Abu Dhabi greift nach der Sonne

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Geschrieben von: Jonas Pepper, Dubai 17.08.09
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Abu Dhabi, MasdarMasdar - Der Bau der Ökostadt Masdar bei Abu Dhabi geht voran. Die erste grosse Photovoltaik-Anlage in der Golfregion steht bereits. An einem noch grösseren Sonnenkraftwerk wird gebaut. Das Masdar Institut nimmt im September die ersten Studenten auf. Mit dem Swiss Village, der internationalen Agentur für erneuerbare Energien und der Fraunhofer-Gesellschaft stehen schon die ersten Mieter bereit.

Insgesamt werden rund 1500 Unternehmen aus der ganzen Welt erwartet. Doch die Schweizer sind die ersten: Eine entsprechende Vereinbarung wurde Ende Juli von Masdar und der Swiss Village Association unterzeichnet. Eine Gruppe von Schweizer Cleantech-Unternehmen wird zu den ersten Mietern in der Ökostadt Masdar bei Abu Dhabi gehören und ein eigenes Quartier erhalten, samt Schweizer Botschaft, Schweizer Schule, Hotel, Büro- und Wohngebäuden.

Swiss Village und Irena als Pioniere

Zu den bisher 60 Unternehmen, die dem Verein beigetreten sind, gehören mit Implenia das grösste Bauunternehmen, mit Oerlikon ein Unternehmen der Solarbranche, mit Hublot auch ein Uhrenhersteller und mit Maxmakers dasjenige Planungsunternehmen, das als erstes ausländisches Büro überhaupt in die Planung Masdars einbezogen worden war. Die Gebäude im 20 Hektar grossen „Swiss Village“ in der Mitte Masdars werden im Minergie-Standard gebaut, dem Schweizer Standard für energieeffizientes Bauen. Ab 2011 sollen die ersten Gebäude bezogen werden. Die Schweiz ist damit anderen eine Nasenlänge voraus: Bisher hat noch kein anderes Land das Recht auf ein eigenes Quartier in der Ökostadt erhalten.

Die Vereinbarung über das Swiss Village folgt einem anderen Erfolg Masdars: Ende Juni erhielt die Ökostadt den Zuschlag für Irena, die internationale Agentur für erneuerbare Energien. Die Agentur wird hier ihr Hauptquartier aufschlagen. Damit wird der Anspruch Abu Dhabis unterfüttert, Masdar zu einem globalen Zentrum für die Erforschung, Entwicklung und Produktion erneuerbarer Energien zu machen.

Private zahlen den grössten Teil

Die Ökostadt Masdar soll 22 Milliarden Dollar kosten. Das staatliche Betreiberunternehmen Masdar will davon 3,8 Milliarden Dollar tragen. Das ist weniger als ein Drittel dessen, was Abu Dhabi in den nächsten Jahren in erneuerbare Energien, Cleantech-Unternehmen weltweit und in das Management des Kohlendioxidausstosses investieren will. Damit setzt Abu Dhabi in Masdar grossenteils auf externe Finanzierungen. „Wir schauen uns eine ganze Reihe von Finanzierungsinstrumenten an“, erklärte Masdars Chef, Sultan Al Jaber, im Februar 2009. „Grosse Finanzinstitutionen und Banken sind an uns herangetreten, um das Silicon Valley der erneuerbaren Energien in Abu Dhabi zu bauen.“ Al Jaber nannte allerdings keine Namen.

Auch Fraunhofer kommt nach Masdar

Härtester Gegner im Wettbewerb um den Sitz von Irena war Deutschland mit Bonn. Das hindert Deutschland nicht, mit der Fraunhofer-Gesellschaft ebenfalls in Masdar präsent zu sein. Die Fraunhofer-Gesellschaft wird ein Forschungszentrum in Masdar einrichten, das mit einer Gruppe von 25 Wissenschaftlern starten soll. Zu den Forschungsschwerpunkten gehören zunächst die Energieeffizienz, die Kühlung bei der Nutzung der Sonnenenergie und die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen ins Netz. Das gemeinsam finanzierte Projekt soll später auch in die Erforschung von Sonnenenergie generell, die nachhaltige Wasserentsalzung, Stromfahrzeuge und die Messung des Kohlendioxidausstosses einsteigen.

Photovoltaikanlage liefert bereits Strom

Unterdessen geht der Bau Masdars voran. Sichtbares Zeichen sind dafür die Gebäude des Masdar Institute of Science and Technology, die seit Februar 2008 hochgezogen werden. Diese Technische Universität, die in Partnerschaft mit dem Massachusetts Institute of Technology gegründet worden ist, nimmt im September ihre ersten Studenten auf.

Auch der Aufbau der Energieversorgung geht voran. Eine erste Photovoltaikanlage mit 10 Megawatt ist bereits in Betrieb. Sie ist die erste grosse Anlage in der Golfregion, die an das Stromnetz angeschlossen ist. Sie soll 17500 Megawattstunden pro Jahr liefern. Nun wird an einem Sonnenwärmekraftwerk gebaut, dass eine Kapazität von 100 Megawatt aufweisen und 2012 fertiggestellt werden soll. Geplant wird auch ein Wasserstoffkraftwerk, das mit 420 Megawatt zu einer der grössten Anlagen seiner Art weltweit gehören soll.

Grösseres Potential als in Europa

Dennoch gerät Abu Dhabi ausgerechnet wegen seines Engagements in den erneuerbaren Energien in die Kritik. Anfang des Jahres hatte das Emirat erklärt, dass erneuerbare Energien bis 2020 einen Anteil von 7 Prozent an der Stromproduktion haben sollten. Viel zu wenig, sagen Kritiker. Denn dauerhaft habe Abu Dhabi nur zwei Ressourcen im Überfluss: Sonne und Platz. Photovoltaikanlagen auf den Dächern von Wohnhäusern und Fabrikanlagen könnten ebenso zur Stromproduktion beitragen wie grosse Anlagen in der nahezu menschenleeren Wüste. Das Emirat habe das Potential, Europa und die USA bei den erneuerbaren Energien rasch zu überholen. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 ein Fünftel des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu produzieren. An Geld fehlt es Abu Dhabi nicht. Das ölreiche Emirat ist von der Krise weniger betroffen als das benachbarte Dubai. Die Emirate insgesamt erzielen zudem inzwischen einen guten Teil ihrer Einnahmen aus dem Handel und dem Tourismus.

Markt für 8 Milliarden Dollar

Noch muss Abu Dhabi zur Entwicklung seiner erneuerbaren Energien auf ausländische Lieferanten zurückgreifen. Von den 87000 Photovoltaikmodulen der bereits produzierenden Anlage wurde die eine Hälfte von der US-Firma First Solar geliefert. Dabei handelt es sich um Dünnfilmmodule. Die andere Hälfte – Kristallmodule stammen von der chinesischen Suntech. Die ganze Anlage hat 50,3 Millionen Dollar gekostet. Das ist ein Bruchteil dessen, was in den nächsten Jahren investiert werden soll: Der gesamte Auftragswert im Bereich der erneuerbaren Energien soll in Abu Dhabi in den nächsten Jahren 8 Milliarden Dollar erreichen.
Ein Teil davon wird in die eigene Produktion fliessen: Masdar verfügt bereits über eine eigene Tochterfirma, Masdar PV, die Dünnfilm-Photovoltaikmodule herstellen soll. In die Fabrik in Ichtershausen bei Erfurt wurden 230 Millionen Dollar investiert. Ab Herbst soll produziert werden. Eine zweite, grössere Fabrik bei Abu Dhabi folgt im nächsten Jahr.

Rekordhoher Kohlendioxidausstoss

Diese Investitionen in erneuerbare Energien ist auch zwingend nötig. Denn die Vereinigten Arabischen Emirate sind heute pro Kopf einer der grössten Emittenten von Kohlendioxid. Mit 30,1 Tonnen pro Kopf stösst die Föderation am Golf mehr als dreimal so viel aus wie Deutschland mit 9,5 Tonnen, aber fast 15 Mal so viel wie der globale Durchschnitt von 2,2 Tonnen. Allein mit der bisherigen Photovoltaikanlage können 15000 Tonnen Kohlendioxid eingespart werden. Das ist so viel, wie 3300 Autos im Durchschnitt pro Jahr ausstossen. Masdar will allerdings noch weitergehen. Gemeinsam mit einer Logistikfirma will sie auch den indirekten Kohlendioxidausstoss messen, der durch die Produktion und den Transport der importierten Güter anfällt.

Masdar soll die erste Stadt weltweit werden, die ihren gesamten Energieverbrauch aus erneuerbaren Quellen deckt, netto kein Kohlendioxid ausstösst und kein Abfall produziert. In der autofreien Stadt sollen 50000 Menschen leben und 90000 Menschen arbeiten können.


Bild: Das Masdar Institute of Science and Technology im Bau, dahinter rechts die erste grosse Photovoltaikanlage der Golfregion, die an das Stromnetz angeschlossen ist (Foster and Partners)

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