Allzu schnell wird heute vergessen, was unser Gemeinwesen zusammenhält: Nicht abstrakte Rechtsvorschriften und komplizierte Verordnungen für alle möglichen Lebensbereiche. Es sind die Beziehungen in der Familie, am Arbeitsplatz, im Verein oder im Freundeskreis.
Solche Erfahrungen in der Gemeinschaft stehen oft im starken Kontrast zum Erleben einer Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht unpersönlich und unverständlich wirkt. Der einzelne fühlt sich als austauschbare Figur auf einem Spielfeld – vom hochbezahlten Manager bis zur aufopferungsvollen Altenpflegerin. Gemeinschaft und GesellschaftDer grosse Soziologe Ferdinand Tönnies hat uns mit seiner Unterscheidung von «Gemeinschaft» und «Gesellschaft» einen Jahrhundertgedanken als Wegweiser zu besserer Erkenntnis gesetzt. Gemeinschaft meint die ordnende Kraft, die durch unmittelbare menschliche Beziehungen im sozialen Umfeld des einzelnen entsteht. Werthaltungen sind in den konkreten Arbeits-, Geschäfts-, Partner- oder Familienbeziehungen gewissermassen eingeschrieben, an diese gebunden und werden auf diese Weise weitergegeben. Gesellschaft fasst bei Tönnies dagegen die vorrechtliche Regelwelt zusammen. Diese nimmt eine eigene, von den Bedürfnissen und Gefühlen des einzelnen losgelöste, sich davon verselbständigende Gestalt an. Natürlich bricht auch diese wieder ein, wenn sie nicht von der Gemeinschaft getragen wird. So gründet jede Rahmenordnung auf Idealen, Sehnsüchten, Hoffnungen; sie hat eine vorrechtliche bzw. vorvernünftige Grundlage. Aber sie wächst eben auch heraus aus der Erlebniswelt des einzelnen. Auf der Ebene der Gesellschaft sind diese Regeln von der unmittelbaren Anbindung an die individuelle Moral, der instinkthaften Selbstverständlichkeit befreit, werden versachlicht und führen so ein Eigenleben. Einem damit verbundenen Druck kann sich der einzelne beim besten Willen nicht so einfach entziehen. Gesellschaftliche Regeln setzen den unmittelbaren Begierden und Leidenschaften Grenzen. Wie wichtig dies ist, zeigen die Erfahrungen aus dem letzten Jahrhundert. Verwandte Themen| { Politik und Wirtschaft gefordert, 17.08.09 } | | { Finanzplatz muss sauberschrumpfen, 03.08.09 } | | { Chance für den Finanzmarkt, 29.07.09 } | | { Profit allein ist nicht genug, 08.07.09 } | | { Gute Praktiken wiederbeleben, 17.06.09 } | | { Krise nagt an Kunststiftungen, 12.06.09 } | | { Bis zur nächsten Krise?, 25.02.09 } | | { Wirtschaft braucht neue Regeln, 24.02.09 } | | { Die Krise trifft die Ärmsten, 30.01.09 } | | { Die grösste Herausforderung, 12.12.08 } | | { Beitrag für eine gerechte Welt, 11.12.08 } | | { Krise trifft Nachhaltigkeit, 08.12.08 } |
Grenzen des RationalismusGesellschaft zügelt die irrationale Kraft der Gemeinschaft. Aber erst dort erfährt sich das Individuum als Wesen aus «Fleisch und Blut», nicht in den Höhen der Abstraktion. Solange es nicht gelingt, diese Sphäre der «Gefühle, Triebe, Begierden» anzusprechen, bleiben auch die zunehmend globalen Strukturen einer Wirtschaftsordnung seltsam fremd und unverständlich. Die abstrakten Regeln einer komplexen Wirtschaft müssen – um akzeptiert zu werden – auch in und von der Gemeinschaft getragen werden. Je differenzierter die Gesellschaft, desto notwendiger ist ein geteilter Grundbestand an Werten wie Vertrauen und Anstand, um dem einzelnen Halt und Orientierung zu geben. Schwindet dieser Rückhalt in der Gemeinschaft, bröckeln Glaubwürdigkeit und Legitimation. Werte fallen weder vom Himmel, noch können sie einfach angeordnet und durchgesetzt werden. Tatsächlich hat niemand darauf Zugriff; sie entwickeln sich gleichsam wie von unsichtbarer Hand gelenkt. So ist es ein Irrglaube, dass sich Gemeinwohl einstellt, wenn jeder seine privaten Interessen bestmöglich verfolgt. Man kann den Schwarzen Peter einzelner Verantwortlichkeiten für das Gemeinwohl von der Wirtschaft in die Gesellschaft oder zurück schieben und schliesslich kapitulieren. Diese Verkürzung verkennt, wie gesellschaftliche Werte entstehen und vergehen. Man kann dies leicht daran erkennen, wie oftmals etwa gut gemeinte Interventionen des Staates die beabsichtigten Wirkungen verfehlen und nicht in die Gemeinschaft vordringen. Umgekehrt kann man in der Geschichte eben auch sehen, welche gerade auch zerstörerischen Kräfte freigesetzt werden können, wenn es gelingt, das Bedürfnis nach Gemeinschaft vor den Karren gesellschaftspolitischer Ideen zu spannen. Folgen für KrisenbewältigungNiemand kann sich in einer globalen Wirtschaft internationalen Regeln entziehen. Es sollte aber auch bedacht werden, dass in der Schweiz ein historisch tiefverwurzeltes Gefühl des anständigen Umgangs miteinander vorhanden ist. Diese von der Gemeinschaft getragene Grundhaltung ermöglicht es, dass eben nicht alles bis ins kleinste rechtlich durchgeregelt werden muss, sondern ehrbares Verhalten in den gelebten Werten und Traditionen eine grosse Rolle spielt. Erinnert sei etwa an die in diesem Land tiefverankerte Rechtsfigur des Salmanns. Dies ist ein Treuhänder, welchem ein anderer ein Vermögen oder ein Recht mit entsprechenden Verpflichtungen anvertraut. Es ist völlig klar, dass der angemessene Umgang damit nur funktioniert, wenn Treu und Glauben auch wirklich im Alltag zum Tragen kommen. Keine Seite vergessenMan sollte gerade jetzt die Unterschiede zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft im Auge haben. Man darf sich weder einem naiven Glauben an gesetzliche Regelungen noch allein an vermeintlich gemeinsame Werte hingeben. Eines steht fest: Wer eine der beiden Seiten vergisst, hat keine grossen Erfolgschancen. Die Schweiz hat eine reiche Tradition gemeinschaftlicher Werte und sollte nun dieses Pfund durch einseitige Verrechtlichung nicht verspielen. Jeder Versuch, Vertrauen zurückzugewinnen, muss an Gesellschaft und Gemeinschaft glaubhaft ansetzen. Zur Person:
Timo Meynhardt ist Geschäftsleiter am Zentrum für Führung und Werte in der Gesellschaft, Universität St. Gallen. Zuvor war er Berater für McKinsey & Company in Berlin. Der studierte Diplom-Psychologe fokussiert sich auf die psychologischen Aspekte von Unternehmensführung und -leitung.
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