Umweltschützer und Bankiersohn David de Rothschild will mit einem Katamaran aus PET-Flaschen über den Pazifik segeln. Damit will er ein Zeichen setzen gegen die Verschmutzung der Weltmeere – auch mit Hilfe von Sponsorengeld aus Schaffhausen.
In einer Werft in Kalifornien entsteht ein Müllschiff. Das futuristische Gebilde von Initiator David de Rotschild besteht fast ausschließlich aus 12.000 ausgedienten Plastikflaschen. Noch pulen Mitarbeiter die Aufkleber von bauchigen Flaschenwänden, schneiden Tücher aus gepresstem Plastik für das Skelett der Bordwand zu. Denn de Rothschild ist nicht nur Öko-Aktivist, Extremsportler und Spross der britischen Bankiersfamilie, sondern auch ein Ästhet. Er will für seine Plastiki einheitliche Flaschen, sortiert nach Farben. Bald wird das Schiff von San Francisco nach Sydney, vorbei an Honolulu, Oahu und dem Bikini-Atoll, fast 18.000 Kilometer weit über eine unberechenbare und gewaltige See fahren. Einer der Hauptsponsoren der Aktion ist der Schweizer Uhrenhersteller IWC Schaffhausen. An den Polen und im Urwald David de Rothschild, geboren am 25. August 1978 in London, studierte an der Oxford Brookes University Politik und Informatik und absolvierte ein Fernstudium der Naturheilkunde am Londoner College of Naturopathic Medicine. 2005 gründete er die Umweltorganisation Adventure Ecology. 2006 überquerte er in rund 100 Tagen die Arktis von Russland nach Kanada, was bisher nur wenigen Menschen gelang. Das brachte ihm zusätzlich den Titel des jüngsten Briten ein, der sowohl den Nord- als auch den Südpol erreichte. 2007 bereiste er mit hochkarätigen Künstlern den Urwald von Ecuador und dokumentierte die Umweltschäden der Ölindustrie. Im selben Jahr erhielt er den GQ Award als Mann des Jahres in der Kategorie Engagement. Müll zu MüllHöhepunkt des Plastiki-Abenteuers soll ein Abstecher zum Müllstrudel sein. Das ist jener spezielle Ort, an dem sich die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen beängstigend deutlich manifestiert. Mitten im Meer findet sich ein riesiges Müllfeld, der „Great Eastern Pacific Garbage Patch“. Strömungen haben den im Ozean treibenden Unrat an einem bestimmten Punkt im Pazifik angeschwemmt: Schiffsabfälle, Fischernetze, Verpackungsmaterial. Sie bedrohen die Fauna des Meeres und deren schädliche Inhaltsstoffe nehmen Fische auf. Letztlich landet der Müll somit wieder auf den Tellern der Menschen. De Rothschild und seine fünfköpfige Mannschaft wollen im Müllstrudel abtauchen und der Menschheit mittels Unterwasserkamera und Internet-Livestream die Konsequenzen ihrer Abfallproduktion vor Augen führen. Mit an Bord sind Wissenschaftler, Seeleute, Abenteurer und Kreative. Sie erfassen wissenschaftliche Daten und versuchen, die Klimaveränderungen, aber auch eine Geschichte über den Pazifik aufzuzeigen. Die Crew will sich zudem selbst versorgen: Sprossen, Hydrokulturen und Kräuter anbauen und fischen. Bevölkerung aufrufen„Das Wichtigste ist, dass wir Plastik nicht als Feind betrachten, sondern lernen, ihn abzuschaffen beziehungsweise wieder zu verwenden“, sagt David de Rothschild. Jeder Mensch solle bewusster auf die Wiederverwertung achten und sich auf natürliche Ressourcen konzentrieren. Die Aktion zielt jedoch auch darauf ab, ein Umdenken in Industrie und Unternehmen anzustoßen. „Wir wollen Menschen durch ein Drama wachrütteln“, so Rothschild. Das scheint auch nötig zu sein. Denn allein in den USA werden jährlich gut 6,8 Millionen Tonnen Plastik produziert. Aber nur rund 450.000 Tonnen wiederverwertet. Mit verrückten Ideen auffallenInspirationen zu diesem Projekt holte sich Rothschild von Thor Heyerdahl. Der norwegische Kapitän war überzeugt: Die polynesische Kultur hat ihren Ursprung in Peru. Um zu demonstrieren, dass Menschen schon vor mehr als 1.500 Jahren fähig waren, die Weiten des Pazifiks zu überqueren, baute er ein einfaches Floss aus Balsaholz, genannt Kon-Tiki. Damit segelte er 1947 von Peru aus über den Pazifik. Nach 101 Tagen erreichte er sein Ziel. „Heyerdahl war in der Lage, seine Theorien auf eine kühne Art und Weise zu beweisen und damit direkt ins Bewusstsein der Leute einzudringen“, sagt Rothschild. Doch der Ozeanritt des Bankierssohnes ist weit weniger todesmutig. Er lässt sich von einem stets in Reichweite befindlichen Rettungstrupp begleiten. Konstruktion ist PionierarbeitDie große Herausforderung stellt vor allem die Konstruktion des Plastikschiffes dar. Die Plastiki soll das erste Schiff sein, das aus komplett wiederverwertbaren Materialien besteht. Doch diese einfach einzuschmelzen, um daraus eine klassische Kunststoffmasse für den Bootsrumpf zu formen, erschien Rothschild zu banal. Daher die Idee, leere PET-Flaschen miteinander zu verbinden und somit eine 20 Meter lange Ponton-Konstruktion zu bilden. Namhafte Experten holte Rothschild mit ins Boot: So zum Beispiel mit Michael Pawlyn, der für seine auf Natur basierten Konzepte berühmt ist. Auch Marinearchitekt Andy Dovell gehört zum Team. Und Jason Iftakhar entwarf eine einzigartige Solaranlage. Mit einem Prototyp ist das Plastiki-Team im April in der Bucht von San Francisco gesegelt. „Es lief besser, als wir dachten. Wir machten über acht Knoten Fahrt“, sagt Rothschild. Das sind zirka 14 Stundenkilometer. Abfall als Start eines neuen BewusstseinsUmweltschutz als Abenteuer ohne erhobenen Zeigefinger – das ist David de Rothschilds Mission seit 2005, als er die Umweltschutzorganisation „Adventure Ecology“ gründete. „Während einer Expedition durch die Antarktis 2004 dämmerte es mir, Umweltschutz als Abenteuer zu verkaufen und so eine neue Gemeinschaft anzuregen, sich zu engagieren.“ Rothschild ist sich aber durchaus bewusst, dass viele Leute durch die große Medienpräsenz des Umweltthemas müde geworden sind. „Ich kann das gut verstehen. Doch ist es beim Abfall einfacher. Jeder kann darauf achten, Abfall zu verringern, den Gebrauch einzudämmen und richtig zu entsorgen.“ Wann genau seine bis dato spektakulärste Aktion losgehen soll, darüber schweigt sich die Crew aus. Fest steht, es muss vor Dezember sein, denn dann ist Hochsaison für tropische Wirbelstürme. Bleibt also zu hoffen, dass die Plastiki nicht im Müllstrudel untergeht und damit den Abfallberg um weitere 12.000 Plastikflaschen erhöht. Bild: David de Rothschild in einem Meer aus Plastikflaschen - aus ebensolchen ist sein Boot "Plastiki" gemacht. (Luca Babini)
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