Frischer Wind am Bosporus

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Geschrieben von: Yildiz Asan, St. Gallen 19.08.09
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Istanbul, TürkeiDer EU-Kandidat Türkei macht reinen Tisch. In den nächsten Jahren fliessen Milliarden in erneuerbare Energien, in Abfall- und Wasserwirtschaft. Deutsche und italienische Unternehmen nutzen die Marktchance. Die Schweizer Cleantech-Branche hält sich zurück. Dabei wäre jetzt der richtige Zeitpunkt einzusteigen.

Längst ist die Türkei als Investitionsland kein Geheimtipp mehr. Deswegen veranstaltet die Schweizer Handelskammer in der Türkei seit fünf Jahren ein jährliches Wirtschaftforum. «Das Ziel des Forums ist, die bilateralen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu stärken», sagt Ümit Özeflatun, Vorstandsmitglied der Handelskammer.

Leuenberger wirbt für die Schweiz

Diesmal findet das Wirtschaftsforum im Rahmen der Renex Istanbul Anfang November statt. Und das nicht ohne Grund. Mit der Renex wird erstmals am Bosporus eine internationale Messe für erneuerbare Energien organisiert. Schwerpunkthemen der Messe sind Solarsysteme, Windkraftsysteme, Windenergie, Geothermie, Wasserver- und -entsorgung, Recycling- und Umwelttechnologien, Warmwassergewinnung sowie Biotreibstoffe. In vielen der Bereiche sind auch Schweizer Unternehmen tätig, oftmals mit Technologien der Weltklasse. Der offizielle Exportförderer Schweizer Osec will gerade in diesen Bereichen den Export ankurbeln. So überrascht es nicht, dass er das Wirtschaftsforum in diesem Jahr aus einem Sonderfonds mit 50000 Franken unterstützt. Bundesrat Moritz Leuenberger hat bereits seine Teilnahme am Forum zugesagt.

Der Energiehunger ist gross

Der Markt jedenfalls ist riesig. Laut Experten steigt in der Türkei der Energiebedarf jährlich um etwa acht Prozent. Bereits in der Vergangenheit konnte dieser nicht mehr gedeckt werden, so dass Stromausfälle die Folge waren. Und weil der Stromnotstand das Wirtschaftwachstum gefährdet, versucht die türkische Regierung durch Privatisierung und Liberalisierung der Stromerzeugung und –versorgung diese Probleme zu beheben.
Derzeit muss die Türkei 70 Prozent ihres Energiebedarfs importieren. Das ist nicht nur sehr kostspielig, sondern macht sie auch von Importen abhängig. Dem soll durch den Bau zahlreicher Wasserkraftwerke, umweltverträglicher Kohlekraftwerke und durch die verstärkte Nutzung moderner erneuerbarer Energien begegnet werden.

Einspeisevergütung für Erneuerbare

Seit Mai 2005 gibt es ein Gesetz zur Förderung erneuerbarer nach EU-Vorbild. Nun liegt dem türkischen Parlament ein Gesetzesentwurf vor, mit dem die bestehende bescheidene Einspeisevergütung deutlich angehoben werden soll. Wer in erneuerbare Energien investiert, soll damit gutes Geld verdienen. Das neue Gesetz sieht etwa höhere Vergütungen für die Solarenergie. Erwartet wird, dass die Einspeisevergütung von derzeit 5,5 Euro Cent pro Kilowattstunde auf etwa 25 Euro Cent pro Kilowattstunde steigen wird. Damit sollen Investitionen angeregt werden. «Mit einem Entscheid wird im September oder Oktober 2009 – also noch vor der Renex – gerechnet.», sagt Özeflatun.

Milliarden für den Umweltschutz

Doch auch in anderen Bereichen lohnen sich Investitionen. Die Beitrittsverhandlungen mit der EU zwingen die Türkei, auch ihre Kreislauf- und Abfallwirtschaft zu modernisieren. Damit entsteht ein Milliarden-Markt. Allein um alle Umweltrichtlinien der EU umsetzen zu können, wird die Türkei nach den Berechnungen des Umweltministeriums in den kommenden 20 Jahren 68 Milliarden Euro investieren müssen (104 Milliarden Franken). Davon sollen 10 Milliarden Euro in die Modernisierung der Abfallwirtschaft, 15 Milliarden Euro in die Luftreinhaltung und rund 34 Milliarden Euro in die Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung fliessen. Auch umweltfreundliche öffentliche Verkehrsmittel werden gebraucht.

Es fliesst bereits Geld. Die Weltbank stellt privaten Unternehmen für Vorhaben im Bereich erneuerbarer Energien und Energieeffizienz schon seit Mai Kredite in einer Gesamthöhe von 600 Millionen US-Dollar zu Verfügung. Die türkische Regierung plant, ausländische Cleantech-Investoren zu unterstützen, indem sie die Körperschaftssteuer und die Sozialversicherungsbeitrag senken will. Die Krise ändert daran wenig. Laufende und geplante Projekte werden zwar teilweise leicht verzögert, aber es gibt kaum ein Rückgang im Bereich Energieinvestitionen. «Das Energieminus in der Türkei muss einfach gedeckt werden – Wirtschaftskrise hin oder her», sagt Özeflatun.

Schweizer verpassen Marktchancen

Damit bieten sich grosse Chancen für diejenigen Unternehmen, die in diesen Bereichen Spitzenprodukte anzubieten haben. Das gälte also auch für Schweizer. «Nur sind Schweizer Cleantech-Firmen auf diesem Markt noch nicht so aktiv. Unternehmen aus Deutschland und Italien sind da schon präsenter», sagt Özeflatun. Die Renex wird den Vorsprung zumindest deutscher Unternehmen noch verstärken. Denn die Leistungsschau wird von der Deutschen Messe Hannover gemeinsam mit ihrer türkischen Tochter Hannover-Messe Sodeks Fuarcilik veranstaltet. Ein kluger Schachzug: «Da es derzeit kaum Konkurrenz gibt, wird es kaum einen besseren Zeitpunkt geben, um in den Cleantech-Markt einzusteigen», sagt Özeflatun.

 

Bild: Blick über das Goldene Horn auf die Innenstadt von Istanbul (Yvonne von Hunnius).

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