschieben, aber nicht aufhalten. Dennis L. Meadows (Mitte) anlässlich der SES-Fachtagung: «Wir kommen um eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs nicht herum. Wir müssen verzichten lernen.» (Angel Sanchez, SES)
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