Lehm erobert die Herzen

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Geschrieben von: Katja Fenkart, St. Gallen 13.08.09
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Lehm steht für Natürlichkeit, Gesundheit und Nachhaltigkeit. Immer mehr Menschen ziehen es vor, in einem Lehmhaus zu wohnen. Obwohl derzeit ein grosser Mangel an ausgebildeten Lehmfachkräften besteht, sagen Experten dem Lehm eine rosige Zukunft voraus.

„Natürlich wohne ich in einem Lehmhaus”, sagt Stephan Jörchel vom deutschen Dachverband Lehm. „Denn wer mit Lehm baut, verhält sich nachhaltig und darf sich im Gegenzug an einem ökologisch wertvollen und ästhetischen Wohnumfeld erfreuen.” Nicht nur der berufsbedingte Lehmliebhaber Jörchel ist vom Baustoff begeistert. Auch der Vorarlberger Lehmbau-Pionier Martin Rauch sieht Lehm im Trend: „In der Architektur- und Baubranche werden die Aspekte Nachhaltigkeit, Ästhetik und Umweltschutz immer wichtiger.” Einer Rückbesinnung auf Naturbaustoffe wie Lehm wird damit Tür und Tor geöffnet.

Umweltfreunde bauen mit Lehm

Der Lehmbau tut auch der Umwelt gut. Da Lehm ein Naturstoff ist, könne er ohne Folgeschäden wieder in den Kreislauf der Natur zurückgeführt werden, sagt Doris Bösch von der Schweizer Naturhuus Herisau GmbH. Auch in Hinblick auf seine regionale Verfügbarkeit ist Lehm anderen Baustoffen um Längen voraus. Denn Lehm gibt es überall. Somit fallen weite Transportwege weg. „Lehm ist einer der ökologischsten Baustoffe, die es gibt. Er erfüllt alle Kriterien, die an nachhaltiges und umweltfreundliches Bauen gestellt werden”, sagt denn auch Uta Herz, Mitarbeiterin des Lehmmuseums im mecklenburgischen Gnevsdorf.

Auf Lehm umsteigen sollten besonders jene Leute, die auf ein gesundes Wohnklima Wert legen. Bewohner von Lehmhäusern können nämlich ein verbessertes Raumklima, eine angenehme Innenraumtemperatur und eine hervorragende Feuchtigkeitsregulierung geniessen. Der Schweizer Lehmexperte Edgar Wanner weiss: „Lehm reguliert die Luftfeuchtigkeit, absorbiert Gerüche und schafft in jedem Raum ein Wohlgefühl.”

Lehm braucht Zeit

Da aber Geld nicht auf Bäumen wächst, muss auch der finanzielle Aspekt unter die Lupe genommen werden. Die Baukosten eines Lehmhauses sind höher als die eines „gewöhnlichen” Hauses. Dies ist vor allem auf den erhöhten Arbeitsaufwand zurückzuführen, so Martin Rauch. Dass sich dieser nicht einfach reduzieren lässt, sagt auch Martin Meiler, Vorstandsmitglied der Schweizer IG Lehm: „Der Umgang mit Lehm braucht Zeit. Das Gehetze auf ‚normalen Baustellen’ ist mit dem Lehmbau nicht vereinbar.”

Kunden scheinen dennoch vermehrt bereit zu sein, höhere Kosten in Kauf zu nehmen. Baumärkte, die Naturbaustoffe verkaufen, merken eine deutliche Umsatzsteigerung im Geschäft mit dem Lehm. Christian Büchel von LanaTherm Naturbaustoffe in Sennwald im St. Galler Rheintal bestätigt: „Die Nachfrage ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen.” Die Verkaufsschlager sind Lehmbauplatten und Lehmputze. In der Schweiz halten sich denn auch mehrere Firmen für den Marktführer. Sowohl LanaTherm, die Öko Bau Markt GmbH in Bern als auch Stroba Naturbaustoffe in Kemptthal im Zürcher Oberland geben an, davon am meisten zu verkaufen.

Fachkräfte fehlen

Während die Nachfrage nach Lehm kontinuierlich steigt, besteht ein grosser Mangel an Lehmfachkräften. Bisher wurde dem kaum Abhilfe geleistet. In der Schweiz gibt es zwar verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten, Laien bleiben allerdings grösstenteils ausgeschlossen. Eine Ausbildung erfolgt aufgrund der mangelnden Alternativangebote fast ausschliesslich über Praktika, sagt Meiler. „Wir hinken noch sehr hinterher. Die Deutschen haben im Gegensatz zu uns schon umfangreiche Ausbildungsmöglichkeiten.” Tatsächlich bietet der Dachverband Lehm in Deutschland bisher die einzige umfassende und staatlich anerkannte Lehmbau-Ausbildung in ganz Europa an. Vorstandsmitglied Jörchel ist stolz darauf. Allerdings sind auch hier handwerkliche Grundvoraussetzungen für die Teilnahme unabdingbar. Im Lehmgeschäft mitmischen will inzwischen auch die EU-Kommission. Mit dem Projekt „Lernpunkt Lehm” will sie zur Ausbildung von Lehmfachkräften beitragen.

Nischenbaustoff der Zukunft

Trotz der um sich greifenden Euphorie für Lehm glaubt der Schweizer Lehmexperte Edgar Wanner noch nicht so recht an einen kommenden Aufschwung: „Lehm wird immer ein Nischenprodukt bleiben. In gewissen Kreisen gehört Lehm aber zunehmend zum Lifestyle.” Die meisten Experten sind optimistischer und sehen Lehm als zukünftige Nummer eins im gesamten Bauwesen. Das Potential wäre laut laut dem Österreicher Martin Rauch jedenfalls da: „Die Wirtschafskrise und die derzeitige Umweltsituation sprechen eindeutig für den Lehmbau. Lehm ist als Baustoff der Zukunft bestens geeignet.”

 

Bild: Das Wohnhaus von Architekt Martin Rauch im vorarlbergischen Schlins ist ein modernes Lehmhaus-Beispiel. (Albrecht Imanuel Schnabe)