Innovation braucht Netzwerke

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 24.08.09
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International perfekt vernetzt, könnten Schweizer mehr von innerschweizerischen Netzwerken profitieren, sagt Innovationsexperte Roman Boutellier. Die Konkurrenz zu kopieren, sei zudem nicht der Königsweg, sondern neue Ideen aus anderen Branchen brächten Innovation.

Yvonne von Hunnius: Kritiker behaupten, die Schweiz habe im Feld der Nachhaltigkeit die besten Experten, doch man sei zu leise. Sind die Schweizer keine guten Netzwerker, um sich ins rechte Licht zu stellen?

Roman Boutellier: Wenn man die OECD fragt, dann ist die Schweiz in Innovationsfragen meist an der Spitze vertreten und Unternehmen wie Oerlikon sind führend.

Es wird nur noch zu wenig von der Öffentlichkeit wahrgenommen, dass die Hochschulen EPFL in Lausanne und die ETH Zürich international top sind. Zum Beispiel ist die Substanzerhaltung von Gebäuden ein wichtiges Feld. Zum Thema Gebäudeintelligenz hat Siemens erst kürzlich der ETH eine Stiftungsprofessur zugesprochen, die stark bezüglich Energieeffizienz forschen wird.

Yvonne von Hunnius: Also bevorzugt man das leise internationale Netzwerken…

Roman Boutellier: Vor vielen Jahren hat ein Wissenschaftler zusammengetragen, welche Rolle die Schweizer international einnehmen und welche national. International ist die Schweiz gut vernetzt, doch im Land sieht das anders aus. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass man hier teilweise nur einen Umsatz von 5 bis 6 Prozent macht. Der Schweizer Fokus ist stark international.

Yvonne von Hunnius: Denkt man jetzt in der Krise wieder um?

Roman Boutellier: Eine Konsequenz aus der Krise könnte durchaus sein, dass man sich stärker auf die Schweizer Basis besinnt. Früher war die Vernetzung besser: Die Schweizer Armee wurde als der grösste Rotary-Club der Schweiz bezeichnet. Heute sind die Kader der Unternehmen sehr international, es bestehen weniger gemeinsame Hintergründe.

Yvonne von Hunnius: Wie könnte die innerschweizerische Vernetzung gefördert werden?

Roman Boutellier: Auch wenn die Führungsetagen sehr international sind: 30 Prozent der Schweizer Topmanager kommen von der ETH, 28 Prozent von der Universität St. Gallen. Diese beiden Hochschulen generieren immer noch fast zwei Drittel der Schweizer Topmanager. Da wäre ein gemeinsamer Hintergrund. Über die Alumni-Gesellschaften der Schulen könnte man viel machen. Die Amerikaner sind hier besser.

Ein anderer Ansatz ist, die Verbandsaktivität zu stärken. Denn die Verbände wie Swissmem oder Econosuisse, in denen man sich austauscht und gemeinsame Interessen wahrnimmt, werden von den internationalen Wirtschaftsakteuren in der Schweiz weniger stark wahrgenommen. Das sollte sich ändern.

Yvonne von Hunnius: Welche Rolle spielt die Angst vor Ideenklau dabei, dass nicht in noch stärkerem Masse fachlich kooperiert wird?

Roman Boutellier: Eine grosse Rolle. In der Schweiz existiert eine Menge kleiner Unternehmen, deren einziger Schutz des Know Hows darin besteht, dass man es vertraulich behandelt. Aus guten Gründen sind sie nicht bereit, ihr Wissen zu veröffentlichen, sondern wollen sich hierdurch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Das fördert sicherlich nicht die Technologie-Diffusion. Doch man darf nicht vergessen, dass dieses Konkurrenzdenken sehr fruchtbar für den Markt ist. Das ist das klassische Dilemma zwischen Konkurrenz und Zusammenarbeit.

Yvonne von Hunnius: Wie kann der Konkurrenzgedanke unangetastet bleiben und dennoch kooperiert werden?

Roman Boutellier: Wir haben von der ETH aus viele Netzwerk-Gruppen moderiert und immer versucht, nur Unternehmen zusammenzubringen, die sich nicht konkurrieren – entweder aus unterschiedlichen Branchen oder an unterschiedlichen Positionen in der Wertschöpfungskette verortet sind. In Konkurrenzsituationen ist es nicht möglich, offen zu sprechen. Und die radikalen Ideen kommen meistens dann auf, wenn man über den eigenen Garten hinwegsieht und sich andere Sektoren oder Bereiche ansieht. Viele denken, sie könnten nur von den Konkurrenten lernen und merken jedoch, dass diese auch nur mit Wasser kochen. Die guten Ideen kommen meist von ausserhalb.

Yvonne von Hunnius: Mit anderen Worten: Ideen aus anderen Zusammenhängen übertragen…

Roman Boutellier: Genau. Und da ist oft nicht genug Mut vorhanden, um in andere Branchen zu schauen und etwas von dort zu übernehmen.

Yvonne von Hunnius: Wie funktioniert ein solches Netzwerk reibungslos – braucht man immer einen Stammtisch oder reicht eine Datenbank mit Email-Adressen?

Roman Boutellier: Neues ist oft schwer vorstellbar und gerade für Technologie-Ideen ist das direkte Gespräch wichtig. Wir haben gerade erst für das Institut für geistiges Eigentum in Bern eine Studie gemacht, die herausgefunden hat, dass kleinere und mittlere Unternehmen grösste Probleme mit Patenten haben. Gerade Ingenieure wollen keine dicken Bücher lesen, sie greifen viel eher zum Telefon und fragen einen Kollegen. Selbst in der IT-Branche ist ein persönliches Treffen wichtiger als ein Internetforum.

Yvonne von Hunnius: Wie kann der Wissenstransfer organisiert werden?

Roman Boutellier: Die richtige Struktur braucht Zeit und hängt stark von individuellen Persönlichkeiten ab. Im Unternehmen muss herausgefunden werden, wer ein guter Netzwerker ist und diese Personen sollten letztlich gefördert, zu entsprechenden Treffen gesandt werden und spezielle Informationen erhalten. Doch genauso wichtig ist, dass ältere und jüngere Mitarbeiter in gutem Verhältnis zueinander stehen, damit alte Netzwerke bestehen bleiben und die jungen Menschen integriert werden können.

Yvonne von Hunnius: In welchem Arbeitskreis, der von einer ETH-Professur organisiert wurde, wird denn branchenübergreifend von Netzwerkern über Probleme nachgedacht?

Roman Boutellier: Wir hatten vor drei Jahren einen Arbeitskreis, in dem es um die Trendabschätzung in neuen Technologien ging. ABB und Hilti zum Beispiel – lauter Unternehmen, die nicht in Konkurrenz zueinander stehen – haben über ein Jahr daran gearbeitet, Trends früher erkennen zu können. Im Risikomanagement hatten wir im letzten Jahr viele Arbeitskreise. Pneu-Hersteller und Getränkelieferanten haben mit Erstaunen festgestellt, dass Strategien übertragbar sind. 

Yvonne von Hunnius: Ist die Nachhaltigkeit ein Trend-Thema für solche Arbeitskreise?

Roman Boutellier: Ja, das ist einer der wenigen offensichtlichen Trends. Hier bieten sich grosse Marktmöglichkeiten und das Interesse ist gross, auch aufgrund des letzten Energieschocks, der noch jedem in den Knochen sitzt. Zudem hilft Nachhaltigkeit Kosten sparen, was in jeder Krise besonders wichtig ist. Potential hat hier besonders der Baubereich in Punkto Energieeffizienz. Doch auch Mobilität ist ein Zukunftsthema. Die Industrie der Automobilzulieferer ist in der Schweiz so gross wie die Uhrenindustrie und könnte mit nachhaltigen Innovationen noch viel erreichen.

 

Zur Person:

Roman Boutellier ist Vizepräsident der ETH Zürich und verantwortlich für Personal und Ressourcen der ETH Zürich. Von 2004 bis September 2008 war er Professor für Innovations- und Technologiemanagement an der ETH Zürich; seit 2005 Leiter des Nachdiplomstudiums in Betriebswissenschaften. 1999 wurde er zum Titularprofessor für Technologiemanagement an der Universität St. Gallen ernannt und hier mehrere Jahre als Professor für Innovation und Logistik tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind Innovation, technologische Risiken und Chancen sowie Einkaufsmanagement. In der Wirtschaft war Boutellier Vorsitzender der Konzernleitung und Delegierter des Verwaltungsrates der SIG Holding AG und zuvor Mitglied der Geschäftsleitung bei der Leica AG in Heerbrugg und bei der Optik-Firma Kern in Aarau. Heute ist er desweiteren im Vorstand der Schweizerischen Kurse für Unternehmensführung SKU und in verschiedenen Verwaltungsräten internationaler Firmen tätig.

 

Bild: ETH Zürich

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