In den nächsten Jahrzehnten sollen überall in Europa Windräder spiessen und Solaranlagen wachsen, selbst auf hoher See und in der afrikanischen Wüste. Damit der Strom zu den Verbrauchern kommt, braucht es riesige Stromautobahnen. Dieses Super-Stromnetz stösst aber auch auf zahlreiche Hindernisse, von den unterschiedlichen Bauvorschriften bis zu den hohen Kosten. Eddie O’Connor denkt an die Stromversorgung von morgen. „Wir müssen jetzt anfangen, an die Energiesicherheit unserer Kinder und Enkel zu denken“, sagt der Gründer und Chef des Windradbauers Mainstream Renewable Power (MRP). Und weil nach den Vorstellungen der Firma 2050 rund die Hälfte von Europas Energie durch Windturbinen generiert werde, müsse sichergestellt werden, dass dieser Strom es auch an Land schaffe – und zwar durch ein sogenanntes „Supergrid“, ein Super-Stromnetz. Das soll zudem Sonnenenergie aus südlichen Gefilden nach Europa holen und die Elektrizität ins Inland des Kontinents bringen – ähnlich wie das geplante Riesenstromnetz der Desertec-Initiative, bei der unter anderem Afrikas Sonnenstrom nach Europa geholt werden soll. Ein solches Netz stößt sich jedoch an den Unterschieden der europäischen Strommärkte, zudem an technischen Schwierigkeiten.
Supernetz erlaubt Ausgleich von FlautenDamit O‘Connors Traum Wirklichkeit wird, hat das Unternehmen die Initiative Friends of the Supergrid (FOSG) gegründet. Einen ähnlichen Aufruf hat die Europäische Windenergie-Vereinigung (EWEA) gestartet. Sie fordert in ihrer Europäischen Offshore-Wind-Erklärung – die auch MRP unterschrieben hat - die EU-Kommission unter anderem dazu auf, den Entwurf eines Nordsee-Stromnetzes zu veröffentlichen. Denn mit einem solchen Supergrid könnten „Produktionslöcher durch Flauten an einer Stelle … mit Energie von aktiveren Standorten ausgeglichen werden“, sagt EWEA-Präsident Arthouros Zervos. Nötig für das Projekt seien dabei Investitionen in die Hafenstruktur und in neuartige Transportschiffe, außerdem müsste es technologische Neuerungen in Sachen Stromnetz und Windturbinen geben. Unterschiedliche Bau-VorschriftenOb diese Initiativen dem europäischen Riesen-Stromnetz den nötigen Schub verleihen können, bleibt für Mark Chanine, Verkaufsleiter bei den Norddeutschen Seekabelwerken, jedoch ein großes Fragezeichen: „Die Idee ist zwar gut, aber ein Knackpunkt dabei ist, dass die Bau-Vorschriften in jedem Land unterschiedlich sind.“ Energieunternehmen müssten daher mit jedem Staat Einzelverhandlungen führen, zwischen einzelnen Ländern gebe es zudem rechtsfreie Zonen, in denen die Gesetzeslage völlig ungeklärt sei. Ist die zwischenstaatliche Hürde überwunden, müsste der Strom daraufhin ins Landesinnere übertragen werden – „und die dafür nötigen Leitungen existieren in den meisten Fällen nicht“, so der Ingenieur. Um sie zu bauen, müssten Stromfirmen nach dem derzeitigen Stand der Rechtslage mit jedem Dorf einzeln verhandeln. „So dauert es erfahrungsgemäß rund 20 Jahre, um ein Gleichstromkabel allein von Hamburg nach Kassel zu verlegen – und das ist noch eine der rentablen Strecken, wo relativ viel Strom übertragen wird!“, sagt er. Ob ein Energieunternehmen für unrentable Stromleitungen in entlegene Dörfer einen solchen Aufwand betreibe, das sei mehr als fraglich. Um Widerständen in der Bevölkerung zumindest teilweise zu begegnen, könnten die Unternehmen die Kabel zwar in der Erde verbuddeln anstatt Strommasten aufzustellen – „doch das kostet das Fünf- oder Sechsfache!“, sagt Chanine. Gleichstromtechnologie ist teuerDas sind Investitionen, die hinzukämen zu den ohnehin schon hohen Kosten der Gleichstromtechnologie. Denn die Energie, die Windturbinen produzieren und die der Verbraucher nachfragt, ist Wechselstrom. Letzterer kann laut Expertenmeinung aber wirtschaftlich allerhöchstens 150 Kilometer weit übertragen werden, ohne dass zu viel Energie dabei verloren geht. Deswegen muss Wechselstrom mithilfe von Transformatoren in Gleichstrom umgewandelt werden. Der wird dann über sogenannte Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Systeme (HGÜ) zum Festland beziehungsweise ins Inland transportiert, wo Transformatoren ihn wieder in Wechselstrom umwandeln. Doch das ist ein Prozess, bei dem reichlich Energie verloren geht und der zudem sehr kostspielig ist - wie das Beispiel Norderney zeigt: Das Energie-Unternehmen Transpower pflügt dort seit Juli dieses Jahres eine 200 Kilometer lange Stromleitung mit einer Kapazität von 400 Megawatt ein. Die soll 80 geplante Windturbinen mit dem Stromnetz verbinden. Kostenpunkt des Projekts laut dem Unternehmen: 400 Millionen Euro. Und bis HGÜ-Systeme günstiger und ausgereifter würden, könnten noch viele, viele Forschungs- und Entwicklungsjahre vergehen, so Chanine. Unterstützung aus BrüsselDie Kostenseite ist auch einer der Punkte, den Teun van Biert von Entsoe, der europäischen Dachorganisation der Stromnetzbetreiber, bemängelt. „Es ist einfach nicht klar, wer das alles zahlen soll“, sagt er, „deswegen können wir noch nicht sagen, ob ein Supergrid der richtige Weg ist.“ Die Entsoe spricht sich deshalb zunächst für Entscheidungen von Fall zu Fall aus. Schon jetzt unterstützt wird das Riesen-Stromnetz allerdings von Andreas Piebalgs, dem EU-Energiekommissar. „Das Supergrid ist nicht nur ein Traum“, sagt er. „Der finanzielle Aufwand ist kalkulierbar und ich glaube auch, dass das Projekt in die Tat umgesetzt werden kann.“ Bild: Das längste HGÜ-Unterwasserkabel der Welt wurde von ABB verlegt und verläuft von Norwegen in die Niederlande (Claudia Rindt).
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