Staatliche Förderung müsse Themenfreiheit lassen, ist die Leiterin der Schweizer Förderagentur für Innovation (KTI) Ingrid Kissling-Näf überzeugt. Denn Wirtschaft und Forschung kennen Trends besser als der Bund. Dennoch ist der Cleantech-Bereich jetzt im KTI-Fokus.
Yvonne von Hunnius: Zum ersten Mal in der KTI-Geschichte werden momentan Sensibilisierungsveranstaltungen unter anderem im Bereich Cleantech durchgeführt. Warum? Ingrid Kissling-Näf: Wir haben zwar die Fördergelder nicht explizit für diesen Bereich reserviert, gehen jetzt jedoch auf Forscher und Unternehmer zu, um sie zu sensibilisieren. Der Bund hat im Rahmen des Stabilisierungspakets 2 zusätzlich 20 Millionen Franken für KTI-Projekte bereit gestellt. Und wir wissen, dass sich im grünen Bereich momentan viel bewegt. Ohne spezielle Förderung, nur durch Kommunikationsarbeit haben wir schon seit April 2009 bedeutend mehr Anträge im Bereich Cleantech und intelligente Materialien: Es wurden 16 Anträge für insgesamt 7 Millionen Franken bewilligt. Der Anteil der Cleantech-Projekte unter allen Förderdisziplinen liegt nun bei zehn Prozent. Doch mit Kommunikationsarbeit kann man nur dann eine Steigerung verbuchen, wenn dieser Bereich an Hochschulen gut besetzt ist und die Wirtschaft Potential sieht. Für unsere Projekte braucht es immer einen Hochschul- und einen Wirtschaftspartner, die sich über die Zukunftsfähigkeit der Idee einig sind.
Yvonne von Hunnius: Und warum stellt die KTI nicht einfach einen Fördertopf für Umweltinnovationen bereit?
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Ingrid Kissling-Näf: Der Bund will keineswegs vorschreiben, in welchem Bereich Innovationen fällig sind – das wissen Wirtschaft und Forschung besser. Wir stellen Fördertöpfe und Instrumente zur Verfügung, damit die von ihnen erkannten Innovationsfelder bestellt werden können. Setzt man intensiv Schwerpunkte, besteht die Gefahr, sich zu irren. Gerade im Technologiebereich haben sich viele Ideen, die anfangs vielversprechend klangen, später als Sackgasse herausgestellt. Ob sich Pcs oder Macs im Computerbereich durchsetzten, das hat der Markt entschieden und nicht eine staatliche Behörde. Ganze Industriezweige könnten sich in eine falsche Richtung entwickeln, wenn der Staat frühzeitig zu stark interveniert. Deshalb arbeiten wir immer stark bedarfsorientiert.
Yvonne von Hunnius: Sind Unternehmen nicht auch in Krisen sensibler für neue Impulse?
Ingrid Kissling-Näf: Das spielt eine grosse Rolle. In wirtschaftlich schwierigen Situationen überlegen sich Unternehmen, wie sie sich zukünftig positionieren wollen. Wir setzen gerade in der Krise auf offene Ohren für derlei Innovationsbereiche.
Yvonne von Hunnius: Auf fruchtbaren Boden fielen auch die Innovationsschecks zu je 7.500 Franken, die als Pilotprojekt durch die KTI angeboten worden sind. Für diese Mittel sind nur zwölf Forschungstage möglich. Was soll das bringen?
Ingrid Kissling-Näf: Unsere Hoffnung ist, dass eingelöste Innovationsschecks zu einer Weiterarbeit führen. Und tatsächlich: Zwei Projekte sind bereits abgeschlossen, und bei beiden liegt ein Antrag auf ein weiterführendes KTI-Projekt vor. Als Erfolg verbuchen wir auch, dass 75 Prozent der Unternehmen, die einen der 133 Schecks erhalten haben, zuvor noch nie mit uns zusammengearbeitet hatten. Das bedeutet: Die Hürde einer Wissenschaftskooperation wird durch solche Massnahmen gesenkt.
Yvonne von Hunnius: Wirtschaftsverbände fordern, dass die Schecks ein reguläres KTI-Instrumentarium werden…
Ingrid Kissling-Näf: Die Wirtschaft hat die Aktion sehr begrüsst und will eine Fortführung. Doch hierfür wurde zunächst eine Millionen Franken aus dem zweiten Stabilisierungspaket bereitgestellt. Und es ist bis dato nicht geplant, das Pilotprojekt weiterzuführen. Ob man überlegt, es generell in unser Instrumentarium aufzunehmen, wird man erst entscheiden können, wenn im Oktober die Auswertung vorliegt.
Yvonne von Hunnius: Hochschulkooperationen stehen oft vor dem Problem der Geheimhaltung. Firmen sind skeptisch, da Ergebnisse eventuell veröffentlicht werden…
Ingrid Kissling-Näf: Das stimmt, doch die KTI hat eindeutige Regelwerke erstellt: Die Gesuche sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Und wir verlangen, dass bei Beginn eines Projektes die Eigentumsrechte unter den Partnern geregelt werden müssen. Wir sagen nicht, wie – nur, dass sie regeln müssen. Eigentlich gehören die Forschungsresultate der Hochschule, doch die Unternehmen müssen auch die Möglichkeit eines patentrechtlichen Schutzes haben. Das kann problematisch werden, doch ohne dass sich die Partner einig sind, starten wir kein Projekt.
Yvonne von Hunnius: Startups, die sich aus Cleantech-Forschung heraus in die Wirtschaft wagen, brauchen besondere Schützenhilfe, sagt der ETH-Vizepräsident, Peter Chen. Wie hilft die KTI?
Ingrid Kissling-Näf: Viele junge Unternehmen, die aus der Forschung entstehen, treten unserem Coachingprogramm bei oder stellen einen Antrag bei der KTI. Das Prinzip hilft Start-ups aus allen Bereichen. Sie müssen sich ablösen aus dem Hochschulbereich mithilfe eines Spinoffs. Und die KTI-Instrumentarien können hier sehr hilfreich sein.
Yvonne von Hunnius: Chen fordert auch, nachhaltige Konsequenzen aktueller Forschung stärker zu fokussieren. Sie selbst haben an der ETH bezüglich Nachhaltigkeitskriterien geforscht. Wird es bald Nachhaltigkeitskriterien für KTI-Projekte geben?
Ingrid Kissling-Näf: Nein. Dem Aspekt der Nachhaltigkeit wird bereits jetzt bei einem Antrag Rechnung getragen. Nachhaltigkeitskriterien schützen nicht vor Irrtum: Unter derartigen Kriterien hätte man noch vor kurzer Zeit die Erforschung von Biotreibstoffen gefördert, welche nun kontrovers diskutiert werden. Wir hätten die Wirtschaft in eine falsche Richtung gelenkt. Unsere Aufgabe ist es, Technologien zu fördern, marktfähig zu machen und die Risiken auch im Sinne der Nachhaltigkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Zur Person: Ingrid Kissling-Näf ist Leiterin der Förderagentur für Innovation KTI des Bundes, deren Förderprogramme Innovationskooperationen zwischen Wirtschaft und Hochschulen zugute kommen. Die Baslerin hat Theologie und Wirtschaft studiert, erlangte den Master in Public Administration und promovierte als Ökonomin an der Universität St. Gallen. Nach einer Assistenzprofessur für Forstliche Ressourcenökonomie an der ETH Zürich leitete sie als Generalsekretärin die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT). Bild: Yvonne von Hunnius
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