In Abu Dhabis Wüste entsteht die ambitionierteste Ökostadt der Welt für 50.000 Einwohner: Masdar. Und einer der wichtigsten Kooperationspartner sei die Schweiz, betont die Nachhaltigkeitsverantwortliche des Projekts, Nawal al Hosany.
Yvonne von Hunnius: Die Masdar-Erfahrung hat bereits begonnen, bevor die Stadt fertig ist: Das Masdar Hochschulinstitut hat die ersten Studenten empfangen. Warum hat man nicht gewartet? Nawal al Hosany: Das ist Teil der Idee. Die Postgraduate-Studenten werden im Januar 2010 die ersten Bewohner von Masdar-City und helfen somit, den Gedanken weiterzuentwickeln. Alle haben bereits ein einschlägiges Studium absolviert und arbeiten an Teilbereichen des Projektes mit. Aber sie werden nicht in eine Baustelle einziehen müssen: Das Universitätsgebäude und auch die nötige Infrastruktur werden fertig sein. Yvonne von Hunnius: Insgesamt soll das Projekt rund 22 Milliarden Dollar kosten und doch ist nicht klar, ob der Bau 2016 oder 2018 beendet sein soll. Sind das nicht zu viele Unklarheiten? Verwandte Themen| { Marke Minergie gewinnt, 21.09.09 } | | { Masdar zieht erste Studenten an, 16.09.09 } | | { Masdar ist auf Kurs, 15.09.09 } | | { Marshall-Plan gegen Klimawandel, 02.09.09 } | | { Abu Dhabi greift nach der Sonne, 17.08.09 } | | { Mit Masdar an die Spitze, 04.08.09 } | | { Bonn macht Platz für Masdar, 29.06.09 } | | { Masdar will an die Weltspitze, 04.06.09 } | | { Grünes Wissen sichert Stellen, 28.04.09 } | | { Agentur für Erneuerbare, 23.01.09 } | | { Mehr als stille Gesellschafter, 06.01.09 } | | { Grüne Stadt in der Wüste, 03.10.08 } |
Nawal al Hosany: Die Rahmenbedingungen sind klar abgesteckt. 2014 soll die erste Bauphase von fünf abgeschlossen sein, 2012 werden die ersten ausseruniversitären Gebäude bezugsfähig. Doch auch hier gilt: Masdar soll einer organischen Entwicklung folgen. Alles lebt von den innovativen Menschen, die sich hieran beteiligen. 1.500 Unternehmen werden einziehen – und alle werden Masdar mitgestalten.
Yvonne von Hunnius: Auf welche Kooperationspartner sind sie bis dato besonders stolz? Nawal al Hosany: Neben der Schweiz, die als einziges Land bisher ein eigenes Viertel in Masdar beziehen wird, freuen wir uns, dass die Hochschulkooperation mit der renommierten amerikanischen Hochschule „Massachusetts Instutute of Technology“, dem MIT, existiert. Zudem haben wir ein Kooperationsabkommen mit Grossbritannien geschlossen: Gemeinsam wird die Forschung zu erneuerbaren Energien vorangetrieben. Yvonne von Hunnius: Warum ist gerade die Schweiz mit einem „Swiss Village“ vertreten? Nawal al Hosany: Wir können vom Wissen in Sachen Nachhaltigkeit von den Schweizern nur profitieren. Betrachten sie das Baulabel Minergie, das meiner Meinung nach das beste der ganzen Welt ist. Die Schweizer haben in vielen Techniken die Nase vorn. Die Einigung über ein eigenes Viertel folgte dem Gedanken, die Schweizer Botschaft von Abu Dhabi nach Masdar zu verlegen. Jetzt wird sie unweit des Sitzes der Internationalen Energieagentur ihren Sitz haben. Diese Lage ist goldwert. Yvonne von Hunnius: Zur Projektidee an sich: Ist es nicht verrückt, in einer Wüste eine energieeffiziente Ökostadt hochzuziehen? Nawal al Hosany: Keineswegs. Die Technik muss viel innovativer sein, um die Hürde der hohen Temperaturen zu überwinden. Und gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel werden wir uns mit steigenden und nicht fallenden Temperaturen auseinandersetzen müssen. Deshalb ist es sinnvoller, in der Wüste als in Norwegen zu experimentieren. Yvonne von Hunnius: Was ist ihrer Meinung nach das Bahnbrechende an Masdar? Nur der Innovationsdruck durch die unwirtliche Umgebung? Nawal al Hosany: Das integrierende Modell ist das Entscheidende. Wir haben im Vorfeld mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt ein schlüssiges Konzept erarbeitet, das viele Lebensfelder gleichzeitig betrachtet: Energie, Müll, Transport, Leben, Arbeiten. All diese Punkte tragen dazu bei, dass wir in Abu Dhabi pro Kopf momentan so viel verbrauchen, wie theoretisch fünf Planeten hergeben. Und nur durch einen integrierten Ansatz können wir neue Lebensmodelle nach dem Ein-Planet-Prinzip entwickeln. Yvonne von Hunnius: Ist Masdar auch ohne Zertifikat-Handel CO2-neutral? Nawal al Hosany: Langfristig sollten wir in Masdar ohne eine CO2-Kompensation durch Zertifikate auskommen. Die Technik ist so ausgerichtet. Yvonne von Hunnius: Europäer kritisieren , Abu Dhabis Ziel, bis 2020 nur 10 Prozent des Energiebedarfs mit regenerativen Energien zu bestreiten, sei zu niedrig... Nawal al Hosany: Für uns ist das Ziel hoch genug. In unserer Erdölregion muss sich das Nachhaltigkeitsdenken zwar schnell entwickeln, doch wir können nicht mit Siebenmeilenstiefeln hetzen. Yvonne von Hunnius: Für Sie als Stadtplanerin bedeutet Raum auch Platz für soziales Leben. Wie soll die Reissbrettstadt Masdar eine Seele erhalten? Nawal al Hosany: Wir sind uns bewusst, wie wichtig auch die Einbindung in die Region ist und wollen kein grünes Ghetto: Wir arbeiten eng mit Schulen zusammen und testen regelmässig unsere Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Zudem sollen die zukünftigen Bewohner zwar drastisch ihre Lebensweise verändern, doch ein Nachhaltigkeitsdenken soll nicht auf Zwang, sondern positiven Anreizsystemen basieren. Yvonne von Hunnius: Aber woran kann man den Masdar-Geist in der Planung ablesen? Nawal al Hosany: Kommunikation wird an vorderste Stelle gesetzt. Alles wurde deshalb um kleine Plätze konstruiert. Zudem wird es in Masdar keine nächtlich ausgestorbenen Büroviertel geben: Arbeiten, Leben, Einkaufen, Kommunizieren – alle Lebensfelder werden schon planerisch miteinander verbunden. Maximal150 Meter muss jeder Einwohner nur gehen, bis er zu einem Platz kommt, an dem Interaktion stattfindet. Yvonne von Hunnius: Die Arbeitsbedingungen von Arbeitern in den Emiraten werden häufig kritisiert. Wie reagiert Masdar darauf? Nawal al Hosany: Wir reagieren nicht, wir agieren. Alle Bauunternehmer haben eine Vereinbarung unterschrieben, die besagt, dass die Arbeiter nach fairen Lohnsystemen bezahlt werden und unter Bedingungen arbeiten, die internationalen Standards entsprechen. Yvonne von Hunnius: Wenn das Ergebnis nachhaltig sein soll, muss dies auch der Bauprozess sein... Nawal al Hosany: Selbstverständlich. Und das bedeutet, dass das Projekt einen grossen Lerneffekt für die gesamte regionale Baubranche hat. Wir haben viele Schulungen durchgeführt, um energieeffiziente Prozesse zu verdeutlichen. Auch die Zulieferer mussten dazulernen, denn wir verlangen zertifizierte nachhaltige Materialien. Yvonne von Hunnius: Mit welchen Hauptmaterialien wird gearbeitet? Nawal al Hosany: Nachhaltige Materialien waren bis dato nicht wirklich erhältlich in der Region. Früher hat man kaum auf den Betonmix geachtet – bei Masdar wird in einem eigens erstellten Betonwerk eine Mischung sichergestellt, die so wenig wie möglich CO2 ausstösst. Bei Bewehrungsstahl gilt, dass er mindestens 95 Prozent Recyclinganteil haben muss. Aluminium gehörte zu den Materialien, die auf keinen Fall verwendet werden sollten. Doch nun wurde ein Verfahren gefunden, das wir als nachhaltig genug einstufen. Und natürlich wird auch nur zertifiziertes Holz zugelassen. Yvonne von Hunnius: Wie verändert die Wirtschaftskrise das Projekt? Nawal al Hosany: Hinsichtlich der Bauunternehmen wird Masdar durch die Krise umso mehr zu einem Vorteil für die Unternehmen. Zum einen, weil sie Aufträge brauchen und Masdar welche bietet – dann gehen sie auch gern auf unsere Bedingungen ein. Und zum anderen, weil sie durch die Teilnahme neue Methoden lernen, die einen Wettbewerbsvorsprung sichern. Masdars Ziele an sich verändern sich nicht durch die Krise, denn der Auslöser war der Klimawandel und der nimmt keine Rücksicht auf die Börsen. Umgekehrt wird daraus eher ein Schuh: Nachhaltigkeit wird ein immer grösseres Thema bei Investments, da dadurch Langfristigkeit gesichert ist. Zur Person: Nawal al-Hosany ist Nachhaltigkeitsverantwortliche der Ökostadt Masdar. Sie promovierte an der Universität Newcastle-upon-Tyne in England und hat zudem an der Harvard Business School in Cambridge (USA) studiert. Im Jahr 2008 wurde Hosany mit dem Preis für „Emirates Businesswoman“ ausgezeichnet. Bild: Yvonne von Hunnius
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