Machthebel Kakao

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Geschrieben von: Bernhard Herold, Max Havelaar-Stiftung 28.09.09
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„Wir werden uns für eine Weltwirtschaft einsetzen, die offen, innovativ, nachhaltig und fair ist“, veröffentlichen Schlussdokumente von G8-Gipfeln. Die Forderung nach mehr Nachhaltigkeit und Fairness in der Weltwirtschaft ist nicht neu. Doch was wird effektiv unternommen – seitens der Regierungen, der Unternehmen aber auch der Konsumentinnen und Konsumenten – damit die guten Vorsätze auch umgesetzt werden? Bei Fairtrade-Kakao-Produkten könnte man ansetzen. 

Nachhaltigkeit hat neben der sozialen und ökologischen auch eine wirtschaftliche Dimension, die gerne vergessen geht. Immer öfter werden die Bauern in Entwicklungsländern mit höheren Anforderungen im Sozial- und Umweltbereich konfrontiert, ohne dass man die Handelsbedingungen thematisiert. Praktisch im Wochenrhythmus lancieren Unternehmen und internationale Organisationen in Europa und den USA neue Nachhaltigkeitsinitiativen. Nicht immer ist jedoch garantiert, dass die Menschen im Süden von diesem Trend profitieren. Um die strukturellen Probleme in den Entwicklungsländern anzugehen, braucht es mehr als ein paar Schlagwörter.

Kakaobauern leidern unter Armut

Vor zwei Monaten besuchte ich vier Fairtrade-zertifzierte Kakao-Kooperativen in Ghana und in der Côte d’Ivoire. Das Land mit dem klingenden Namen leidet unter dem schlechten Ruf der Kinderarbeit. Ich habe viele Kakaobauern auf dieses Thema angesprochen. Ausnahmslos alle wollen, dass ihre Kinder in die Schule geben. Denn die Eltern wissen, dass Bildung für ihre Kinder das Tor zu einer besseren Zukunft ist. Aber viele Eltern können das Schulgeld schlicht nicht bezahlen. Nebst den Gesundheitskosten ist das Schulgeld einer der grössten Ausgabeposten der Kakaobauern in der Côte d’Ivoire. Der ivorische Staat ist in den Schulen auf dem Land praktisch inexistent. So kommt es, dass die Eltern nicht nur das Schulhaus finanzieren, sondern auch noch den Lehrer bezahlen. Viele Kakaobauern sind zu arm, um ihre Kinder in die Schule zu schicken. Weshalb können sie von ihrem Produkt nicht leben, obwohl der Kakaokonsum weltweit steigt, und die Preise trotz Rezession auf einem unverändert hohen Niveau liegen?

Zwischenhändler stützen Ausbeutung

Die fünf grössten Kakaokonzerne der Welt kaufen den Kakao in der Côte d’Ivoire nicht direkt bei den Bauernkooperativen ein, sondern beauftragen Zwischenhändler, sogenannte „Traitants“, damit. Diese bekommen von den Grosskonzernen Kredite in Millionenhöhe. Die Traitants beschäftigen ein Heer von sogenannten „Pisteurs“, die mit Lastwagen und viel Bargeld ausgerüstet, während der Erntezeit in den Kakaogebieten unterwegs sind, um soviel Kakao wie möglich einzukaufen. Da die Pisteurs den Kakao sofort bar auf die Hand bezahlen, verkaufen viele Bauern ihren Kakao lieber an sie, statt an die eigene Kooperative. Oft übernehmen die Pisteurs den Kakao, bevor er richtig fermentiert und getrocknet worden ist, was die Qualität des Kakaos mindert. Die Kakaokonzerne finanzieren so ein System mit, das die Stellung der ivorischen Kakaoproduktion untergräbt.

Fairtrade kann viel bewirken

Fairtrade-zertifzierte Kooperativen kaufen den Bauern den Kakao zu einem stabilen Preis ab. Die Mitglieder der Kooperative sind dort „zuhause“ und bekommen Unterstützung im Anbau. Die Kooperative bekommt pro verkaufte Tonne Fairtrade-Kakao eine Prämie von 150 US-Dollar. Die Wertschöpfung dieses Geldes ist enorm. Die Kooperative Kavokiva im Westen der Côte d’Ivoire zum Beispiel konnte dank den Fairtrade-Prämien ein eigenes kleines Gesundheitszentrum aufbauen, und die Mitglieder haben eine Krankenversicherung. In vielen Dörfern wurden mit Hilfe der Bewohner Brunnen gebaut oder die Schulhäuser verbessert. Ich war beeindruckt, wie mit wenigen Mitteln viel bewirkt werden kann, wenn man die lokalen Kooperativen einbindet und stärkt, wie das beispielsweise der Fairtrade-Ansatz tut.

Schweizer Konzerne müssen teilnehmen

Schweizerinnen und Schweizer sind Weltmeister im Schokoladeessen und Weltmeister des fairen Handels. Wie kann es da sein, dass die Lebensbedingungen der Kakaobauern in Westafrika so wenig Beachtung finden? Auf internationaler Ebene haben erste Konzerne ein Zeichen gesetzt: Der beliebteste englische Schokoriegel trägt seit kurzem das Fairtrade-Label. Es ist einfach, ein Verbot von Kinderarbeit zu fordern. Wenn die Mädchen aber kilometerweit gehen müssen, um Wasser zu holen, oder wenn es gar keine Schulen gibt, bleibt der Verhaltenskodex leerer Buchstabe. Kinderarbeit kann nur systematisch eingedämmt werden, wenn sich die Lebenssituation der Kleinbauern verbessert, indem die Konzerne für die Rohstoffe aus dem Süden einen gerechten Preis bezahlen

 

Zur Person:
Bernhard Herold ist Agrarökonom. Er arbeitete von 1992 bis 2002 beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). Dann war er zunächst bei der Erklärung von Bern (EvB) tätig, bevor er 2004 die Leitung des Bereichs Entwicklungspolitik bei Brot für alle übernahm. Von 2007 bis 2008 war er der Schweizer Vertreter der Fair Wear Foundation. Seit 2009 ist er Leiter Qualität & Internationale Zusammenarbeit bei der Max Havelaar-Stiftung (Schweiz).

 

Bild: zvg

 

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