Ein Alpenland geht aufs Meer

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Geschrieben von: Lisa Louis, Stockholm 29.09.09
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Das Alpenland Schweiz und Offshore-Windenergie auf dem Wasser – ein schlechter Scherz? Keineswegs: Schweizer Unternehmen sind mit dabei, wenn es um Windräder auf dem Wasser geht. Und sie könnten auch an einem künftigen Aufschwung der Branche teilhaben, wenn die Windräder immer grösser und ihr Transport immer schwieriger werden.

Windturbinen auf dem Wasser und die Schweiz – zwei Dinge, die aus unterschiedlichen Welten kommen. Dieser Widerspruch löst sich jedoch bei näherem Hinsehen auf. So waren bei der European Offshore Wind 2009 in Stockholm, der nach Angaben der Organisatoren weltweit grössten Offshore-Windenergie-Konferenz, auch Firmen aus dem Alpenland vertreten: der Schiffebauer Fintry Marine Design AG aus Wil SG, der Transformatoren- und Induktorenhersteller Trasfor in Molinazzo di Monteggio bei Lugano und der Elektrotechnik-Konzern ABB. Und diese drei Namen zeigen, dass auch ein Binnenland eine Rolle im Bereich der grünen Energie auf dem Wasser spielen kann.

Leichte Katamarane für hohe See

Schweizer Standortvorteile sind dabei ein positives Geschäftsklima und eine internationale Vernetzung, sagt Klaus Vorwerk, Geschäftsführer von Fintry. Vor zwei Jahren hat der gebürtige Deutsche seinen Wohn- und den Hauptsitz seiner 2004 gegründeten Firma von Monaco in die Schweiz verlegt. Und nun schwärmt er von der logistischen Unterstützung, die die Regierung seinem Unternehmen leistet. ”Wenn wir beispielsweise für eine Messe nach Abu Dhabi fahren, fragt uns das Aussenministerium vorher, ob wir Hilfe beim Transport brauchen und ruft für uns vor Ort an”, meint er begeistert. Zudem bekomme man von Zürich aus in die meisten wichtigen Städte der Welt Direktflüge, sei also extrem flexibel.

In diesem Umfeld hat der Unternehmer mit seinem Schweizer Team von sieben Leuten vier Katamarane entwickelt, die unter anderem in Deutschland gebaut werden. Das besondere an Fintrys zweibugigen Schiffen: Sie sind komplett aus Karbonfaser - ein Material, das leichter ist als die herkömmlichen Schiffbaustoffe Stahl und Aluminium, und welches nicht rostet. ”Deswegen verbrauchen unsere Schiffe 20 Prozent weniger Sprit und sind langfristig wirtschaftlicher als die Konkurrenzprodukte – selbst wenn unsere Preise höher sind”, betont Vorwerk. Bisher hat die Firma zwei Katamaran-Arten im Prototyp getestet und verliehen. Im August des nächsten Jahres wird das erste MPV CarboCat ausgeliefert, neun weitere des gleichen Modells sollen folgen.

Zukunft liegt auf dem Wasser

Die erste Lieferung an die Windenergie-Industrie liegt für Trasfor schon fünf Jahre zurück. Die Produkte des Unternehmens, die Strom umwandeln und übertragen, finden sich in vielen Bereichen wie zum Beispiel der Schifffahrt und dem Eisenbahnsektor. Rund zehn Prozent von ihnen werden an Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien verkauft, hauptsächlich an die Windenergie-Industrie. ”Bis jetzt gehen unsere Windrad-Waren zwar ausschliesslich in Turbinen auf dem Land”, sagt Marco Fregonese aus der Marketingabteilung des Unternehmens. ”Jedoch liegt die Zukunft ganz klar im Offshore-Bereich.”

Denn auch wenn während des vergangenen Jahres der Bereich Windenergie stagniert habe, rechnet die Firma für diesen Sektor nach der Wirtschaftskrise mit zweistelligen Zuwachsraten. Dass der bergige Binnenstaat seinen Anteil von diesem Wachstumskuchen einfordern kann und sollte, ist für Fregonese klar. ”Denn die dazu notwendigen hochqualifizierten Ingenieure haben wir ja in der Schweiz”, sagt der Italiener.

ABB profitiert vom Drang zur Grösse

Mit hochqualifizierten Ingenieuren kann auch ABB aufwarten. 1600 seiner weltweit rund 120.000 Mitarbeiter arbeiten in der Eidgenossenschaft. Der technologische Schwerpunkt dieses Unternehmensteils: Produkte im Mittelspannungsbereich (ab 10.000 Volt). ”Und weil Windturbinen immer grösser werden, brauchen sie immer mehr unserer Schweizer ABB-Teile anstelle von Niedrigstrom-Produkten”, sagt Markus Eichler, Produktmanager in Turgi, einem der 16 Standorte des Unternehmens in der Schweiz. Diese Entwicklung begünstige auch die zunehmende Verlagerung der dreiblättrigen Energiegeneratoren auf die See. ”Denn Turbinen über 3,5 Megawatt passen nicht mehr unter Brücken hindurch und können deswegen schlecht über Land transportiert werden”, sagt der Ingenieur.

ABB hat in den vergangenen sechs Jahren 30 Fünf-Megawatt-Turbinen ausgeliefert. Deren Durchmesser ist so gross, dass die Fläche ihres Rotorenkreises der zweier Fussballfelder entspricht. Und das ist nicht das Ende des Windmastes: Konstrukteure wie die amerikanische Firma Clipper entwickeln bereits Räder, die bis zu 10 Megawatt produzieren.

Katamaran-Flotten brauchen Investoren

Von einem solchen Drang der Branche zur Grösse könnte auch Fintry verstärkt profitieren: Die Aktiengesellschaft wirbt für eine Geschäftsidee im Bereich des Seetransports. So ist es bisher die Norm, dass Windenergetiker sich Schiffe entweder ausleihen oder kaufen, dafür kurzfristig Seemänner anheuern, die die Ingenieure bei Bedarf zum Windpark fahren. Geschäftsführer Vorwerk hält jedoch ein integriertes Modell für effizienter, bei dem sich Reeder-Firmen ihre eigene, für Arbeiten an den Windmühlen geeignete (Fintry-)Schiffsflotte zulegen und damit Windradbauern ihre Dienste anbieten. Weil kleine Reeder-Firmen jedoch selten die für eine solche Flotte nötigen Millionen zur Verfügung haben und Banken sich in Zeiten der Finanzkrise mit Krediten zurückhalten, sucht das Unternehmen nach Investoren. Nur, die sind schwer zu finden. Jedenfalls noch - angesichts eines bisher nur künftigen Aufschwungs der Windenergie-Branche auf dem Wasser.

 

Bild: Titelseite des Nachhaltigkeitsberichts ABB Group Sustainability Performance 2008. (ABB)

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