Auch Pensionskassen haben im Vorfeld der Krise keine kritischen Fragen gestellt. Das sollte nach dieser Krise anders sein, sagt Paul Clement-Hunt. Nachhaltigkeit muss Teil der Anlagestrategie werden. Die Finanzinitiative des Uno-Umweltprogramms will den institutionellen Investoren helfen, die richtigen Fragen zu stellen.
Steffen Klatt: Was hat die Finanzinitiative des UN-Umweltprogramms bisher erreicht? Paul Clement-Hunt: Die Finanzinitiative geht zurück auf den Gipfel von Rio 1992, als die Staats- und Regierungschefs erstmals über die Stabilität der Umwelt diskutiert haben. Damals wurde die Finanzinitiative lanciert. In den 90er Jahren ging es darum, überhaupt das Bewusstsein dafür zu wecken, dass soziale und Umweltfragen auch für die Finanz- und Kapitalmärkte relevant sind. Seither haben wir auf drei Ebenen etwas erreicht. Wir haben Regeln und Standards gesetzt für Banker, Versicherer und andere Marktakteure. Wir haben zweitens technische Standards entwickelt. Ein Beispiel dafür sind Richtlinien für Banken zu Wasserrisiken. Drittens haben wir in den letzten drei Jahren Online-Training zu Klimawandel und Klimawandelmärkte angeboten. In den vergangenen Jahren haben wir sehr viel mit Pensionskassen gearbeitet und sie in das Thema Klimawandel eingeführt. Pensionskassen repräsentieren 25 Prozent der Kapitalmärkte und sind langfristige Investoren. Teilweise ist es uns gelungen, das Denken der führenden Köpfe in der Investmentindustrie zu beeinflussen. Steffen Klatt: … so dass sie offener sind für Themen wie den Klimawandel geworden sind. Paul Clement-Hunt: Wir argumentieren nicht von einem moralischen Standpunkt aus. Wir sagen: Das ist der business case. Deshalb haben sie Auswirkungen auf Eure Investitionen. Und deshalb müsst Ihr sie in Eure Entscheidungsprozesse einbeziehen. Verwandte Themen| { Banker als Herdentiere, 17.09.09 } | | { Ozonschutz mit Geldanlagen, 17.09.09 } | | { Finanzplatz muss sich neu erfinden, 16.09.09 } | | { Finanzmarkt wirbt um Vertrauen, 10.09.09 } | | { Flüchtiges Geld hemmt Entwicklung, 09.09.09 } | | { Politik und Wirtschaft gefordert, 17.08.09 } | | { Finanzplatz muss sauberschrumpfen, 03.08.09 } | | { Chance für den Finanzmarkt, 29.07.09 } | | { Profit allein ist nicht genug, 08.07.09 } | | { Die wahren Gründe der Krise, 29.06.09 } | | { Gute Praktiken wiederbeleben, 17.06.09 } | | { Klimagipfel der Wirtschaftsführer, 27.05.09 } | | { Diese Chance muss genutzt werden, 02.04.09 } | | { Bis zur nächsten Krise?, 25.02.09 } | | { Wirtschaft braucht neue Regeln, 24.02.09 } | | { Mit Gier in die Krise, 18.02.09 } | | { Die grösste Herausforderung, 12.12.08 } |
Steffen Klatt: Hat die Krise die Herangehensweise dieser Investoren beeinflusst? Paul Clement-Hunt: Wir sind immer noch in einer Zeit der Reflexion. Die grossen Pensionskassen haben in der ersten Jahreshälfte über die strategische Richtung ihrer Anlagen nachgedacht. Die Krise hat zumindest Fragen über den künftigen Weg ausgelöst. Denn der Wert der Anlagen der Pensionskassen sind wegen der Krise zwischen 18 und 35 Prozent gesunken. Steffen Klatt: Werden die Pensionskassen nach der Krise anders investieren als vorher? Paul Clement-Hunt: Wir arbeiten daran, warum ökologische, soziale und Fragen der Unternehmensführung relevant sind für Investoren. Und im Zentrum der Krise stehen genau solche Fragen der Unternehmensführung. Wir sprechen mit vielen Pensionskassen. Und uns wird immer wieder gesagt, dass sie in die Finanzmärkte gehen mussten, weil die Aktien sich so stark und gesund entwickelten. Gleichzeitig fragen sich die Pensionskassenverantwortlichen, warum sie 2005 oder 2006 den Regierungen nicht kritische Fragen zu den komplizierten verbrieften Produkten gestellt haben, die niemand wirklich verstanden hat. Es gibt derzeit gesunde Diskussionen über Unternehmensführung innerhalb der Pensionskassen selbst, aber auch zum Verhältnis zu den verschiedenen Akteure des Finanzmarktes. Denn da beisst die Maus keinen Faden ab: Die Rentner haben mit den Pensionskassen einen Teil ihres Geldes verloren, und das wirft ernste Fragen auf. Steffen Klatt: Spielen die Pensionskassen im Bereich der Nachhaltigkeit eine besondere Rolle? Paul Clement-Hunt: Unsere Überlegung war ganz einfach. Klimawandel, Verschlechterung des Wassers und Verlust an natürlichen Ressourcen haben mittel- und langfristige Folgen. Pensionskassen müssen ihre Anlagen langfristig schützen. Damit haben sie ein natürliches Interesse an diesen Themen. Steffen Klatt: Werden die Finanzmärkte nach der Krise so funktionieren wie vor der Krise? Werden Banker wieder den gleichen Tanz wie vor der Krise tanzen, wenn die Musik wieder beginnt? Paul Clement-Hunt: Wir stehen an einem Scheideweg: Gehen wir zurück zur bisherigen Art, Geschäfte zu machen, oder beziehen wir Fragen der Nachhaltigkeit ein? Dabei geht es nicht nur um Risiken. Sondern Nachhaltigkeit schafft auch neue Möglichkeiten für das Geschäft. Die Musik wird wieder beginnen. Einige Institutionen werden wieder tanzen wie vorher. Andere werden sich fragen, welche Art von Tanz die richtige ist. Steffen Klatt: Welche Märkte werden eher die Chancen als die Risiken der Nachhaltigkeit sehen? Paul Clement-Hunt: Kohlendioxid und Klimawandel sind echte Themen im Markt geworden. In der EU ist der Ausstoss von Kohlendioxid begrenzt worden. 12000 Unternehmen unterliegen dem Emissionshandel. Das hat einen Markt für Kohlendioxidzertifikate geschaffen. Die Einsparung von Energie und die Energieeffizienz sind bei einem Ölpreis von 70 Dollar ein weiteres Thema. Dazu kommt die Energiesicherheit. Vergessen Sie nicht die ökologische Infrastruktur. Da geht es um die gute alte Projektfinanzierung. Wie kann die Wasserversorgung gesichert werden? die Abwasserbehandlung? Abfall? der öffentliche Verkehr? Diese Themen werden Geschäftsmöglichkeiten für Jahrzehnte bieten. Banken, die noch Jahrzehnte bestehen wollen, schauen sich in diesen Themen um. Man kann diese Themen gern als „grün“ abtun. In Wirklichkeit aber geht es um das ganz traditionelle Bauwesen, um das Ingenieurwesen, um Produktemärkte. Steffen Klatt: Sieht der Finanzmarkt Schweiz diese Möglichkeiten? Paul Clement-Hunt: Zürich und Genf haben das Thema Nachhaltigkeit in seiner Breite relativ spät aufgegriffen. Es gab ein paar Pioniere wie Sarasin und Pictet. Aber andere kamen erst später hinzu. Doch in den vergangenen drei Jahren hat das Thema in der Schweiz an Gewicht gewonnen. In Zürich gibt es das Sustainability Forum. Als wir in Genf im vergangenen Oktober die Sustainable Finance Group starteten, erwarteten wir 80 Leute. Es kamen über 200. Die Schweiz spielt eine einzigartige Rolle in der Welt, dank der Uno in Genf und dank der Internationalität Zürichs. Das versetzt sie in eine sehr starke Position, eine führende Rolle im verantwortungsbewussten Investment und nachhaltiger Finanzierung zu übernehmen. Zur Person Paul Clement-Hunt ist seit 2000 Abteilungsleiter der Finanzinitiative des Uno-Umweltprogramms. Von 1998 bis 2000 arbeitete er für die Internationale Handelskammer und war dabei für die Themen Energie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung verantwortlich. Dabei koordinierte er unter anderem die Einbeziehung der Wirtschaft in die UN-Klimapolitik. Von 1991 bis 1998 war in Bangkok tätig, zuletzt für die Société Générale de Surveillance, für die er als Forschungschef den Bereich Umweltinformationen leitete. Die Finanzinitiative mit Sitz in Genf gehört zur in Paris angesiedelten Abteilung für Technologie, Industrie und Umwelt des Uno-Umweltprogramms, das seinen Hauptsitz in Nairobi hat.
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