Metro soll Pendler befreien

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Geschrieben von: Birgit Holzer, Paris 08.10.09
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metro parisParis - Frankreichs Präsident Sarkozy legt kühne Umbaupläne für das Gross-Paris der Zukunft vor. Kern ist ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Mit dem 35-Milliarden-Euro-Projekt „Grand Paris” soll Frankreich die Grenzen seiner Hauptstadt sprengen. Oppositionelle Regionalpolitiker fordern mehr Mitspracherecht bei den hochtrabenden Plänen.

Für seine Vision vom Paris der Zukunft ist dem französischen Präsidenten keine Bezeichnung zu pathetisch. „Wahr, schön, gross, gerecht” - so sieht Nicolas Sarkozy Frankreichs Hauptstadt im 21. Jahrhundert, eine Millionenstadt die Ökologie und Wirtschaftlichkeit vereint. Die Grenzen der bislang so gedrängten Grossstadt sollen gesprengt werden, indem der historische Kern mit den Vororten zu einer urbanen Einheit verschmilzt. Ebenso umfassend wie die Pläne zur Neugestaltung des Grossraums Paris ist auch der Name des Projekts: „Grand Paris” („Gross-Paris”). Staatssekretär Christian Blanc, der mit dem Vorhaben betraut ist, stellte das Gesetzesprojekt am Mittwoch dem französischen Ministerrat vor.

Grosse Acht der Metro

Kern des 35-Milliarden-Euro-Projekts ist eine gigantische Infrastruktur-Massnahme. Sie sieht einen Ausbau des U-Bahn- und Strassennetzes vor, der die Umweltrichtlinien berücksichtigt, die sich aus dem Kyoto-Protokoll und dem Kampf gegen den Klimawandel ergeben. Geplant ist eine vollautomatische Hochgeschwindigkeits-Metrolinie über eine Strecke von 130 Kilometern, um den überlasteten öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Für viele der zwölf Millionen Einwohner aus dem Grossraum Paris sei das tägliche Pendeln zur Arbeit die Hölle, beklagt Sarkozy.

Ab 2023 könnte die neue Linie in Form einer „grossen Acht” Paris durchziehen und damit nicht nur dessen Wirtschaftszentren und Flughäfen besser miteinander verbinden, sondern auch die Vororte und die Innenstadt. Davon erhoffen sich die Planer eine Aufwertung der tristen „Banlieues”, der Vororte, die in den 60er Jahren an der Peripherie entstanden sind. Von der wirtschaftlichen Kraft der Region Paris, in der fast ein Drittel des gesamten französischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet wird, sind sie weit abgehängt. Ausdruck ihrer fehlenden Perspektiven sind die gewalttätigen Aufstände, die dort regelmässig aufflammen.

Verbinden statt Verschönern

„Heute geht es nicht mehr darum, die Innenstädte zu verschönern, sondern die Verbindung zwischen dem Zentrum und den Vororten zu verbessern”, sagte Sarkozys damaliger Kultur-Berater Dominique Antoine bereits im Herbst 2007. In einem umfangreichen Ideenwettbewerb liess man 83 Architekten, Künstler und Städteplaner, Visionen für ein neues Paris entwickeln. Zehn Architektenteams präsentierten ihre Vorschläge anschliessend in einer Ausstellung, die der Inspiration dienen sollte. Sie sahen unter anderem moderne Wolkenkratzer vor, grosszügig bepflanzt und von Windrädern umgeben, den Bau eines riesigen Technologie-Parks und neuer Sozialwohnungen. Eine besonders kühne Bauvision sah Paris gar am Meer, weitete sie es doch nach Norden bis hin zur Hafenstadt Le Havre aus.

Eine neue Stadt als Denkmal

Sarkozy scheint keine Idee zu kühn. „Wir müssen gross denken”, formulierte er sein Motto, und das gelte gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Paris solle eine wettbewerbsfähige, fortschrittliche und zugleich nachhaltige „Nach-Kyoto-Stadt” werden und somit „einen Platz unter den Weltstädten einnehmen, die Motor der Entwicklung sind”.
Mit „Grand Paris” folgt der ambitionierte Präsident auf seine Weise der Tradition seiner Vorgänger, der französischen Hauptstadt eine architektonische Signatur zu hinterlassen. Valérie Giscard d`Estaing baute einen alten Bahnhof zum Musée d`Orsay um, Georges Pompidou liess das Geschäftsviertel La Défense und das nach ihm benannte Kunst- und Kulturzentrum errichten, François Mitterrand hinterliess die moderne Bastille-Oper und die Glaspyramide am Louvre, Jacques Chirac ein Museum für nichteuropäische Kunst. Auf ein Denkmal aus Stein und Beton verzichtet Sarkozy - das Symbol seiner Präsidentschaft sprengt einen solchen Rahmen.

Finanzierung ungeklärt

Doch nun, da aus der Utopie Realität werden soll, provoziert sie heftige Polemik. So ist die Finanzierung ungeklärt, die Ideen reichen von staatlichen Anleihen bis zu einer Erhöhung der Nahverkehrs-Abgaben. Vor allem stösst regionalen Politikern der sozialistischen Opposition die „demokratische Enteignung der Bürgermeister” sauer auf: Autoritär und „zentralistisch” reisse die Regierung alle Entscheidungsgewalt an sich, ohne das Mitspracherecht der Gebietskörperschaften zu achten. Diese begründet ihr rasantes Vorgehen mit dem „nationalem Interesse” der Massnahmen, von denen sie sich ein jährliches Wachstum von vier Prozent im Grossraum Paris innerhalb von zehn Jahren und 800.000 neue Arbeitsplätze erhofft. Nach ihrem Willen soll der erste Spatenstich für ein neues Paris bereits im Jahr 2012 erfolgen.

 

Bild: Metrostation La Défense, Paris (Appear Networks)

 

 

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