Politik und Wirtschaft gefordert

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Zürich 17.08.09
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Die Krise verstärkt die Wende zur Nachhaltigkeit, sagt Rolf Jeker. Aber die Regierungen müssen die richtigen Rahmenbedingungen setzen und die Unternehmer die Chancen nutzen, die sich durch Nachhaltigkeit als Geschäft bieten. Im Finanzmarkt hat sich Nachhaltigkeit bereits so sehr als eigener Teilmarkt etabliert, dass er einer staatlichen Regulierung bedarf. Falls zu schnell Gelder in diesen neuen Teilmarkt fliessen, droht obendrein eine neue Blase.Steffen Klatt: Die wievielte Krise erleben Sie derzeit in der Wirtschaft?

Rolf Jeker: Es ist die dritte Krise. 1985 war die erste, in den 90er Jahren kam die zweite. Aber diese ist jetzt die intensivste Krise.

Steffen Klatt: Warum?

Rolf Jeker: Sie ist globaler und tiefer und kam sehr heftig auf uns zu. Einige Firmen haben sich noch mit Expansionsplänen befasst, als die Nachfrage innerhalb zwei Monaten um 20 Prozent und mehr einbrach. Das war kein Niedergang, sondern ein Fall. Das ist zudem in einer Phase geschehen, in der die Weltwirtschaft in einer Expansion wie selten zuvor gewesen ist. Natürlich war zu sehen, dass einiges übertrieben war. Aber man hatte geglaubt, dass die Weltwirtschaft breiter abgestützt war und Länder wie China, Indien und Russland ihren Schwung länger halten könnten.

Steffen Klatt: Ist diese Krise eine Wegscheide, eine Richtungskrise?

Rolf Jeker: Es ist keine Richtungskrise in dem Sinn, dass hinterher alles anders kommt. Es werden aber Tendenzen verstärkt, die sich vorher schon angedeutet haben. Das gilt sicher für die Nachhaltigkeit. Es gab vorher schon echte Anzeichen für ein Umdenken. Das wird sich jetzt verstärken. Dabei sind die Wirtschaft, die Unternehmen oft schon weiter als die Regierungen. Bei den Unternehmen gibt es nun Abteilungen für Umwelt und Nachhaltigkeit. Das ist auch gut so. Aber das allein bringt keine fundamentalen Veränderungen. Diese finden dann statt, wenn das auf dem Niveau des CEO und des CFO (Chief Financial Officer, Finanzchef, stk.) diskutiert wird. Eine solche Veränderung wurde etwa durch den EU-Emissionshandel ausgelöst. Die betroffenen Firmen mussten sich nun fragen, was das für ihren Ertrag und ihre Bilanz bedeutet. Damit beschäftigten sich Leute mit dem Thema, die von einer ganz anderen Richtung her kamen. Die haben dann gesehen, dass man mit dem Thema Geld verlieren, aber auch Geld verdienen kann.

Steffen Klatt: Was heisst für Sie nachhaltiges Wirtschaften?

Rolf Jeker: Ich sehe zwei Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Das eine ist „Sustainability in Business“, Nachhaltigkeit im eigenen Geschäft. Die eigenen Prozesse und Strategien müssen überdacht werden, ob sie eigene in sich selbst schliessende Kreise bilden, so dass es auch längerfristig möglich ist, so weiter zu arbeiten. Das andere ist „Business in Sustainability“, Nachhaltigkeit als Geschäft. Da gibt es heute sehr grosse Möglichkeiten. Ein Beispiel bietet myclimate (Anbieter von freiwilligen CO2-Kompensationen mit Sitz in Zürich, stk.). Wir haben das als NGO aufgebaut, aber es ist profitabel. Das sieht man auch daran, dass es inzwischen 150 Konkurrenten gibt. Bei Precious Woods, wo ich ebenfalls im Verwaltungsrat bin, bildet nachhaltige Forstwirtschaft das Geschäftsmodell. Dabei wird innerhalb von 30 Jahren auf einen Hektar ein einziger Baum gefällt, so dass der Wald nachwachsen kann, und trotzdem kann man damit auch Geld verdient. Ich versuche, Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell auch bei anderen Startups umzusetzen. Bei Trace-it versuchen wir den Rückkopplungseffekt über die Wertschöpfungsstufen im Internet darzustellen. Für jede Stufe ist sichtbar, wie das Produkt produziert worden ist und ob es die Standards erfüllt. In diesem Bereich sind wir vielleicht noch etwas früh. Die Firmen haben noch gewisse Vorbehalte. Transparenz ist nicht immer gewünscht. Wer sich aber bei Trace-it einklickt, sieht, welche seiner Zulieferer die Standards nicht erfüllen. Er kann dann darauf aufmerksam machen, dass es Veränderungen braucht. Heute sollte sich jede Unternehmung überlegen, wie es aus Nachhaltigkeit ein Geschäft machen kann. Dann erzielen wir eine Wirkung.

Steffen Klatt: In welchen Branchen bieten sich solche Chancen?

Rolf Jeker: Ich komme von der SGS. Dort haben wir verschiedene Instrumente entwickelt, unter anderem die Überwachung von Wäldern in der Forstwirtschaft. Dort habe ich auch die Zertifizierung der CDM aufgebaut (Clean Development Mechanism, Instrument des Kyoto-Protokolls zur Kompensation von Treibhausgasausstoss durch Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern, stk.). Auch im Investitionsbereich und in Produktionsbranchen bieten sich Chancen. Ich bin im Verwaltungsrat einer Firma, die Partikelfilter herstellt. Es geht dabei immer darum, etwas gutes zu tun, damit zu verdienen und obendrein seine Zukunft zu sichern. Denn die Regeln, die heute in der Schweiz oder Deutschland gelten, werden künftig auch in Indien gelten.

Steffen Klatt: Hängt es vom jeweiligen Unternehmen und vom Unternehmer ab, ob die Chancen der Nachhaltigkeit genutzt werden?

Rolf Jeker: Es gibt eine geteilte Verantwortlichkeit. Ein Beispiel: Wieso ist die US-Automobilindustrie ins Desaster geraten? Die Regierung hat die falschen Regeln gesetzt, und die Unternehmen haben sich danach gerichtet. Deshalb ist es wichtig, dass es Rahmenbedingungen gibt, die die Firmen in die richtige Richtung lenken. Das müssen die Regierungen tun. Auch der Markt kann helfen. Der bis vor einem Jahr hohe Ölpreis hat die richtige Entwicklung ausgelöst. Ein Ölpreis über hundert Dollar macht sehr viele Projekte rentabel, bei der Energieeffizienz, aber auch anderswo.

Aber Sie haben recht. Es ist auch eine Frage der Bewusstseinsbildung. Es gibt Leute, die sich mehr Gedanken machen als andere. Wenn die Regierungen die richtigen Anreize geben, werden sich mehr Leute in diese Richtung bewegen.

Steffen Klatt: Gehen in der Schweiz genügend Unternehmer und Unternehmen in diese Richtung?

Rolf Jeker: Wir liegen wahrscheinlich über dem Durchschnitt. Das hat sicher damit zu tun, dass die kleinteilige Struktur des Landes es nötig gemacht hat, bestimmte Regeln zu setzen. Der Umweltgedanke setzt sich dort zuerst durch, wo es stinkt und „chlöpft“; in einer Demokratie wird dann gehandelt. Das hat viel ausgelöst und auch vielen Unternehmen die Möglichkeit gegeben, ein Geschäft daraus zu machen. Sie sehen es bei myclimate: Wir können heute nicht sagen, dass niemand mehr fliegen darf. Deshalb wurde die Kompensationslösung entwickelt. Als die Krise viele andere Firmen erfasste, wuchs das Geschäft bei myclimate weiter. Das hat mir gezeigt, dass immer mehr Firmen dem Gedanken der Nachhaltigkeit Gewicht beimessen. Es gibt natürlich auch Firmen, denen das Geld ausgegangen ist, und die sich Kompensationen derzeit nicht mehr leisten können.

Steffen Klatt: Myclimate ist trotz allem eine kleine Firma. Wie hoch ist der Umsatz? 4 Millionen Franken?

Rolf Jeker: Wir gehen gegen 10 Millionen dieses Jahr, vergangenes Jahr hatten wir 7 Millionen. Es gab zwei Studien in den USA und England, die Firmen mit solchen Kompensationsangeboten untersucht haben. Die eine hat 170 Unternehmen untersucht, die andere die 30 wichtigsten. Wir lagen stets an der Spitze. Vor fünf Jahren bestand myclimate aus vier Leuten, jetzt sind es 20. Aus myclimate heraus ist ein Spinoff entstanden, Southpole Carbon, mit jetzt 80 Leuten.

Steffen Klatt: Entsteht ein neuer Bereich des Finanzmarkts?

Rolf Jeker: Ja, das ist so. Es wird daher auch Regeln für diesen neuen Markt brauchen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir in diesem Bereich mal eine Blase haben werden. Es gab eine Zeit, in der innert kürzester Zeit Carbon Investitionsfonds aus dem Boden schossen. Da stellt sich die Frage, ob wir mit jedem zusätzlichen Geld auch zusätzliche Projekte finanzieren können oder ob nur der Preis steigt. Ohne die Krise hätten wir diese Blase wahrscheinlich schon früher gehabt. Wenn nun die USA einen Emissionshandel einführen, muss man von Anfang an aufpassen, dass dort nicht die nächste Blase beginnt.

Ein Bereich, der von den bisherigen CDM nicht abgedeckt wird, sind die Wälder. Aber bei der Abholzung vor allem der tropischen Wälder werden 20 Prozent des Kohlendioxids ausgestossen. Das ist gleich viel wie bei allen Transportmitteln weltweit. Da muss etwas geschehen. Auch Afrika muss bei den CDM einbezogen werden. Aber es müssen die Weichen richtig gestellt werden, dass nicht nur Geld hin und her geschoben und vielleicht noch der Korruption Vorschub geleistet wird.

Steffen Klatt: Sie sprechen von einer möglichen Blase. Umweltorganisationen verlangen einen Transfer von 160 Milliarden Dollar in Entwicklungsländer, um Klimaschutzmassnahmen zu finanzieren. Das ist ein Vielfaches dessen, was jetzt fliesst. Wäre nicht das schon eine Blase?

Rolf Jeker: Nein. Denn dafür müssten auch Gegenleistungen erbracht werden. Aber ich halte das für unrealistisch. Auf multilateraler Basis sind solche grosse Summen selten gesprochen worden, und wenn, dann wurden sie nicht eingehalten. Deswegen muss man die Möglichkeiten maximal ausschöpfen, das mit den Mitteln der Wirtschaft zu machen. Das gleiche gilt für den Technologietransfer. Man kann nicht von den Firmen verlangen, ihre Technologien zu verschenken oder für den halben Preis zu geben. Es müssen vielmehr Mechanismen geschaffen werden, die Firmen zu entschädigen.

Steffen Klatt: Hat der traditionelle Finanzplatz Schweiz den Klimawandel als Chance erkannt?

Rolf Jeker: Was das interne Verhalten betrifft, „Sustainability in Business“, wurde relativ viel gemacht, teilweise auch zusammen mit Organisationen wie dem WWF. Die meisten Banken haben sich auch Gedanken gemacht, sich im Kohlendioxidmarkt zu betätigen. Das wurde meines Wissens bei allen wieder beendet, inklusive der Swiss Re, die dort ein sehr starkes Standbein hatte. Die Schweizer sind relativ stark bei den Cleantechfonds und den nachhaltigen Fonds.

 

Zur Person:
Rolf Jeker, Jahrgang 1946, ist Chef der Emerging Market Services GmbH in Zug. Er ist gleichzeitig Präsident des Aufsichtsrates des offiziellen Schweizer Exportförderers Osec, des Stiftungsrates von myclimate, des Lenkungsausschusses des Vereins „Swiss Village Abu Dhabi“. Er gehört unter anderem den Aufsichtsräten der Fiat-Tochter Case New Holland, der Precious Woods Holding AG, der Hug Engineering AG und der Klimarappenstiftung. Von 1999 bis 2006 war Generaldirektor der SGS in Genf an. Vorher war er stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Aussenwirtschaft, des heutigen Staatssekretariats für Wirtschaft. Die Schweiz vertrat er unter anderem im Verwaltungsrat der Internationalen Energieagentur (IEA), verhandelte die Europäische Energiecharta und beteiligte sich an den Verhandlungen des Kyoto-Protokolls. Rolf Jeker hat in den USA, Frankreich und Spanien studiert und an der Universität St. Gallen doktoriert.

 

Bild: Osec

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