Sharjah - Ausgerechnet am ölreichen Golf ist es in den letzten Wochen immer wieder zu Stromausfällen gekommen. Besonders in den ärmeren der Vereinigten Arabischen Emirate hinkt die Infrastruktur hinterher. Die Finanzkrise verschärft die Lage.
Sharjah liegt nur wenige Kilometer von Dubai entfernt. Mit dem Auto ist das Emirat in wenigen Minuten zu erreichen. Aber in mancher Hinsicht ist es Lichtjahre entfernt. Während Dubai weltoffen ist und auf dem Höhepunkt seines Aufschwungs hoffen konnte, zu einem der führenden Finanz- und Handelszentren der Welt aufzusteigen, ist Sharjah konservativ, verschlossen und im Vergleich zu Dubai und erst recht zum ölreichen Abu Dhabi arm. Werkbank der Emirate steht stillDas war schon immer so. Aber nun macht sich der Rückstand auch mitten im Alltag bemerkbar. Seit Mitte August kommt es immer wieder zu Stromausfällen von bis zu zwölf Stunden. Die zuständige Behörde machte ursprünglich den plötzlichen Zusammenbruch eines Kraftwerks verantwortlich, ausgelöst durch den hohen Strombedarf im heissen Sommer. Beobachter verweisen auch auf die Finanzkrise, welche den Golf seit einem Jahr belastet. Damit fehlt das Geld, dringend nötigen Infrastrukturprojekte anzuschieben. Klar sind dagegen die Folgen der Stromausfälle. Die Kosten werden auf 70 bis 100 Millionen Dirham (13 bis 19 Millionen Euro/19,5 bis 28 Millionen Franken) geschätzt, besonders im Industriesektor. Sharjah ist die Werkbank der Emirate, mit einem Anteil von 40 Prozent an der Industrieproduktion. Die Industrie unterhält hier 750000 Arbeitsplätze. Golf hungert nach Strom Die Vereinigten Arabischen Emirate stehen mit ihrem Stromhunger nicht allein da am Golf. In den Ländern des Golfkooperationsrats insgesamt wächst der Strombedarf um 9,5 Prozent jährlich. Bis 2015 wird eine zusätzliche Kapazität von 55000 Megawatt gebraucht. Zum Vergleich: Derzeit sind 75000 Megawatt installiert. Grösster Energieverbraucher der Region ist Saudi-Arabien. Es wird erwartet, dass das Königreich bis 2025 insgesamt 450 Milliarden SAR (83 Milliarden Euro/124 Milliarden Franken) investiert, um 35000 Megawatt an neuer Kapazität zu errichten. Zumindest ein Teil der Region spannt beim Strom inzwischen zusammen: Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und Kuwait schliessen derzeit die erste Etappe eines gemeinsamen Stromnetzes ab. Die saudische Stromgesellschaft lädt zudem für Oktober zu einer Konferenz ein. Experten aus der Region und aus aller Welt sollen beraten, wie angesichts des raschen Wachstums von Wirtschaft und Bevölkerung am Golf der Bedarf an Strom gedeckt werden soll. Hochhäuser seit Jahren ohne StromSharjah ist nicht allein mit seinen Problemen. Eine Studie der Bundesregierung der Emirate vom vergangenen Jahr zeigte auf, dass die nördlichen Emirate unter einem chronischen Strommangel leiden. Dieser Mangel bilde einer ernste wirtschaftliche und ökologische Gefahr, so die Gutachter der Regierung. Sie machen die schlechte Planung seitens der Bundesbehörde für Strom und Wasser in Abu Dhabi für die Lage verantwortlich. Diese Behörde liefert den grössten Teil des Stromes, den die sogenannten nördlichen Emirate verbrauchen, also Ajman, Fujairah, Ras al Khaimah und Umm al Qaiwain. Diese Emirate haben keine eigenen Behörden für die Strom- und Wasserversorgung und hängen von den Lieferungen des Bundesstaates ab. Und die lassen manchmal auf sich warten. Tausend Gewerbeimmobilien warten darauf, an das Netz angeschlossen zu werden, davon allein 500 in Ajman. Zahlreiche Hochhäuser, vor Monaten oder gar Jahren fertiggestellt, warten vergebens auf ihre neuen Bewohner – der Anschluss an das Stromnetz fehlt. Das beeinträchtigt auch die sonst so fürsorgliche Sozialpolitik für die verhältnismässig wenigen Einheimischen. So mussten Villen in Ras al Khaimah, die der Staat Emiratis mit niedrigem Einkommen zur Verfügung gestellt hat, während Jahren leer stehen. Die Behörden in Sharjah stellen sich taub, wenn sie nach den Ursachen des Energiekrise am ölreichen Golf gefragt werden. Sie bleiben auch stumm, wenn sie sagen sollten, wann der Strom wieder zuverlässig fliesst. Wenn der Bundesstaat dem Emirat nicht zur Hilfe eilt, dürften die Aussichten in Sharjah düster sein. Denn der Verbrauch übersteigt inzwischen die Produktion. Kurzfristig könnten niedrigere Temperaturen und freiwillige Sparmassnahmen seitens der Bewohner helfen. Langfristig ist das nicht genug. Und die Lage könnte sich noch verschlimmern, wenn sich die Baubranche in den Emiraten, ein grosser Stromfresser, wieder erholt. Bild: Al Qasba in Sharja gilt als "Venedig von Sharja", gerade während des jetzt abgelaufenen Ramadan ist die Beleuchtung märchenhaft. Falls kein Stromausfall alles verdunkelt. (Al Qasba)
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