Finanzplatz muss sich neu erfinden

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Rüschlikon 16.09.09
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Auf dem Finanzmarkt herrscht die Auffassung vor, dass die Krise in erster Linie durch falsche Vorgaben seitens der Politik ausgelöst worden ist, sagt Kai-Uwe Schanz. Zwar wird gesehen, dass die Anleger Vertrauen in den Finanzsektor verloren haben. Aber dieses Vertrauen kehre mit dem Aufschwung wieder zurück, so die Hoffnung.

Steffen Klatt: Diese Krise ist durch die Finanzwirtschaft ausgelöst worden, auch durch Schweizer Unternehmen. Ist in der Branche Büsserstimmung zu spüren?

Kai-Uwe Schanz: Davon ist noch nicht sehr viel zu spüren. Es gibt die starke Meinung, dass die Krise auf falsche Makroanreize zurückzuführen ist, die durch staatliche Institutionen gesetzt worden sind. Die privaten Akteure haben sich gemäss dieser Meinung innerhalb dieser Rahmenbedingungen bewegt und versucht, für sich das Optimum herauszuholen. Es wird allerdings gesehen, dass die Freiheit, die auf diese Weise genutzt worden ist, letzten Endes das gesamte Finanzsystem in Schieflage gebracht hat. Daraus sollen auch Lehren gezogen werden. Eine Büsserstimmung sehe ich deshalb aber noch nicht. Die Fehler werden eher in der Politik gesucht.

Falsche Preise für Risiken

Auch die Finanzwirtschaft hat Fehler gemacht, stellt das Diskussionspapier für das International Leadership Symposium fest, das dieses Jahr bereits zum zehnten Mal vom Sustainability Forum Zürich organisiert worden ist. So seien völlig falsche Preise für Risiken gemacht worden. Der Umgang mit Risiken hätte Schwächen gezeigt. Die Anreizstrukturen seien falsch gewesen. An den Unternehmensspitzen hätten es abweichende Meinungen schwer gehabt. Doch die Öffentlichkeit hätte sich auch zu wenig interessiert für das innere Funktionieren der Unternehmen, etwa für Lohnsysteme. Um aus der Krise wieder herauszufinden, brauche es mehr Transparenz und mehr öffentliche Einmischung in die gute Unternehmensführung. Die Regierungen sollten sich aber nicht in die Geschäftsmodelle der Unternehmen einmischen.

Das Diskussionspapier, erarbeitet von Kai-Uwe Schanz, beruht auf sechs Interviews. Zu den Befragten gehörten unter anderem  AXA-Konzernleitungsmitglied George Stansfield,
Shell-Chef Peter Voser und der Ex-Chefökonom der UBS, Klaus Wellershoff.

Steffen Klatt: Warum zeigt die Branche lieber mit dem Finger auf andere?

Kai-Uwe Schanz:Das ist eine menschliche Reaktion. Deshalb überrascht sie auch nicht. Die Branche ist zudem mit einem gewissen Selbstbewusstsein in die Krise gegangen. Sie verweist auf den Beitrag, den sie zum allgemeinen Wohlstand geleistet hat, etwa zur Förderung des privaten Hauseigentums in den USA – nicht nur im Subprime-Sektor.  Trotzdem waren die privaten Akteure der Finanzindustrie letztlich überrascht über das Ausmass der Probleme.

Steffen Klatt: Ist den Akteuren auf dem Finanzplatz bewusst, dass sie Vertrauen seitens der Anleger verloren haben?

Kai-Uwe Schanz:Es gibt das Bewusstsein, dass es in der Wahrnehmung der Finanzmärkte und ihrer Funktionsweise einen Bruch gegeben hat. Man kann sich auf dem schnelllebigen Finanzplatz aber auch fragen, wie lange es dauert, bis wieder zur Tagesordnung übergegangen wird. Deshalb bin ich mir nicht sicher, wie relevant dieser Vertrauensbruch ist und wie lange er nachwirkt.

Steffen Klatt: Hofft der Markt also, dass der kommende Aufschwung die Vertrauensfrage wieder vom Tisch wischt?

Kai-Uwe Schanz:Wir haben in den letzten Monaten eine deutliche Erholung der Aktienmärkte gesehen. Es ist inzwischen auch klar, dass es zu keiner Kernschmelze des Finanzsystems mehr kommen wird. Die Finanzkrise ist zwar noch nicht überwunden, aber der schlimmste Fall wird nicht eintreten. Die Akteure hoffen deshalb, dass der Vertrauensverlust wieder abebbt. Sie warten auf die realwirtschaftliche Erholung. Diese Erholung wäre die Voraussetzung dafür, das Kapitel Finanzkrise zu schliessen. Damit ist frühestens im kommenden Jahr zu rechnen. Ob dann nachhaltig Lehren aus der Finanzkrise gezogen sein werden, bleibt abzuwarten.

Steffen Klatt: Gibt es eine einheitliche Sicht des Finanzmarktes auf die Krise und ihre Ursachen?

Kai-Uwe Schanz:Ich kann nicht für den ganzen Finanzplatz sprechen. Aber aus den Interviews, die ich für das Sustainability Forum geführt habe, geht hervor, dass der Blick auf die Krise unterschiedlich ist. Die einen sprechen vor allem von Staatsversagen. Die anderen sehen es differenzierter und machen auch die privatwirtschaftlichen Anreizstrukturen auf dem Finanzplatz mit verantwortlich. Es überwiegt aber die Auffassung, dass die privaten Akteure rational innerhalb letztlich falscher makroökonomischer Vorgaben gehandelt haben.

Steffen Klatt: Wenn der Staat und die Zentralbanken also die richtigen Vorgaben gemacht hätten, dann hätte der Finanzmarkt weiterhin richtig funktionieren können?

Kai-Uwe Schanz:Das ist die Arbeitshypothese, ja.

Steffen Klatt: Heisst das  auch, dass der Finanzmarkt nach der Krise ähnlich weiterarbeiten will wie vor der Krise?

Kai-Uwe Schanz:Es ist eine nachhaltige Erfahrung, dass die vor der Krise zu beobachtende Entkopplung von Realwirtschaft und Finanzwirtschaft in der näheren Zukunft nicht mehr vermittelbar sein wird. Das wird auch allgemein anerkannt und betrifft unter anderem das Konzept der Verbriefungen und ihrer strukturierten Spielarten. Ich denke, wir werden auf den Finanzmärkten und in der Finanzindustrie ein gemächlicheres Wachstum sehen, das sich auch sehr viel mehr an den anderen Sektoren der Volkswirtschaft orientiert.

Steffen Klatt: Das scheint eine schlechte Nachricht für den Finanzplatz Schweiz zu sein, der sehr gross ist im Verhältnis zur Schweizer Realwirtschaft.

Kai-Uwe Schanz:Es könnte in der Tat kurzfristig zu einer Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik in der Schweiz kommen, zumal der Finanzplatz Schweiz bekanntlich  ja auch noch ganz andere Probleme hat als das einer weniger starken Kluft zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft. Man muss sehen, dass in der klassischen Vermögensverwaltung – in der der Finanzmarkt Schweiz eine führende Rolle spielt – die Auswüchse bei weitem nicht so stark waren wie im Investmentbanking, wo die grossen Verwerfungen passiert sind. Der Schweiz drohen hier eher politische Gefahren aus dem Ausland, die als indirekte Konsequenz der Finanzkrise gewertet werden können. Ich bin jedoch zuversichtlich für den Finanzplatz und seine Lernfähigkeit. Es gilt, traditionelle Tugenden wie Professionalität, Kundenorientierung, Verlässlichkeit und konservatives Geschäftsgebaren wieder in den Vordergrund zu rücken, um so die direkten und indirekten Folgen der Finanzkrise zu bewältigen. Aber auch in der Schweiz dürften künftig die Bäume des Finanzplatzes wohl nicht mehr in den Himmel wachsen.

Steffen Klatt: Nimmt die Erholung einfach längere Zeit in Anspruch?

Kai-Uwe Schanz:Die grosse Frage ist, ob die Finanzwirtschaft länger braucht als die Realwirtschaft, um sich zu erholen. Der Schweizer Finanzplatz ist bekannt für seine Anpassungsfähigkeit und seine Innovationskraft. Der Finanzplatz wird sich neu erfinden beziehungsweise sich auf traditionelle Stärken zurückbesinnen, aber es wird wohl während dieses Anpassungsprozesses eine gewisse Wachstumsdelle geben.

 

Zur Person:

Kai-Uwe Schanz ist Principal Partner der Zürcher Strategie- und Kommunikationsberatung Dr. Schanz, Alms & Company. Vorher war er Kommunikationschef von Converium, dem inzwischen von der französischen SCOR Gruppe übernommenen Rückversicherer, und Chefökonom Asien-Pazifik bei Swiss Re. Er hat an der Universität St. Gallen doktoriert.

Schanz ist Autor des Diskussionspapieres für das diesjährige Sustainability Leadership Symposium des Sustainability Forums Zürich.

 

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