Grossbritannien produziert laut der Umweltorganisation „Greenpeace“ weniger Strom aus alternativen Energiequellen als alle anderen europäischen Länder ausser Malta und Luxemburg. Damit liegt das Land mit dem besten Windpotenzial in Europa am unteren Ende der Rangliste. Schuld daran ist laut Joss Garman von der Greenpeace Klima-Kampagne eine verfehlte Energiepolitik. Er fordert mehr Investitionen und dass die Regierung der Atomlobby endlich die Stirn bieten Lisa Louis Vestas schliesst die Tore seiner Windturbinen-Fabrik auf der Isle of Wight, der einzigen ihrer Art in Großbritannien. Ist das eine Niederlage für die Regierung?
Joss Garman: Ja, in gewisser Weise schon. Diese Werksschliessung ist eine Hinterlassenschaft der Energiepolitik bisheriger Regierungen wie der des ehemaligen Wirtschaftsministers John Hutton. In der Vergangenheit hat der Staat die Entwicklung erneuerbarer Energien oft systematisch hintertrieben – auch auf europäischer Ebene. Das lag teilweise darin begründet, dass die Regierung verhindern wollte, dass grüne Energieformen der Atomenergie Marktanteile streitig machen. Nach meinem Verständnis ist das einer der Hauptgründe, warum Vestas seine Fabrik hier schliesst. Das ist schade, denn Grossbritannien hat ein sehr gutes Windenergie-Potenzial. Deswegen glauben wir auch, dass sich hier gerade ein echter Markt für Windturbinen entwickelt – schliesslich sind für die kommenden sieben Jahre rund 10.000 Windräder geplant! Lisa LouisWas war denn bisher das Problem mit der britischen Energiepolitik? Joss Garman: In anderen Ländern wie zum Beispiel Deutschland oder Spanien wurde Windbauern Investitionssicherheit geboten: Sie konnten langfristig mit festen Einspeisetarifen für grünen Strom rechnen. Das Ergebnis ist greifbar – in Spanien zum Beispiel produzieren Windräder inzwischen rund 40 Prozent der Elektrizität. Das System der „Renewable Obligation Certificates“ (ROC) in Grossbritannien hingegen ist sehr kompliziert: Stromproduzenten müssen einen festgelegten Anteil ihrer Elektrizität aus erneuerbaren Quellen speisen. Der Preis für diesen grünen Stom und die Laufzeit der Subventionen schwankten jedoch stark über die vergangenen zehn Jahre. Angesichts des Erfolges anderer Länder in Sachen erneuerbare Energien bereut es die Regierung jetzt sicherlich, ein solches System gehabt zu haben. Dennoch soll sich das nun ändern: Der Premierminister Gordon Brown hat ein neues Ministerium gegründet, das Ministerium für Energie und Klimawandel. An dessen Spitze steht Ed Miliband. Der Energieminister hat in den vergangenen sechs Monaten den Willen gezeigt, erneuerbare Energien stärker zu unterstützen. Lisa LouisWorin äußert sich dieser Wille? Joss Garman: Unter der neuen Energiepolitik wird das ROC-System praktisch ein fester Einspeisetarif, der den Investoren für 15 bis 20 Jahre zugesichert wird. Darauf haben sich die Konservativen und die linksgerichtete Labour-Partei geeinigt. Dennoch fehlen unserer Ansicht nach noch konkrete finanzielle Zusagen. Lisa Louis Gibt die Regierung nicht genug Geld für grüne Energien aus? Joss Garman: Nein, wenn wir diese Erneuerbare-Energie-Revolution wirklich umsetzen wollen, brauchen wir mehr private und öffentliche Investitionen in diesem Sektor. Die Regierung hat selbst berechnet, dass insgesamt 100 Milliarden Pfund investiert werden müssten, um einen Marktanteil von 15 Prozent für erneuerbare Energien zu erreichen. Bisher sind jedoch lediglich 405 Millionen Pfund im Staatsbudget für grüne Energie vorgesehen. Das ist nur etwas mehr als die Hälfte der 770 Millionen Pfund, die der Staat der Royal Bank of Scotland und ihren gescheiterten Bankiers gegeben hat! Aber – mehr Geld allein genügt nicht. Auch das Planungs- und Entscheidungssystem sollte geändert werden. Lisa Louis Welche Probleme gibt es mit dem Planungs- und Entscheidungssystem? Joss Garman: Zurzeit werden viele Projekte auf lokaler Ebene blockiert. Oft handelt es sich dabei um eine begrenzte Anzahl an Bürgern, die lauthals widersprechen - selbst wenn laut Umfragen 80 Prozent der Briten die Windenergie unterstützen. Um dabei nicht den Schwarzen Peter zu haben, lehnt die Behörde vor Ort das Windrad-Projekt ab, obwohl sie weiss, dass die Regierung sie wahrscheinlich später überstimmen wird. Bei manchen Windrad-Projekten vergehen so bis zu acht Jahre, bevor sie in die Tat umgesetzt werden. Da kann ich verstehen, wenn Investoren ihre Anlage lieber in China oder den USA bauen, wo sie nach einem Jahr steht. Wenn in Grossbritannien nicht die Lichter ausgehen sollen, muss dieses System geändert werden! Lisa Louis Die Lichter ausgehen …? Joss Garman: Ja, denn in den Jahren zwischen 2015 und 2020 geht etwa ein Viertel der britischen konventionellen Energie-Produktion vom Netz. Alte Gas-, Nuklear- und Kohlekraftwerke erreichen das Ende ihrer Laufzeit. Wie diese Energielücke gefüllt werden kann, ist momentan eine der grossen Debatten im Land. Lisa Louis: Welchen Teil der Elektrizität könnte Windenergie da liefern? Joss Garman: Mit all unserem Windpotenzial auf dem Land und im Wasser könnten wir das Saudi Arabien der Windenergie werden! Konkret heisst das nach unseren Berechnungen, dass 2020 zwischen 35 und 40 Prozent der Elektrizität aus erneuerbaren Quellen, hauptsächlich Windenergie, fliessen könnten. Für das Jahrzehnt danach ist es sehr schwer, Voraussagen zu treffen. Politisch und auch technologisch sollte und muss sich bis dahin Einiges geändert haben. Zum Beispiel müssen wir zunächst noch das Elektrizitätsnetz fit machen. Lisa Louis Ist es das bis jetzt nicht? Joss Garman: Nein. Die bisherigen Stromverbindungen reichen nicht aus für all die Windturbinen, die vor allem im Wasser geplant sind. Wir müssen einerseits klären, wer für diese neuen Kabel zahlt. Andererseits müssen wir der Windenergie die Priorität vor der Nuklearenergie einräumen. Bisher wird der grüne Strom nur ins Netz eingespeist, wenn keine Nuklearenergie vorhanden ist. Das liegt auch daran, dass Atomkraftwerke sonst nicht rentabel sind. Windenergie ist so eine Konkurrenz für diese konventionellen Stromproduzenten. Die Regierung muss deshalb der Atomlobby künftig mehr die Stirn bieten. Lisa Louis: Aber einen Anteil an konventioneller Energie brauchen wir doch. Oder was passiert sonst, wenn der Wind einmal nicht bläst und die Sonne nicht scheint? Joss Garman: Wir glauben schon, dass wir an einem mehr oder weniger fernen Punkt in der Zukunft all unsere Elektrizität aus erneuerbaren Quellen produzieren können. Dafür müssen wir allerdings vermehrt auch andere Technologien wie Gezeiten- und Wellenkraftwerke und Solarzellen einsetzen. Um das auf europäischer Ebene auszugleichen, könnten wir ein gigantisches Stromnetz bauen. Wenn also in Grossbritannien starker Wind bläst, in Norwegen aber gerade Windstille herrscht, könnten wir einfach ein bisschen von unserer Energie dort hinüber schicken und vice-versa. So gleichen wir die Stromproduktion innereuropäisch aus. Lisa Louis Hört sich das nicht ein bisschen nach Science Fiction an? Joss Garman: Ja, schon. Aber es funktioniert bereits: Deutschland und Norwegen sind über ein solches Kabel miteinander verbunden. Das hat zwar 800 Millionen Pfund gekostet, sich aber bereits nach zwölf Monaten gerechnet. Wenn wir ein solches Netz für ganz Europa bauten, könnte beispielsweise ein gigantischer Windpark in der Nordsee alle anliegenden Länder mit Strom versorgen. Und langfristig könnte ein weltweites Netz allen Menschen Zugang zu Strom aus Solarzellen in Nordafrika verschaffen! Zur Person:
Joss Garman ist seit Mai 2007 Mitarbeiter der Klimakampagne von Greenpeace in London. Dort ist er vor allem ein Verfechter erneuerbarer Energien und widersetzt sich neuen Kohlekraftwerken. Der 24-Jährige ist Gründer der landesweiten Aktionsgruppe "Plane Stupid", die sich gegen den Ausbau von Flughäfen ausspricht. Verschiedene Zeitschriften nannten den gebürtigen Waliser deswegen "einen der 100 einflussreichsten Männer Grossbritanniens" und den "coolsten Aktivisten" des Landes. Garman hat Politik und Entwicklungsstudien an der University of London’s School of Oriental and African Studies (SOAS) studiert. Bild: Lisa Louis
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