Biotreibstoffe aus Abfällen hat eine ansehnliche Ökobilanz. Im Gegensatz dazu rät ein Uno-Bericht von Biotreibstoffen ab, die auf speziell hierfür eingerichteten Plantagen basieren. Die Nahrungsmittelversorgung ärmerer Staaten und Artenvielfalt würden hierdurch stark bedroht.
Kaum ein Rohstoff hat eine solch steile Karriere hinter sich wie die Biotreibstoffe: Ob Ethanol aus Zuckerrohr und Mais oder Biodiesel aus Palmöl, die Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen sind gefragt wie nie zuvor. Seit der Jahrtausendwende ist die Bioethanol-Produktion, wobei der Alkohol Benzin beigemischt wird, um das Dreifache auf 52 Milliarden Liter jährlich gestiegen. Die Herstellung von Biodiesel kletterte sogar von weniger als einer auf elf Milliarden Liter. Umweltfreundlich sollen sie sein, und weniger Klimagase produzieren als fossile Energieträger, so das Hauptargument für die grünen Treibstoffe. Doch das stimmt nicht immer, bilanziert der am Freitag vom UN-Umweltprogramm UNEP vorgelegte Bericht „Assessing Biofuels“ (Biotreibstoffe bewerten). Autoren sind die Mitglieder des „Internationalen Rats für nachhaltige Ressourcennutzung“, an dessen Spitze der deutsche Ökologe Ernst-Ulrich von Weizsäcker steht. Palmölplantagen verdrängen Orang-Utan„Die Diskussion, ob Biokraftstoffe gut oder schlecht sind, sollten wir nicht weiterführen“, glaubt UNEP-Chef Achim Steiner, nachdem er den Bericht gelesen hat. „Wir müssen uns ganz konkret anschauen, um welchen Kraftstoff es sich handelt, in welchem Land er produziert wird und mit welchen Konsequenzen, positiven und negativen.“ Beispiel Ölpalmen: Ein Auto, das mit Biodiesel aus Palmöl fährt, stößt 80 Prozent weniger CO2 als üblich aus. Doch wenn man sich ansieht, unter welchen Bedingungen in Malaysia und Indonesien Ölpalmen gepflanzt werden, sieht die Bilanz gleich ganz anders aus. Beide Länder decken vier Fünftel der globalen Nachfrage an Palmöl. Dort, wo früher Regenwald stand, wachsen heute Ölpalmen in ordentlich gestutzten Reihen. Die Ölpalmen brauchen viel Niederschlag, deshalb bieten sich Regenwaldgebiete für die Plantagenwirtschaft an. „Dazu kommt die Möglichkeit eines doppelten Geschäfts: Mit dem geschlagenen Urwaldholz finanziert man die Anlage der Plantagen“, erklärt UNEP-Experte Matthew Woods. „Aber weil die Regenwälder schwinden, stehen die Orang-Utans auf Sumatra und Borneo kurz vor dem Aussterben.“ Etwas mehr als ein Jahrzehnt gibt Woods den nahen Verwandten des Menschen noch, wenn nicht umgehend etwas gegen die Wucherung der Plantagenwirtschaft unternommen wird. Der Raubbau an der Natur wirkt sich unmittelbar auf die Ökobilanz aus. Wird für den Anbau der Ölpalmen tropischer Regenwald abgeholzt, werden nicht mehr weniger, sondern 800 Prozent mehr Treibhausgase als bei normalem Diesel ausgestoßen. Je nach zerstörter Landschaft können es auch 2000 Prozent mehr sein. „Der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen kann auch durch den Einsatz von Düngemitteln mehr Klimagase erzeugen als sie einsparen“, erklärt Ernst-Ulrich von Weizsäcker. Generell, so der Ökologe, sei die Herstellung flüssiger Treibstoffe mit deutlich mehr Energieverlusten verbunden als die energetische Nutzung von festen Bestandteilen der Pflanzen, etwa in Kleinkraftwerken. „Biotreibstoffe, die aus landwirtschaftlichen Abfällen hergestellt werden, haben zudem eine positive Ökobilanz aufzuweisen, sobald die Pflanzen extra zur Energienutzung angebaut werden, verschlechtert sie sich.“ Benzin statt Nahrung?Die größte Gefahr sehen Ökologen wie von Weizsäcker im Missbrauch von Land, das normalerweise für Nahrungsmittelproduktion verwendet werden könnte. Von sechs auf neun Milliarden Menschen soll die Weltbevölkerung bis 2050 steigen – diese zu ernähren, wird schon ohne Biotreibstoff-Anbau schwer genug. Dass immer mehr Menschen Fleisch essen und für Viehhaltung größere Flächen als für den Gemüseanbau gebraucht werden, macht die Lage noch schwieriger. „Wir müssen schauen, inwiefern wir sicherstellen können, dass Länder mit Nahrungsmitteldefizit nicht unbedingt zu den ersten Großproduzenten von Biokraftstoffen werden“, warnt Steiner. „Da müssen die nationalen Regierungen die Möglichkeit haben, die richtigen Prioritäten zu treffen.“ Selbst das allein muss nicht helfen: In Uganda nahm die Regierung erst in letzter Minute von ihrem Plan Abstand, ganze Wälder abzuholzen, um Raum für Ölpalmen zu machen. Während tausende Kleinbauern um ihr Überleben fürchteten, legte die Regierung Wert auf die erhofften Exporterlöse. Erst internationaler Druck sorgte dafür, dass die Bewohner nicht vertrieben wurden. Alternative: Biotreibstoff aus AbfällenSelbst die Bepflanzung brachliegender Flächen, so die Bilanz der Studie, ist nicht zwangsläufig gut. „Es gibt zwangsläufig Auswirkungen auf Biodiversität und damit auch Treibhausgasemissionen“, so von Weizsäcker. Auch das benötigte Wasser für den Anbau nachwachsender Rohstoffe im größeren Maßstab ist ein Problem: In den USA sind bereits Flüsse eutrophiert, weil an ihren Bänken so viel Mais für die Biodieselproduktion angebaut wird. Vor dem Hintergrund dieser Probleme verwundert es nicht, dass die Experten auf lange Sicht nur eine Nebenrolle für Biokraftstoffe sehen. Andere erneuerbare Energien, so Stefan Bringezu vom Wuppertal-Institut, leitender Autor der Studie, seien schlicht effektiver – zumal bei der Herstellung flüssiger Biokraftstoffe besonders viel Energie verloren geht. Und doch sieht Bringezu Potential in Biokraftstoffen. „Wir wissen zum Beispiel immer noch viel zu wenig über die Energiegewinnung aus organischen Abfällen“, so Bringezu. „Da könnte man eine Menge machen.“ Es soll weiter geforscht werden, da sind sich alle einig. Denn eins ist klar: Öl und Benzin sind endlich. Alternativen werden dringend gebraucht, wenn auch nicht jede. Bild: Maisplantage für die Produktion von Biokraftstoffen. (ecollo)
|