Vaduz - Regierung und Bankenverband wollen Liechtenstein zu einem Zentrum im Klimageschäft machen. Bereits zum zweiten Mal haben nun ausländische Experten Einblicke in das Getriebe des CO2-Handels und des Geschäfts mit der Nachhaltigkeit gegeben. Nun soll ein Seminar Marktchancen für Liechtensteiner Banken und Finanzintermediäre aufzeigen.
Der Markt ist bereits riesig, und er wächst weiter. Rund 530 Milliarden Dollar seien 2008 für klimabezogene Güter und Dienstleistungen ausgegeben worden, sagte Klaus Tschütscher am Freitag an der zweiten öffentlichen Veranstaltung der Life Klimastiftung in Vaduz. Der Liechtensteiner Regierungschef bezog sich dabei auf eine Studie der britischen HSBC. Dabei seien auf die Energieeffizienz 30 Prozent des Volumens entfallen, auf den Kohlendioxidmarkt 24 Prozent. Für 2020 sagt die HSBC ein Marktvolumen der klimabezogenen Sektoren von 2 Billionen Dollar voraus. Dieser Markt wird weiteren Rückenwind bekommen, wenn sich der Weltklimagipfel im Dezember in Kopenhagen auf ein globales Klimaabkommen einigt. Dieses wird auch substantielle Beiträge der Industriestaaten an die Klimaschutz- und Anpassungsmassnahmen der Entwicklungsländer vorsehen. „Es werden immense Summen benötigt“, sagte Tschütscher. „Die Staaten allein sind überfordert.“ Risikoreicher Markt …Schon heute bietet der Klimamarkt grosse Chancen. Darauf wies Marcel Hanakam hin, Manager Klimaschutz der RWE Power AG. Der deutsche Energieriese ist einer der grössten Emittenten im EU-Emissionshandel, eine Folge des grossen Braunkohlenanteils. Im vergangenen Jahr stiess das Unternehmen 140 Millionen Tonnen aus. Die Steigerung der Energieeffizienz bilde einen der Bausteine der RWE-Klimaschutzstrategie, sagte Hanakam. Aber die Kosten der internen Vermeidung einer Tonne Kohlendioxid betrügen heute 20 bis 25 Euro. Auf dem CO2-Markt liegt aber der Preis bei 14 Euro. Die Teilnahme am Markt und der Zukauf von Verschmutzungsrechten lohne sich also. Der Markt sei aber voll von Risiken. So sei das Volumen an Zertifikaten, die aus einem Klimaschutzprojekt in Entwicklungsländern gewonnen werden können, oft niedriger als erwartet. Es dauere oft zu lange, bis Projekte die Zustimmung durch die Uno-Behörde erhielten. Die eingesetzten Technologien würden nicht immer halten, was sie versprechen. Die Finanzierung komme womöglich nicht zustande. Die Projektinitianten könnten den Schnauf verlieren – die Liste ist lang. Zu lang für ein Unternehmen wie RWE. „RWE ist risikoavers“, sagte Hanakam. … braucht Hilfe des FinanzmarktsFür solche Risiken gibt es den Finanzmarkt. Bereits die bestehenden Börsen nehmen Käufern einen Teil des Risikos ab. Wer an einer der Klimabörsen ein CO2-Zertifikat kauft, weiss, dass er es bei den Aufsichtsbehörden zur Deckung seines eigenen CO2-Ausstosses benutzen darf. Damit entgeht er dem Risiko, das Betreiber von Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern haben: Diese können nie völlig sicher sein, wieviel CO2 ihre Projekte wirklich einsparen. Der EU-Emissionshandel, seit Anfang 2005 in Kraft, hat zur Herausbildung eines spezialisierten Finanzmarktes geführt. Dazu gehören grosse Börsen wie die Bluenext in Paris und die European Climate Exchange in London. Ein Teil des Handels wird über Broker geführt. Auch grosse Industrieunternehmen wie RWE spielen direkt im Markt mit. Zunehmend würden Emissionszertifikate auch in Auktionen gehandelt, sagte Michael Novoszad am Freitag in Vaduz. So seien in Grossbritannien am vergangenen Donnerstag 4,2 Millionen Tonnen CO2 in einer Auktion verkauft worden, fügte der Chef der Climate Corporation aus Mödling bei Wien hinzu. Verwandte Themen| { Noch Platz für neue Anbieter, 07.10.09 } | | { Trendwende bei Klimaverhandlungen, 01.10.09 } | | { Banker als Herdentiere, 17.09.09 } | | { Ozonschutz mit Geldanlagen, 17.09.09 } | | { Finanzplatz muss sich neu erfinden, 16.09.09 } | | { Finanzmarkt wirbt um Vertrauen, 10.09.09 } | | { Marshall-Plan gegen Klimawandel, 02.09.09 } | | { Einigung bis Ende Jahr möglich, 10.08.09 } | | { Finanzplatz muss sauberschrumpfen, 03.08.09 } | | { Chance für den Finanzmarkt, 29.07.09 } | | { Klimaschutz wird profitabel, 13.07.09 } | | { Liechtenstein will Chancen nutzen, 15.06.09 } | | { Versichert in den Klimawandel, 31.03.09 } | | { Gegen den Klimawandel versichern, 30.03.09 } |
Hanakam wies darauf hin, dass mit der globale CO2-Markt bald in eine neue Dimension vorstossen werde: Der geplante US-Emissionshandel werde ein Volumen erreichen, das mehr als doppelt so gross sei wie das des EU-Emissionshandels. Denn das amerikanische System werde 87 Prozent aller CO2-Emissionen einbeziehen, während das europäische System bisher nur 47 Prozent abdeckt. Zudem stössen die USA mit 20 Tonnen im Jahr pro Kopf deutlich mehr als in Europa aus. So liege der Ausstoss in Deutschland bei 10 Tonnen.Frühaufsteher China wurde belohntDie unmittelbare Zukunft des CO2-Marktes ist offen. Zwar hat die EU beschlossen, den Emissionshandel ungeachtet des Ausgangs des Weltklimagipfels bis 2020 fortzusetzen. Zugleich aber hat sie angeboten, den CO2-Ausstoss bis 2020 um 30 Prozent statt wie bisher geplant um 20 Prozent zu senken. Voraussetzung ist aber, dass die USA mitziehen. Und danach sieht es bisher nicht aus. Eine stärkere Verknappung der Verschmutzungsrechte würde aber den Preis für CO2 treiben. Zudem hängt vom künftigen Klimaabkommen ab, ob und in welcher Form CO2-Einsparungen aus Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern in Industrieländern angerechnet werden können. Diese sogenannten CDM (für Clean Development Mechanism) bilden heute einen beachtlichen Teil des CO2-Marktes. Umgekehrt schafft die Unsicherheit auch neue Chancen. So wird im Vorfeld des Klimagipfels im Dezember in Kopenhagen diskutiert, dass in den Schwellenländern künftig nicht mehr einzelne Klimaschutzprojekte Verschmutzungsrechte für Industrieländer „produzieren“ sollten. Vielmehr sollten jeweils ganze Wirtschaftszweige als geschlossenes System betrachtet werden, in dem die CO2-effizienten Unternehmen das Mass für die anderen bildeten. Dieses System wäre neu. Entsprechend wäre dies eine Chance für Neueinsteiger im Markt. Wie sehr eine frühe Eigeninitiative sich auszahlen kann, zeigt das Beispiel China. Das Reich der Mitte hat sehr schnell die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass Klimaschutzprojekte in China CDM „produzieren“ konnten. Heute befinden sich von den 1842 weltweit registrierten Projekten über ein Drittel in China. Mit anderen Worten: Der CO2-Ausstoss von Unternehmen wie RWE hat den Aufschwung etwa der Windkraft in China finanziert. Platz für neue BörseEin Frühstarter kann Liechtenstein nicht mehr werden. Aber Regierung und Bankenverband, die beiden wichtigsten Träger der Life Klimastiftung, sehen im Markt ein interessantes Potential für den Finanzplatz Liechtenstein. Zu den Vorteilen des Fürstentums gehören die kurzen Wege und die rechtliche Flexibilität: Der rechtliche Rahmen kann rasch und unkompliziert neuen Bedürfnissen angepasst werden. Über das nationale Emissionshandelsregister ist Liechtenstein an die Infrastruktur des internationalen Emissionshandels angeschlossen. Mit den Banken und Finanzintermediären ständen potente Akteure bereit. Aus der Sicht Michael Novoszads etwa bestände Bedarf an einer weiteren Börse für CO2-Zertifikate. Auch wenn die Londoner European Climate Exchange kaum zu schlagen sei, so sei doch Bluenext in ihren Gebühren zu teuer. Die Klimastiftung arbeitet daran, Banken und Finanzintermediäre mit den Chancen des neuen Marktes vertraut zu machen. Ende Oktober findet ein erstes Seminar statt, dann nicht mehr öffentlich. Bild: Liechtenstein Tourismus
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