Eisbären zum Aussterben verdammt

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Zürich 04.09.09
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Andreas Fischlin, IPCC-Bericht, KlimawandelSchon in fünfzehn Jahren könnte das arktische Packeis verschwinden, sagt der Schweizer Klimaforscher Andreas Fischlin. Der Mitempfänger des Friedennobelpreises ist Mitautor des UN-Klimaberichts, dessen dramatische Ergebnisse zum Teil sogar noch zu positiv waren. Mit dem Packeis verschwindet auch die Lebensgrundlage der Eisbären.

Yvonne von Hunnius: Der UN-Klimabericht hat 2007 ein düsteres Szenario gezeichnet – in welche Richtung mussten Sie bisher die Ergebnisse korrigieren?

Andreas Fischlin: Die Ergebnisse haben sich grundlegend als valide herausgestellt. Nur in einem Punkt war unser Bericht immer noch zu positiv: Die Entwicklung des arktischen Packeises und die Auswirkungen auf die von ihm abhängigen Arten ist noch dramatischer als angenommen. Unsere Klimamodelle waren nicht in der Lage, die Geschwindigkeit richtig vorauszuberechnen. Unsere Annahmen, wie lange das Packeis noch vorhanden sein wird, waren deshalb zu optimistisch. Leider wird sich bereits in den nächsten Jahrzehnten die Arktis grundlegend verändern.

Yvonne von Hunnius: Hat sich in der Zwischenzeit denn so viel getan?

Andreas Fischlin: Wir haben den Uno-Klimabericht im Oktober 2006 abgeschlossen. Bei diesem Wissensstand haben wir angenommen, dass gemäss der pessimistischsten Szenarien das Packeis frühestens Ende des Jahrhunderts im Sommer ganz abgeschmolzen sein wird. Im gleichen Jahr erschien eine neue Studie, die zum Schluss kam, dass dies schon 2050 der Fall sein könnte. Und wenn Sie nun die aktuellen Zahlen und Analysen von 2009 hinzuziehen, dann könnte die Arktis bereits in den nächsten zehn bis 15 Jahren im Sommer praktisch eisfrei sein.

Diese unglaubliche Beschleunigung erschüttert mich. Ich dachte, ich sei längst tot, wenn das allenfalls passieren sollte. Und nun stellt sich heraus, dass ich das Verschwinden des Packeises vielleicht noch erlebe.

IPCC-Bericht von 2007

1988 gegründet, hat der Zwischenstaatliche Rat für den Klimawandel (IPCC) seinen Sitz in Genf. Er soll umfassend und objektiv die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann. Der Bericht von 2007 basiert auf Hunderten von Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. An dieser vierten Studie des UNO-Klimarates haben 2.500 Experten sechs Jahre gearbeitet.

Yvonne von Hunnius: Wie kann sich der Eisbär dagegen schützen?

Andreas Fischlin: Der Eisbär ist nicht in der Lage, sich anzupassen. Der Eisbär wird in seinem Lebensnerv getroffen und zum Aussterben verdammt, denn er kann aus Energieeffizienz-Gründen nur auf dem Eis Robben jagen. Im Unterschied zu seinem nahen Verwandten, dem Braunbär, ist er komplett spezialisiert.

Yvonne von Hunnius: Wer bekommt die Veränderungen abgesehen vom Eisbär noch zu spüren?

Andreas Fischlin: Da steht viel auf dem Spiel. Die Produktivität der Ozeane hängt stark mit der Aktivität der nördlichen Breitengrade zusammen. Tropische Gewässer sind weit weniger produktiv als die nördlichen Gewässer, was sich in den Fischbeständen wiederspiegelt. Und wenn sich das gesamte Ökosystem Packeisbiom ändert, ist damit zu rechnen, dass sich über die Nahrungskette erhebliche Veränderungen ergeben. Natürlich wird das auch die Fischbestände beeinflussen.

Yvonne von Hunnius: Und hier haben wir ohnehin mit Überfischung zu kämpfen…

Andreas Fischlin: In Zusammenhang mit einer Überfischung werden solche Entwicklungen noch dramatischer. Es gibt im Moment viele Prozesse, die parallel in eine negative Richtung wirken und sich gegenseitig verstärken. Klar wird das am Beispiel der Artenvielfalt: Der Klimawandel selbst birgt erhebliche Risiken für die Biodiversität: 20 bis 30 Prozent der höheren Pflanzen- und Tierarten sind von einem zunehmenden Aussterberisiko betroffen, wenn sich weltweit die Temperaturen um nochmals 1,5 bis 2,5 Grad erhöhen. Gleichzeitig ist die Biodiversität durch die Nachfrage nach neuem landwirtschaftlich nutzbarem Land unter Druck.

Yvonne von Hunnius: Wie kann man solche komplexe Entwicklungen berechnen?

Andreas Fischlin: Ich muss zugeben, wir verstehen viele Dinge immer noch nicht. Die Erforschung der komplexen Ökosysteme wird viel zu wenig unterstützt. Viele Ökosysteme sind nämlich über weite Strecken verknüpft: Beispielsweise die Buckelwale. Sie gehen im Sommer in die für sie sicheren tropischen Gewässer, wenn sie Junge bekommen. Dann müssen sie wieder im Norden Nahrung auftanken. All diese Interdependenzen erforschen wir viel zu wenig und daraus ergibt sich das Problem, dass wir nicht mit befriedigender Genauigkeit die Konsequenzen absehen können.

Yvonne von Hunnius: Beschleunigt das Schmelzen des Packeises den Klimawandel?

Andreas Fischlin: Eindeutig. Offenes Meerwasser hat eine ganz andere Rückstrahlkraft als Eis: Eine helle saubere Fläche wirft 90 Prozent der Sonnenstrahlung zurück und hilft zu kühlen. Wenn diese Flächen im Sommer zu Meerwasser werden, dann ist das ein radikaler Wechsel zu einem System, bei dem die Energie zu einem Löwenanteil vom Wasser absorbiert wird, das Wasser wird wärmer. Je nachdem, wie die Wärme durch Strömungen in den Ozeanen verteilt wird, hat das große Konsequenzen. Im wissenschaftlichen Sinne ist das eine positive Rückkopplung, ein sich selbst beschleunigender Vorgang. Je mehr Eis abschmilzt, desto schneller erwärmt sich das Wasser, desto stärker schmilzt Eis.

Yvonne von Hunnius: Ist das Packeis auch für die Erhöhung der Meeresspiegel mitverantwortlich?

Andreas Fischlin: Nein, denn es schwimmt auf Wasser. Die Wassererwärmung spielt beim Meeresspiegelanstieg eine grössere Rolle und ist einer der Hauptgründe für den unvermeidlich gewordenen Minimalanstieg der Meeresspiegel, den wir für die nächsten tausend Jahre erwarten. Die Ozeane werden wärmer und dehnen sich deshalb aus, unabhängig davon, ob noch zusätzlich Eisfelder abschmelzen oder nicht.

Anders verhält sich das beim Landeis. Schmilzt es, so erhöht sich der Meeresspiegel immer. Wenn Grönlands Eis schmilzt, kann das den Meeresspiegel um sieben Meter erhöhen. Ähnliches gilt für den ebenfalls möglicherweise gefährdeten Westantarktischen Eisschild, der bei vollständigem Abschmelzen den Meeresspiegel um weitere sieben Meter erhöhen würde. Wenn vorläufig noch unwahrscheinlich, lassen sich solche Ereignisse auch nicht ausschliessen. Auf der Antarktis befinden sich noch riesige Mengen an Eis: Wenn hier alles schmilzt, könnten die Meere um zusätzliche 57 Meter ansteigen.

Yvonne von Hunnius: Menschen sind flexibler als Eisbären – wie können wir uns schützen?

Andreas Fischlin: Ich will vorbemerken, dass wir uns gegenüber uns selbst schützen müssen, denn dieser Klimawandel ist eindeutig nicht wie die großen Veränderungen bei Eiszeiten auf die Natur zurückzuführen, sondern von Menschenhand produziert. Und wir wissen zwar nicht alles mit befriedigender Genauigkeit, doch wir wissen: Das Klimarisiko ist enorm hoch und wir können unsere Klimafehler, einmal gemacht, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr korrigieren.

Wir sollten deshalb die Klimafrage wie ein Versicherungsproblem angehen und ein Risiko-Management vornehmen. Wir schließen auch nicht erst dann eine Brandversicherung ab, wenn wir sicher sind, dass unser Haus in Flammen aufgehen wird. Genau gleich spielt es gar keine Rolle, ob wir Wissenschaftler hundertprozentig recht haben oder nicht und die leidige Debatte, ob jetzt ein Klimawandel stattfindet oder nicht, ist kein vernünftiger Umgang mit den Klimarisiken.

Yvonne von Hunnius: Gibt es Reparaturmöglichkeiten?

Andreas Fischlin: Nein, obwohl viele den Denkfehler machen, dass Klimawandel im Nachhinein korrigierbar wäre. Ein Grund hierfür ist, dass das Klimasystem zeitverschoben läuft. Das, was wir heute erleben, ist der Klimawandel, den wir vor etwa 30 Jahre verursacht haben. Die heutigen Fehler müssen meine Grosskinder ausbaden. Einmal ist nicht alles machbar, und dann lassen sich nicht alle Problem sofort beheben. Das Klima kann man sich wie eine riesige Maschinerie vorstellen – wie ein unglaublich langer Zug, der mit einer Dampfwalze angetrieben wird und ständig an Fahrt gewinnt. Und wenn es uns zu schnell wird, können wir die Dampfwalze nicht mehr anhalten.


Zur Person:

Andreas Fischlin vom Institut für integrative Biologie der ETH Zürich hat als „Coordinating Lead Author“ am zweiten Teil des UNO-Weltklimaberichts mitgearbeitet, der vom Zwischenstaatlichen Rat für den Klimawandel 2007 herausgegeben worden ist. Er war hauptverantwortlich für das Kapitel über Ökosysteme. Andreas Fischlin ist an der ETH Leiter der Gruppe Terrestrische Systemökologie seit deren Gründung im November 1988. Seit vielen Jahren ist er bereits Wissenschaftsvertreter in der schweizerischen Delegation bei den Klimaverhandlungen. Fischlin ist in Bern geboren und hat Biologie sowie Systemtheorie und Regelungstechnik studiert.

 

Bild: Yvonne von Hunnius