Die Schweiz tut sich schwer

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Bern 16.10.09
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Die Schweiz hat Trümpfe in der Hand, die Chancen der globalen Klimapolitik zu nutzen, sagt Bafu-Direktor Bruno Oberle. Doch hierzu bräuchte es mehr Industriepolitik. Auch der Finanzplatz hat bisher den Klimawandel noch nicht hinreichend als Chance erkannt.

Steffen Klatt: Wenn es am Weltklimagipfel im Dezember in Kopenhagen oder danach zu einer Einigung kommt, dann wird es erstmals eine wirklich globale Klimapolitik, an der sich alle wichtigen Volkswirtschaften beteiligen und mit der Dutzende Milliarden jährlich fliessen werden. Ist das eine Chance für die Wirtschaft?

Bruno Oberle: Es gibt bereits seit 30 Jahren eine internationale Umwelt- und Ressourcenpolitik. Schon vorher hat es die Fischereipolitik gegeben. Spätestens seit dem Gipfel von Rio 1992 gibt es eine globale Umweltpolitik. Jetzt eröffnet sich mit der Klimapolitik eine neue Dimension. Es herrscht Konsens, dass es darum geht, im Verlauf dieses Jahrhunderts einen Wechsel der Technologie herbeizuführen. Das wird eine industrielle Revolution werden.

Steffen Klatt:Wer wird davon profitieren?

Bruno Oberle: Aus der Geschichte wissen wir, dass sich nach einer industriellen Revolution starke neue Mächte formieren. Nach der Einführung der Dampfmaschine dominierte England, nach der Einführung des Autos und des Fliessbandes die Vereinigten Staaten. Wer nach der nun beginnenden industriellen Revolution auf der Seite der Gewinner stehen wird, wissen wir noch nicht. Oft sind es diejenigen, die kaum alte Technologien haben. Manche sagen, dass China der Gewinner sein wird. Wir stellen fest, dass China in fast allen Bereichen der erneuerbaren Energien führend ist, und zwar in der Forschung ebenso wie in der Produktion.

Die Klimapolitik ist gleichzeitig eine Herausforderung und eine Chance für die Wirtschaft. Es gibt viel Geld zu verdienen. Die ganze Infrastruktur muss verändert werden. Das ist für diejenigen, die Technologien, Produkte und Dienstleistungen anzubieten haben, eine Chance. Wir treten in eine Welt ein, in der nicht mehr das Kapital beschränkt ist, sondern die natürlichen Ressourcen.

Steffen Klatt:Welche Zweige der Schweizer Wirtschaft haben gute Voraussetzungen, um die Chancen der globalen Klimapolitik zu nutzen?

Bruno Oberle: Es können die Hersteller von Energie sparenden Maschinen sein. Es können aber auch Dienstleistungen sein, wie sie gewisse Unternehmen bereits anbieten. Denn die Ressourcenbuchhaltung wird möglicherweise um einiges komplizierter sein als die Geldbuchhaltung. Deshalb braucht es eine neue Generation von Revisoren und Buchhaltern. Das ist eine Chance für die althergebrachten Unternehmen oder für neue Unternehmen, die sich darauf spezialisieren. Die Klimapolitik ist auch eine Chance für den Finanzbereich. Es ist keine Neuigkeit, dass Risiken ein Geschäft für Versicherungen sind. Damit habe ich die Schweizer Trümpfe genannt: gute Maschinenindustrie und gute Finanzdienstleistungen.

Steffen Klatt:Hat denn der Finanzplatz die Chance erkannt?

Bruno Oberle: Nein, bisher noch nicht. Aber wieso soll es in Zukunft nicht eine CO2-Börse in der Schweiz geben? Aus der Sicht der Umweltbehörde wäre es wünschenswert, ein solches Instrument im Land zu haben. Wir helfen gern, aber es muss jemand die Initiative ergreifen, um in diesem Bereich tätig zu werden. Im Bereich grüne Finanzinstrumente und der Risiken der grünen Technologien gibt es einzelne Anbieter. Es gibt Banken mit interessanten Produkten und Unternehmen, die in diesem Bereich Bewertungen machen. Aber das hat noch nicht die Sichtbarkeit, die dem Schweizer Finanzplatz den Schwung gäbe, hier vorwärtszumachen.

Steffen Klatt:Bilden die Stärken der Vergangenheit für den Finanzplatz Schweiz ein Hindernis, um in diesen Markt der Zukunft einzutreten?

Bruno Oberle: Wenn Sie viel zu verlieren haben und bequem sitzen, wieso sollen Sie sich die Mühe machen, von ihrem bequemen Sessel aufzustehen und sich nach einem neuen Hocker umzusehen? Viele Leute sitzen auf ihrem Sessel, bis er morsch ist. Aber dann sind die Hocker alle schon weg. Das ist menschlich. Nur die Getriebenen sind anders, sie sind oft die Pioniere.

Steffen Klatt:Sie haben den Maschinenbau genannt. Die Unternehmen der Branche sind oft klein. Wie kann ihnen geholfen werden, die Chancen auf dem Weltmarkt zu nutzen?

Bruno Oberle: Wie man das macht, kann man in Deutschland anschauen, in Frankreich, in Grossbritannien, in den Niederlanden, in den USA, China, Russland. Es gibt selten Länder, die so widerwillig das Wort Industriepolitik benutzen wie die Schweiz. Wir haben diese Tradition nicht. Man muss aber auch festhalten, dass wir mit unserer Art nicht schlecht gefahren sind. Immerhin sind wir das wettbewerbsfähigste Land der Welt. Vielleicht können wir aber noch besser werden.

Wir haben uns das genauer angeschaut im Bereich Ressourceneffizienz und Umwelttechnologien: Die Schweiz produziert sehr gute Ideen. Wir sind auch nicht schlecht, diese Ideen in die Werkhalle zu bringen. Wenn es aber darum geht, die Produktion nach oben zu schrauben, dann fehlt es an Risikokapital. Die Entwicklung vom Pionierunternehmen zum Platzhirsch, die ist für Schweizer Firmen oft schwer. Bei den Biotechnologien ist das anders. Da sind die Schweizer Unternehmen Platzhirsche und kaufen Unternehmen im Ausland auf. Im Bereich der Ressourceneffizienz und der Umwelttechnologien haben wir die potentiellen Platzhirsche verloren. Wir haben die Chance  nicht wahrgenommen, mit der Technologie und mit der staatlichen Regulierung die ersten zu sein.

Steffen Klatt:Wo ist das zu sehen?

Bruno Oberle: Ein Beispiel dafür sind die Kehrichtverbrennungsanlagen. Während in den Nachbarländern, etwa in Deutschland, noch ideologische Debatten geführt wurden, wie mit dem Abfall umzugehen ist, war in der Schweiz der Fall klar: Wir wollten eine industrielle Entsorgung aufbauen. Das hat 20 Jahre gedauert, aber jetzt funktioniert das System seit einigen Jahren einwandfrei. Parallel dazu hat man begonnen, den Abfall zu verringern, zu trennen und so weiter – also all das zu tun, worüber man bei den Nachbarn gestritten hat. Dadurch war die Schweiz während Jahren führend. Schweizer Unternehmen wussten, wie man Verbrennungsanlagen baut, betreibt, optimiert. Aber heute, da ganz Osteuropa mit Geldern aus Brüssel seine Infrastruktur bei der Abfallverbrennung aufbaut, sind unsere Pioniere bereits in der Hand von ausländischen Firmen. Diese Firmen in Österreich und Frankreich und anderswo bringen jetzt das ursprünglich Schweizer Know How nach Osteuropa und dann nach China. Das ist sicher zum einen ein unglücklicher Zufall, hat zum anderen aber teilweise auch mit der Weigerung zu tun, Industriepolitik zu machen.

Steffen Klatt:Was muss getan werden, damit bei den nächsten Technologien nicht dasselbe passiert?

Bruno Oberle: Das ist eine komplexe Frage, die einzelnen Schritte sind aber klar. Sie beginnen bei der Forschung. Damit die Forschung relevant ist, muss es ein Problem von einer gewissen Dimension geben. Im Umweltbereich braucht es zudem eine staatliche Regulierung, weil es um öffentliche Güter geht und die Märkte darum nicht funktionieren. Anschliessend kann diese Forschungsidee in eine Werkhalle kommen. Der nächste Schritt ist dann, von einem kleineren zu einem mittleren Unternehmen zu kommen. Und das bedeutet auf jeden Fall den Gang über die Grenze, etwa mit Hilfe der Osec. Der Zielmarkt hat jeweils auch damit zu tun, wo wir als Schweiz mit dabei sind und wo nicht. Europa ist oft der naheliegendste Markt. Wenn der Schritt über die Grenze einmal gemacht ist, dann braucht es vor allem die Finanzierung und Managementkapazität. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man mit Steueranreizen seitens des Staates den Investoren ein Signal gibt, dass dies eine gute Sache ist. Solche Staatseingriffe sind allerdings in der Schweiz verpönt.

Steffen Klatt:Was halten Sie von der Exportplattform für die Cleantechbranche, wie sie jetzt die Osec aufbaut?

Bruno Oberle: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das Schweizer Know How soll gebündelt angeboten werden. In der Handelspolitik haben wir jetzt eine Tendenz zu bilateralen Freihandelsabkommen. Dementsprechend gibt es jetzt Anstrengungen, wichtige Märkte bilateral zu erschliessen. Das macht auch die Schweiz, indem sie mit einem Dutzend Länder spricht, die für uns wichtig sind.

 

Zur Person:

Bruno Oberle ist seit Oktober 2005 Direktor des Bundesamtes für Umwelt (bis Ende 2005 Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft). Zuvor war er seit 1999 als Vizedirektor für den technischen Umweltschutz zuständig gewesen. Der Umweltwissenschaftler und Ökonom hat an der ETH Zürich studiert und promoviert. Der 1955 in St. Gallen geborene Oberle ist in Locarno und Zürich aufgewachsen.

 

 

Bild: Bafu

 

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