Blei, Nickel, chemische Substanzen – all das findet sich teilweise heute noch im Trinkwasser. Die Bauherren und Konsumenten sind sich dessen oft nicht genug bewusst, sagt Anton Kilchmann. Doch am häufigsten ist Rost im Trinkwasser. Damit die Schweiz bei der Wasserversorgung Spitze bleibt, braucht es einen ständigen fachgerechten Betrieb der Infrastruktur.
Nathalie Schoch: Welche Anstrengungen werden gemacht, um dem Konsumenten einwandfreie Trinkwasserqualität zu garantieren? Anton Kilchmann: Die Anstrengungen sind sehr hoch. Trinkwasser ist ja eines der best kontrollierten Lebensmittel. Wir haben in jedem Kanton Trinkwasser-Inspektoren. Es gibt sehr strenge Vorschriften in der Gesetzgebung und die Fachleute werden entsprechend ausgebildet. Nathalie Schoch: Dann können wir davon ausgehen, dass die Trinkwasserqualität in der Schweiz Spitze ist? Anton Kilchmann: So ist es. Aber schwarze Schafe gibt es überall. Nathalie Schoch: Welche Gefahren lauern im Trinkwasser? Anton Kilchmann: Wenn eine Versorgung nicht fachgerecht betrieben wird, dann kann das Wasser Keime enthalten, die gesundheitsgefährdend sind. Also Gefahren stecken praktisch immer hinter menschlichen Fehlern. Wir hatten das vor kurzem in einer mittelgrossen Stadt aufgrund einer Fehlverbindung in der Kläranlage, wo verunreinigtes Trinkwasser aus der Kläranlage ins Trinkwassernetz gedrückt wurde. Daraufhin mussten 200 Leute zum Arzt. Wie gesagt, es handelt sich dabei in der Regel um menschliches Versagen. Ansonsten ist das Trinkwassersystem eher ein gutmütiges System – aber es sind sofort Tausende betroffen. Nathalie Schoch: Manche Wasserhähne enthalten Nickel und selbst Blei. Beeinträchtigt das die Qualität des Trinkwassers? Anton Kilchmann: Wir haben ein Prüflabor, in dem wir die Armaturen kontrollieren. Dazu verwenden wir ein einfaches Mittel: Wir schneiden aus einer Serie die Armatur auseinander und überprüfen, wie gross die benetzte Fläche Nickel enthält. Davon kann man dann ableiten, ob es zu einem Problem wird oder nicht. Sind die mit Nickel behafteten Flächen zu gross, kommt der Armaturentyp nicht auf die Liste der zertifizierten Produkte. Beim Blei lassen wir nur Gusslegierungen zu, die einen bestimmten Bleigehalt nicht überschreiten. Nathalie Schoch: Das heisst also, dass all jene sanitären Armaturen, die momentan im Verkauf erhältlich sind, keine gesundheitsschädigenden Blei- oder Nickelgehalte enthalten? Anton Kilchmann: Nein, das kann man so nicht sagen. Wir haben ein spezielles Label, das nennt sich SVGW-zertifiziert. Mit dem werden die geprüften Produkte gekennzeichnet. Der Konsument muss also darauf achten, dass die Armatur mit einem solchen Label versehen ist. Verwandte Themen| { Minimalstandards nötig, 01.09.09 } | | { Wasserkrise verschärft sich, 17.08.09 } | | { Zeitbombe im Grundwasser, 11.08.09 } | | { Niederschlagsquelle wandert, 07.08.09 } | | { Saubere Alternative zu Chlor, 06.08.09 } | | { Wasser aus der Wüste, 08.06.09 } | | { Wasser ist Leben, 14.01.09 } | | { Warten auf Wasser, 14.01.09 } | | { Den Wasserverbrauch messen, 10.12.08 } | | { Trinkwasser aus Urin, 17.11.08 } |
Nathalie Schoch: Wissen die Konsumenten, dass es ein solches Label gibt? Anton Kilchmann: Das sollten eigentlich die Installationskontrollen der einzelnen Werke wissen, dass nur SVGW-zertifizierte Materialien verwendet werden dürfen. Aber nicht alle Werke haben eine solche Kontrollstelle. Das Problem entsteht erst, wenn der Konsument ein nicht zertifiziertes Produkt gekauft hat. Nathalie Schoch: Welcher Bauherr oder Hauseigentümer weiss das? Anton Kilchmann: Ja, in der Tat, das ist ein Kommunikationsproblem. Wir versuchen schon, an diese Zielgruppe zu gelangen. So veröffentlichen wir beispielsweise Berichte in Hauseigentümer-Zeitungen. Oder wir stellen allen Sanitärfirmen die Liste der zertifizierten Produkte zu. Wir schreiben auch Artikel in Tageszeitungen. Aber ob das der Leser dann auch wirklich aufnimmt, ist eine andere Geschichte. Nathalie Schoch: Kann Rost in Hausinstallationen die Trinkwasserqualität beeinträchtigen? Anton Kilchmann: Ja, Rost in den Wasserleitungen ist mit Abstand das häufigste Qualitätsproblem. Man beseitigt es damit, indem man die Leitungen sandstrahlt und danach mit Epoxydharz beschichtet. Das dient dann als Schutzfilm. Wichtig ist einfach, dass es gut gemacht ist. Da müssen Fachleute ran. Nur so kann man sich sicher sein, alle betroffenen Stellen eliminiert und danach einwandfreies Trinkwasser zu haben. Nathalie Schoch: Man geht davon aus, dass die meisten gentoxischen Substanzen und damit auch unbekannte Substanzen bei einem Gehalt von weniger als 75 Nanogramm pro Liter Trinkwasser für den Menschen unproblematisch sind. Gibt es in der Schweiz Trinkwasser, das über diesem akzeptierten Gehalt liegen? Anton Kilchmann: Ja, es gab diese Situation im Kanton Baselland mit einer Mülldeponie, respektive Chemiedeponie. Die müssen nun das Wasser mit dem speziellen Verfahren der Aktivkohle reinigen. Nathalie Schoch: Wie wurde festgestellt, dass der Nanogehalt über dem akzeptierten Bereich lag? Anton Kilchmann: Das waren Umweltschutzorganisationen und nicht etwa die Konsumenten, die dahinter kamen. Die hatten aber mehr die Chemiekonzerne im Visier und weniger die Interessen der Konsumenten. Nathalie Schoch: Hat der Klimawandel Einfluss auf das Trinkwasser? Anton Kilchmann: Es kommt darauf an, ob sich der Niederschlag im Winterhalbjahr stark verändert. Das wird man beobachten müssen. Denn das ist massgebend für uns. Bei weniger Niederschlag wird automatisch der Verbrauch in der Landwirtschaft zunehmen, um alle Anlagen bewässern zu können. Das wird dann aber so teuer, dass sie nicht mehr konkurrenzfähig bleibt. Da wir aber nach wie vor über eine grosse Reserve verfügen, befinden wir uns als Wasserschloss Europas in einer guten Lage. Es könnte aber durchaus sein, dass wir irgendwann Wasser exportieren müssten. Nathalie Schoch: Die Schweiz hat also immer noch Wasser im Überfluss? Anton Kilchmann: Ja. Und das werden auch die nächsten zehn bis zwanzig Jahren so bleiben. Klar kann es lokal mal Engpässe geben wie beispielsweise im Tessin. Aber dann bauen sie zum Beispiel ein Seewasserwerk oder eine Transportleitung zu einer benachbarten Wasserversorgung und das Problem ist gelöst. Nathalie Schoch: Wohin entwickelt sich die Schweizer Wasserversorgung? Anton Kilchmann: Gemeinden haben zum Beispiel in der Diskussion, dass man sich bei der Strom- oder Gasversorgung der benachbarten Stadt anschliesst und nicht mehr pro Gemeinde einzeln fungiert. Es wäre dann durchaus sinnvoll, man würde die Wasserversorgung auch miteinbeziehen. Dann würde alles zusammenwachsen, die Fachkompetenz wäre besser organisiert und die Finanzen eher gesichert. Für einen solchen Schritt braucht es aber die Bereitschaft der Bevölkerung. Zur Person:
Anton Kilchmann ist 60 Jahre alt und Direktor des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches SVGW. Der SVGW hat ein Ausbildungsprogramm für eidg. Dipl. Brunnenmeister aufgebaut sowie für Rohrnetzmonteure, Wasserwarte und Rohrverleger. Er hat zudem Empfehlungen für die strategische Planung sowie die Finanzierung der Wasserversorgung erarbeitet und herausgegeben. Eines der nächsten Vorhaben von SVGW wird es sein, die Anliegen der Wasserversorger bei der Anpassung des Lebensmittelrechts an die europäische Gesetzgebung einzubringen.
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