Die Pionierarbeit hat sich ausgezahlt: Bewohner von Ökosiedlungen leben schon lange vor, wie man in Gemeinschaft umweltfreundlich leben kann. Und ihr Wohlbefinden, gutes Gewissen und ihr voller Geldbeutel scheinen gute Argumente zu sein, um Trends zu setzen.
„Ich dachte am Anfang immer, da müsste doch noch eine Heizrechnung kommen, doch sie kam nie. Sollte ich mal ein Haus bauen, dann sicher ein Passivhaus.“ Georg Schoch wohnt im Modellstadtteil Vauban in Freiburg. Seine Siedlung schneidet im Vergleich aller 180 deutscher Ökosiedlungen in einer Studie der Universität Karlsruhe in Punkto Nachhaltigkeit am besten ab. Über 5000 Bewohner leben auf einem ehemaligen Kasernengelände meist ohne eigenes Auto. Holzhackschnitzel und Solarpannele erzeugen Energie, auf Freiflächen werden praktisch täglich Gemeinschaftsworkshops angeboten. Georg Schoch ist weder Öko-Freak, noch Alt-68, noch ein Anhänger der Kibbuz-Bewegung. Er suchte einfach eine preiswerte Wohnung und fand sie in Vauban. Bewohner ökologischer Quartiere haben Wirtschaft und Gesellschaft gelehrt, wie Wohlbefinden und Umweltbewusstsein unter einem Dach wohnen können. Vom Modell zum Muss In Europa zählt der deutsche Wissenschaftler Holger Wolpensinger 380 Siedlungen oder Stadtquartiere, die in den letzten zwanzig Jahren unter nachhaltigen Gesichtspunkten realisiert wurden. „Diese Experimentiersiedlungen haben gezeigt, dass nachhaltige Technik funktioniert. Schritt für Schritt werden soziale und ökologische Elemente nun in den regulären Bau integriert“, sagt Wolpensinger. In den Vorreiterregionen ist vielleicht bald keine Unterscheidung mehr zwischen regulären und ökologischen Quartieren zu machen. Schon früh wurde der Gedanke von Planern und Bewohnern in skandinavischen Ländern, Holland und Deutschland aufgegriffen. Frankreich, süd- und osteuropäische Staaten hinken hingegen noch hinterher. Doch der Siegeszug der in Ökosiedlungen getesteten Techniken ist laut Wolpensinger kaum mehr aufzuhalten. Lösungen in Fragen der Energieeffizienz, Mobilität, der Verwendung von ökologischen Baustoffen, einer ökologischen Bauweise, einer umweltgerechten Ver- und Entsorgung und auch einer naturnahen Freiraumgestaltung sind oft schon nicht mehr Modell, sondern Muss. In Winterthur steht das beste Beispiel für diesen Trend: der Eulachhof mit 136 Mietwohnungen, die erste Null-Energie-Wohnüberbauung der Schweiz. Matthias Maier vom verantwortlichen Generalunternehmer Allreal sagt unverblümt: „Wir sind keine Gutmenschen und in den Wohnungen leben sicher auch nicht nur Gutmenschen. Der passive Energiehaushalt des Gebäudes schafft Wohlbefinden und lohnt sich langfristig. Und wir sehen den Bedarf der Schweizer.“ Das Unternehmen mit einem Immobilienportfolio von zwei Milliarden Franken setzt verstärkt auf nachhaltiges Bauen. Zu recht, denn die Wohnungen waren bei Fertigstellung schon komplett vermietet. Nicht nur Spezialglas, sondern auch innovative Solar- und Wärmedämmungskonzepte machen es möglich, dass der Eulachhof in Spitzenzeiten Energie ins Netz einspeist und über das Gesamtjahr gesehen für Heizung und Warmwasser keine zusätzliche Energieleistung in Anspruch nimmt. Es geht. Schweizer Weg zum Ziel Die Schweiz ist erst vor einigen Jahren auf den fahrenden Zug nachhaltiger Wohnkonzepte aufgesprungen. Die Förderkultur, die während der letzten Jahrzehnte beispielsweise in den deutschen Bundesländern Bayern und Baden Württemberg für einen Boom gesorgt hat, wird hier nicht praktiziert. Unterstützt wurde jedoch die Forschung. Auch sind Experten international voll des Lobes für das ausgefeilte System des Schweizer Labels Minergie, das seit der Mitte der 90er Jahre nachhaltige Gebäude zertifiziert. Die Erfahrung in ökologischer Bauweise und die Investition in Innovation machen sich nun bezahlt. Dass das Aufspringen für Schweizer nun kein Problem ist, liegt aber auch an der regen Genossenschaftsszene. Genossenschaften entideologisieren sich
„Bald sind Grossprojekte nur noch unter diesen Gesichtspunkten zu planen“, sagt auch Johannes Maier vom Architektenbüro Müller Sigrist in Zürich. Ihr Konzept für die Siedlung Kalkbleiche eines Genossenschafts-Zusammenschlusses in Zürich hat erst kürzlich alle Verantwortlichen restlos überzeugt. Höchste Minergie-Kriterien sollen erreicht, innovative Gemeinschaftsräume zur Verfügung gestellt werden – und das zu einem sozialverträglichen Preis. In Zürich kommt das Genossenschaftswohnen mit Sozial- und Öko-Effekt in Mode. Bei der traditionellen Genossenschaft Kraftwerk 1 steht bald Kraftwerk 2 und sogar Kraftwerk 3 an. Vorstandsverantwortlicher für Ökologie, Martin Schmitz: „Es war nicht leicht, geeignete Objekte zu finden, doch nun haben wir ein Gebäude des Zürcher Kinderdorfs in Zürich Höngg gefunden, das saniert wird.“ Kraftwerk ist aus der Hausbesetzer-Szene entstanden. Heute ist die Genossenschaft selbstverständlich nicht unpolitisch, doch entideologisiert. „Wenn ein Auto-Freak Mitglied werden und einziehen will, dann schliessen wir ihn nicht aus“, sagt Schmitz. Doch die soziale Komponente im Nachhaltigkeitsdenken der Genossenschaft ist zentral: Ein Kraftwerk-Bewohner hat Wohnrecht auf Lebenszeit, die Mieten müssen leistbar bleiben und die Integration von Immigranten ist ein Grundanliegen. Verwandte Themen| { Masdar baut die Zukunft, 28.09.09 } | | { Mit Masdar an die Spitze, 04.08.09 } | | { Die Zukunft ist auf Lehm gebaut, 26.07.09 } | | { Die Ökostadt am Schwarzwald, 05.06.09 } | | { Kasernen zu Ökosiedlungen, 15.05.09 } | | { Die Bewohner fühlen sich pudelwohl, 15.05.09 } | | { Städte sind grüner, 27.03.09 } | | { Stadtlandschaft statt endloser Brei, 16.02.09 } | | { Auf kleinerem Fuss leben, 13.02.09 } | | { Ökostadt statt Flugzeugen?, 29.01.09 } | | { Fortschritt nach Schweizer Art, 16.01.09 } | | { Mit Stroh bauen, 07.01.09 } | | { Zukunftswerkstatt Ökodorf?, 05.01.09 } |
Öko ohne sozial – geht das?Während die Pioniere in den 70er und 80er Jahren die Ökosiedlung noch als politisches Ausrufezeichen in der Gesellschaft sahen, entspricht sie heute einem modernen Lebensstil. Doch umfasst dieser Lebensstil lediglich Solarheizung und Mülltrennung? „Unsere Annahme ist, dass eine Ökosiedlung ohne den sozialen Aspekt nicht komplett funktioniert. Sie kann ökologisch sein, doch nicht nachhaltig“, sagt Matthias Drilling, Dozent für Stadtentwicklung der Fachhochschule Nordwestschweiz. Drilling hat ein Forschungsprojekt begonnen, in dessen Rahmen er den sozialen Faktor von ökologischen Siedlungen untersucht. Drängende Klimaaspekte bilden die Grundlage: Je ansteckender der Lebensstil des ökologischen Wohnens, desto geringer der CO2-Ausstoss – je seltener neu gebaut oder umgezogen wird, desto geringer der versteckte Verbrauch von Energie. Drilling: „Erst, wenn Menschen aufeinandertreffen und sich über ihr Leben austauschen, voneinander abschauen und sich vielleicht auch gegenseitig kontrollieren, kann ein gesellschaftlicher Haltungswechsel stattfinden.“ Die Siedlung als Keimzelle neuen DenkensFür den Pionierarchitekten Joachim Eble aus Tübingen ist der Stein bereits ins Rollen gekommen. „Ökoquartiere mit Dorfcharakter treffen einen Nerv der Zeit. Hier finden wir, was wir unterschwellig suchen“, sagt er. Wenn man Menschen bewusst in den Planungsprozesse neuer Stadtteile und Siedlungen miteinbeziehe, so seine Erfahrung, dann forderten sie häufig weit mehr ökologische Bestandteile, als die öffentliche Hand und Investoren dies vorgesehen hätten. „Und wie man an Projekten in Holland sieht, die ich seit langem betreue, gibt es auch bei der Bewirtschaftung der Siedlungen ein enormes Gemeinschaftspotential.“ Mit dem Planungsbüro John Thomson & Partners in London wendet er erfolgreich das Konzept des „Community Planning“ an. Ob es sich um eine Stadterweiterung in Abu Dhabi oder eine Siedlung in Leverkusen handelt, immer werden alle Projektbeteiligten an ein Reissbrett zur Projektplanung gerufen. „Wir haben gerade von öffentlichen Stellen sehr viele Anfragen zu dieser partizipatorischen Methode.“ Es scheint sich herumzusprechen: Nur wenn freiwillig Massnahmen des ökologischen Wohnens umgesetzt werden, stehen die Zeichen gut, dass alle Bewohner dahinter stehen und das Konzept aufgeht. Einen Lebensstil von oben zu verordnen, sei zum Scheitern verurteilt, so Eble. Gesundheit ist das beste ArgumentDoch solange die Sehnsucht nach neuen Wohnformen die Menschen umtreibt, hat automatisch auch die Ökologie einen Fuss in der Tür. Gemeinschaft trotz Individualität zu leben und dies vor allem gesund – das sind Wünsche, auf die ökologische Quartiere eine Antwort geben. Wie der Siegeszug dieser Ideen leise aber mächtig seinen Weg mache, zeichnet Eble anhand der Idee von Wasserkreisläufen nach: „Ich habe schon in den 80er-Jahren mit Wasserkreisläufen in Tübinger Siedlungen gearbeitet. Sie waren technisch notwendig, wurden aber auch sichtbar gemacht und als soziale Treffpunkte genutzt. Das verbindende Element funktionierte.“ Das Atelier Dreiseitl aus Überlingen, das diese Konzepte mit ihm verwirklicht hat, realisiert nun Wasserkonzepte in Weltstädten wie New York oder Singapur. Bild: Die Ökosiedlung im niederländischen Culemborg ist unter massgeblicher Beteiligung von Pionier-Architekt Joachim Eble entstanden und wird weiterhin von ihm betreut. (zvg)
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