Dem zweitgrössten Windrad-Hersteller Vestas geht in Grossbritannien die Puste aus: Er schliesst seine Produktionsstätte und im Land der Winde werden keine Windturbinen mehr gefertigt. Zeichen für Fehler im System, die die Regierung nun beheben will.
Im Land der Winde hat der zweitgrösste Windrad-Hersteller Vestas bis dato nur Turbinen für die USA gefertigt. Da ihm der Einstieg in den britischen Markt von der Isle of Wight aus nicht gelungen ist, wird die Produktionsstätte nun geschlossen. Es dauere einfach zu lange, bis über eine Baugenehmigung entschieden werde, prangert die dänische Unternehmensleitung die britische Regierung an. Energieminister Ed Miliband hat sich die Förderung alternativer Energien zwar auf die Fahnen geschrieben, aber tatsächlich geht der Umstieg langsam vor sich. Greenpeace zufolge ist es eines der europäischen Schlusslichter in Sachen erneuerbarer Energien. Und das ist schwer verständlich, denn der grösste Inselstaat Europas ist prädestiniert für diese Energieform: Er verfügt über 12.000 Kilometer Küste und besitzt laut britischem Windenergieverband (BWEA) das grösste Windpotential des Kontinents. Mühlen mahlen langsam
Die Gründe für die Werksschliessung weisen auf Fehler in der britischen Politik hin. Da sind sich Unternehmer wie Umweltaktivisten einig. Vestas führt den zu engen britischen Markt mit hohen Hürden an, die die Investitionslust hemmen. Und Joss Garman von Greenpeace steht ihm argumentativ zur Seite: „Bei manchen Windrad-Projekten dauert es acht Jahre, bis sie in die Tat umgesetzt werden. Da kann ich verstehen, wenn Investoren ihre Anlage lieber in China oder den USA bauen, wo sie nach einem Jahr steht.” In Grossbritannien müssen angehende Windmüller für den Bauantrag eine Studie zu den Auswirkungen ihres Windrads auf die Umwelt vorlegen. Die Kosten hierfür belaufen sich auf 354.000 Franken. Nur in der Hälfte der Fälle gibt die lokale Planungskommission dem Antrag statt. Investoren können daraufhin Berufung einlegen, über die das „Ministerium für Energie und Klimawandel” entscheidet. Wird die Planungskommission überstimmt, muss sie die Kosten tragen – sowohl für die Umweltstudie als auch für das Revisionsverfahren, das sich auf weitere geschätzte 200.000 Pfund beläuft. Um diesen häufig langwierigen Prozess zu verkürzen, fordert die BWEA mehr Hilfe von Energie-Minister Ed Miliband: „Er kann theoretisch Entscheidungen über Bauanträge von Windrädern an sich reissen und selbst darüber bestimmen”, sagt Charles Anglin, Chef der Pressestelle der Berufsgenossenschaft. „Täte er das öfter, würden Windrad-Entscheidungen erheblich schneller fallen.”Es warten zurzeit laut BWEA Windanlagen mit einer Kapazität von sieben Gigawatt auf eine Baugenehmigung. Verwandte Themen| { Kein Windpark auf den Rockies, 30.07.09 } | | { Portugal setzt auf Windenergie, 15.07.09 } | | { Der Energiemix der Zukunft, 08.06.09 } | | { Energie bestimmt globale Zukunft, 01.05.09 } | | { Briten vor strahlender Zukunft, 16.04.09 } | | { Vestas hat Wind im Rücken, 27.02.09 } | | { Europa braucht alle Energiequellen, 12.02.09 } | | { Agentur für Erneuerbare, 23.01.09 } | | { Erneuerbare in der Welt durchsetzen, 23.01.09 } | | { Erneuerbare machen Welt sicherer, 19.11.08 } |
Zeitdruck wächst
Neben dem komplexen Bewilligungsverfahren ist auch die Planungsunsicherheit ein Hemmschuh, kritisiert Garman. Das System der „Renewable Obligation Certificates” (ROC) habe keine klare Preisstruktur für Einspeisetarife und keine klaren Laufzeiten der Subventionen gebracht. Das ROC verpflichtet Stromproduzenten dazu, einen gewissen Prozentsatz aus grünen Quellen zu beziehen. Die Konditionen seien jedoch laut German seit Einführung 2002 viel zu oft verändert worden. Wenn die Regierung die von ihr unterzeichnete Klimaschutzdirektive der Europäischen Union einhalten will, muss sie Gas geben: Momentan bei 3,5 Prozent, müssen bis 2020 ganze 15 Prozent der britischen Energieproduktion alternativ gewonnen werden. Da reichen die 2600 Windräder, die momentan für 3,7 Gigawatt sorgen, nicht aus. Zudem hat sich die Regierung selbst verpflichtet, Grossbritanniens CO2-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu senken. Wind hat nicht nur Freunde
Energieminister Ed Miliband will die Investitionsbedingungen nun verbessern, wie vor zwei Wochen präsentiert wurde: Das ROC-System soll bis 2037 festgeschrieben und ab 2010 ein Einspeisetarif für Windanlagen unter fünf Megawatt eingeführt werden. Miliband hat sich nun ganz dem Wind verschrieben und verkündete kürzlich, dass ein Widerspruch gegen Windenergie als „sozial inakzeptabel” angesehen werden sollte. Einige Briten reagierten empört: Adrian Snook, Sprecher der Windenergie-Gegner „Stop the Spin”, findet Milibands Aussage skandalös. „Nicht einmal widersprechen dürfen wir mehr”, beschwert sich der Aktivist aus Northamptonshire. Dabei hätten die Windräder durchaus Nachteile: Sie verschandelten das Landschaftsbild, machten störenden Lärm und riefen den sogenannten „turbine shadow flicker” hervor. “Das ist so, als ob jemand ständig die Sonne in Ihrem Wohnzimmer ein- und ausschaltet, und wird dadurch verursacht, dass die Rotorblätter an den Fenstern des Hauses vorbeisausen”, sagt Snook. “Auf die Dauer ist dieses Phänomen extrem belastend.” Neuer Anlauf auf hoher See
Diese Belastung hält Phil Heptonstall vom UK Energy Research Centre jedoch für ein notwendiges Übel: „Schliesslich müssen wir irgendwo die Elektrizität der Zukunft produzieren”, sagt Heptonstall. Er hat eine Studie zu den Kosten erneuerbarer Energien durchgeführt, die eindeutig zugunsten der grünen Quellen ausfiel. Die Zukunft, so Heptonstall, liege jenseits des Festlands: „Grossbritannien ist relativ klein und dicht besiedelt. Es sollten vermehrt Offshore-Windräder ins Meer gebaut werden.” Hierauf konzentrieren sich auch die neuen Bestrebungen der Regierung: Auf hoher, britischer See werden laut BWEA zurzeit Windanlagen mit einer Kapazität von acht Gigawatt gebaut, einige davon sind bereits funktionstüchtig. Weitere neun Gigawatt seien fest geplant. Langfristig soll die Leistung offshore jedoch auf 42 Gigawatt erhöht werden. Tritt das ein, könnte das auch Turbinenbauer Vestas wieder auf den britischen Windenergie-Plan rufen.
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