Ab 2015 geht der Wind ab

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Geschrieben von: Lisa Louis, Stockholm 21.09.09
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Arthouros Zervos, EWEADie Wirtschaftskrise ist an der Windenergie nicht spurlos vorbei gegangen. Dennoch sagt ihr Arthouros Zervos, Präsident der Europäischen Windenergie-Vereinigung, eine glänzende Zukunft voraus. Ohne politische Unterstützung sei die jedoch nicht möglich. Europa müsse verstärkt in die Infrastruktur investieren, auch auf dem Wasser.

Lisa Louis: Liegt die Zukunft der Windenergie auf dem Land oder auf dem Wasser?

Arthouros Zervos: Ich denke, sie liegt in beiden Bereichen. Offshore wird einen grossen Teil ausmachen, vor allem in Europa. Aber bis jetzt steigt die Anzahl der Windräder stärker auf dem Land als auf dem Wasser, und das wird auch für die nächsten zehn Jahre so bleiben.

Lisa Louis: Für das Jahr 2020 haben Sie vorhergesagt, dass die Kapazität der europäischen Offshore-Windparks auf 40 Gigawatt ansteigen wird. Die Prognose für 2030 beträgt erstaunliche 150 Gigawatt. Ist das nicht ein bisschen optimistisch?

Arthouros Zervos: Nein. Wir sprechen hier über einen Wachstumssektor. Auch wenn die Zahl der Windräder schon in den nächsten Jahren wachsen wird, wird der Sektor ab 2015 boomen!

Lisa Louis: Wie kommen Sie auf diese Zahlen?

Arthouros Zervos: Die setzen sich einerseits aus den Projekten zusammen, die schon geplant sind. Andererseits beruhen sie auf eigenen Schätzungen - vor allem was spätere Jahre angeht.

Lisa Louis: Denken Sie, die Regierungen tun genug, um das Wachstum der Offshore-Windenergie zu fördern?

Arthouros Zervos: Die Länder können nie genug tun. Aber einige Regierungen stechen besonders hervor. Grossbritannien zum Beispiel zahlt für grüne Energie im Wasser mehr als für Windenergie auf dem Land. Und ich denke, auch Deutschland wird in Sachen Windenergie eine grosse Rolle spielen – sowohl auf dem Land als auch offshore.

Lisa Louis: Dennoch beklagen sich gerade in Grossbritannien viele Windbauer, dass es zu lange dauert, um eine Windturbine behördlich genehmigen zu lassen. Ist das allgemein ein Problem in Europa?

Arthouros Zervos: Ja, der Genehmigungsprozess dauert oft zu lange. Auch wenn das von Land zu Land unterschiedlich ist. Und gerade was Turbinen im Wasser angeht, tun sich die Regierungen schwer, weil es sich um ein neues Feld handelt und Regierungen die Spielregeln so komplett neu schaffen müssen. Zum Anderen muss beispielsweise geprüft werden, was für einen Einfluss die Offshore-Windenergie auf andere Bereiche wie die Fischerei hat.

Lisa Louis: Welche Rolle spielt dabei die Europäische Union?

Arthouros Zervos: Eine sehr wichtige - gerade in Sachen Offshore-Windenergie. Denn im Wasser ist noch relativ wenig Infrastruktur vorhanden. Deswegen haben wir ja auch die „Europäische Offshore-Wind-Erklärung“ entworfen. Die wurde von führenden Windenergetikern wie Siemens, Vattenfall und Vestas unterzeichnet. Wir wollen zeigen, dass die Industrie bereit ist, zu investieren – jetzt muss die Politik nur noch das Ihrige tun.

Lisa Louis: In der Erklärung fordern Sie, dass die EU-Kommission einen Aktionsplan für ein europäisches Super-Stromnetz entwirft.  Warum?

Arthouros Zervos: Mit einem solchen Netz könnte Strom europaweit übertragen werden. Produktionslöcher durch Flauten an einer Stelle könnten mit Energie von aktiveren Standorten ausgeglichen werden.

Lisa Louis: Dieses Super-Stromnetz wollen sie an die nationalen Leitungen anschliessen. Aber sind die denn alle dafür ausgelegt, den empfangenen Strom auch im Land weiterzutragen?

Arthouros Zervos: Probleme könnte es eventuell in Süd- und Osteuropa geben. Aber nordeuropäische Länder haben meist ein gut ausgebautes Netz. Und schliesslich sollen das Nordsee-Stromnetz ja an diese angebunden werden.

Lisa Louis: Inwiefern stossen Sie bei der Förderung von Windenergie auf Widerstand von Seiten der Atomstrom-Industrie?

Arthouros Zervos: Natürlich sieht dieser Sektor alternative Energien mit kritischem Auge. Schliesslich nehmen wir ihnen ja ein Stück vom Kuchen weg.

Andererseits verschwimmen die Grenzen zwischen konventionellen und alternativen Stromversorgern immer mehr, und gerade in den vergangenen zwei Jahren haben einige der grossen Energieproduzenten wie zum Beispiel Siemens und General Electric in alternative Energien investiert. Ich sehe das als Zeichen, dass auch sie die wichtige Rolle der grünen Energien anerkennen.

Lisa Louis: Werden diese grossen Unternehmen die kleinen Windbauer vom Markt verdrängen?

Arthouros Zervos: Das ist tatsächlich ein Problem. Um grössere Offshore-Windparks zu bauen, muss man hohe Summen investieren. Das können kleine Windenergie-Unternehmen meist nicht leisten. Und auch wenn in Europa nicht nur grosse Windparks, sondern auch viele kleinere entstehen, wird die Offshore-Windenergie zunehmend von den Riesen bestimmt werden. Dennoch ist das unvermeidlich, wenn man die Windenergie in grossem Stil entwickeln will.

Lisa Louis: Von der Entwicklung der Windenergie profitieren aber nicht alle Länder.  Haben manche Schwellen- und Entwicklungsländer notgedrungen den schwarzen Peter gezogen, nur weil sie das Geld dafür nicht haben?

Arthouros Zervos: So kann man das nicht sagen. Nicht alle Länder haben ein gutes Windenergie-Potenzial. Und auch nicht alle haben Interesse daran, in die Windenergie zu investieren. Russland beispielsweise hat so viel Öl und Gas, dass Windenergie erheblich weniger interessant ist.

China hingegen hat nicht Russlands konventionelle Energieressourcen. Entsprechend investiert es in grüne Energie. Und dieses Jahr wird das Land wahrscheinlich Spitzenreiter sein in Sachen neu installierte Windanlagen, mit geschätzten 10.000 hinzukommenden Megawatt.

Lisa Louis: Und dennoch können es sich manche Länder einfach nicht leisten, in alternative Energien zu investieren.

Arthouros Zervos: Ja, und da ist das Ergebnis des Klimagipfels in Kopenhagen kommenden Dezember sehr wichtig. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir Entwicklungsländern finanziell helfen können, um alternative und speziell Windenergie zu entwickeln.

Lisa Louis: Gibt es auch beim Projekt Desertec , bei dem Sonnenenergie aus Nordafrika nach Europa importiert werden soll, die Gefahr, dass Entwicklungsländer den Kürzeren ziehen?

Arthouros Zervos: Das stimmt. Schliesslich sollte die lokale Bevölkerung nicht benachteiligt werden. Die Menschen vor Ort sollten am meisten von der dort produzierten Energie profitieren.
Aber ich befürchte, dass solche Projekte dazu benutzt werden, um dem klassischen „Nicht in meinem Garten“-Problem auszuweichen. Wenn es also zu Hause Opposition gegen alternative Energien gibt, baut man die Anlagen einfach irgendwo anders und importiert den Strom.

Lisa Louis: Was halten Sie vom Desertec-Projekt?

Arthouros Zervos: Dazu möchte ich mich lieber nicht äussern. Das Ganze ist noch nicht sehr fortgeschritten, und die Projektleiter werden nach eigenen Angaben die nächsten drei Jahre an dem endgültigen Entwurf arbeiten. Es gibt also noch viele offene Fragen, was diese Initiative angeht.

 


Zur Person:

Arthouros Zervos ist Präsident der Europäischen Windenergie-Vereinigung, des Europäischen Erneuerbare-Energien-Rats und des Welt-Windenergie-Rats. Ausserdem ist er Professor für Maschinenbau an der Universität in Athen. Er hat an der Princeton Universität in den USA studiert und in Paris doktoriert.

 

 

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