In Bonn werden ab Montag die vorbereitenden Verhandlungen zum Weltklimagipfel fortgesetzt. Patrick Hofstetter geht davon aus, dass bis Ende des Jahres eine generelle Einigung auf eine Kyoto-Nachfolgeregelung möglich ist. Die Finanzierung von Anpassungsleistungen in den Entwicklungsländern gehört dabei zu den zentralen Streitfragen.
Steffen Klatt: Der Weltklimagipfel in Kopenhagen Ende des Jahres soll sich auf eine Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll einigen. In Bonn findet derzeit wieder eine der vorausgehenden Verhandlungsrunden statt. Wie ist der Stand? Patrick Hofstetter: Aufgrund der bis anhin geführten Verhandlungen entstand ein Hauptverhandlungsdokument mit rund 200 Seiten. Dieses enthält sämtliche möglichen Optionen, die von verschiedenen Ländern eingebracht wurden. Zu jedem Thema, das noch umstritten ist, gibt es darin Lösungsvorschläge. Steffen Klatt: Welches sind die zentralen Streitpunkte? Patrick Hofstetter: Einer der zentralen Streitpunkte ist die Frage, wie die Abholzung von Wald vermindert werden kann. Besonders das Abholzen von Tropenwäldern verursacht CO2-Emissionen – sie machen knapp 20 Prozent der weltweiten Emissionen aus. Könnte die Abholzung vermieden werden, wäre das der gewichtigste Beitrag zur Verringerung des Kohlendioxidausstosses. Noch streiten sich die Parteien darüber, wie sichergestellt werden soll, dass nicht ein Land weniger abholzt, ein anderes aber um so mehr. Gestritten wird auch über die Entschädigung jener Länder, welche die Abholzung verringern. Soll dafür ein Fonds der Industrieländer gegründet werden? Oder sollen Länder handelbare CO2-Zertifikate bekommen, die ihren Wald nicht abholzen? Steffen Klatt: Welches sind die anderen wichtigen Streitpunkte? Patrick Hofstetter: Die Finanzierung von Anpassungsmassnahmen und Emissionsreduktionen in Entwicklungsländer. Laut der Berechnung von Umweltorganisationen braucht es 160 Milliarden Dollar pro Jahr für die Durchführung dieser Massnahmen . Die Parteien sind sich nicht einig, ob es so viel Geld braucht, wo es herkommen und in welche Gefässe es fliessen soll. Der dritte umstrittene Bereich: Welche Emissionsreduktionsziele braucht es für welche Länder bis 2020 und welche bis 2050? Welche Klimaschutzziele sollen für Schwellenländer wie China und Indien festgeschrieben werden? Steffen Klatt: Wo können Mittel in der Grössenordnung von 160 Milliarden Dollar aufgebracht werden? Das entspricht dem Dreifachen des Schweizer Bundesbudgets.
Patrick Hofstetter: Es existieren verschiedene Vorschläge. China und die Entwicklungsländer schlugen vor, dass die Industrieländer ein halbes bis ein Prozent ihres Bruttoinlandprodukts dafür einbringen. Das heisst noch einmal mindestens jene Summe, wie das Land heute für die Entwicklungshilfe aufbringt. Norwegen schlug vor, dass die Uno die Emissionsrechte für Kohlendioxid nicht mehr verschenken soll. Diese Rechte könnten verkauft oder auktioniert und der Ertrag für diesen Fonds genutzt werden. Die Schweiz schlug vor, eine globale CO2-Steuer einzuführen. Diese wäre differenziert: Wer sehr wenig CO2 pro Einwohner ausstösst, zahlt nichts. Die Einnahmen dieser CO2-Steuer würde Anpassungsmassnahmen in Entwicklungs- aber auch Industrieländer eingesetzt. Steffen Klatt: Welche Variante bevorzugen Sie? Patrick Hofstetter: Wir sind für den norwegischen Vorschlag, da er politisch umsetzbar erscheint und somit am meisten Geld generieren kann. Steffen Klatt: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Vorschlag verwirklicht wird? Die Finanzminister hochverschuldeter Industrieländer wären wahrscheinlich froh, das Geld in ihre Kasse zu lenken. Patrick Hofstetter: In der aktuellen Wirtschaftskrise ist das tatsächlich eine der wenigen negativen Auswirkung auf die Klimapolitik: Die Bereitschaft zu grosszügigen Gesten fehlt. Eine umfassende Vereinbarung, die auch Verpflichtungen der Schwellenländer umfasst, wird es aber nur geben, wenn es einen signifikanten Finanzfluss gibt. Schaffen wir das nicht – egal, wie das Geld eingesammelt wird -, dann wird es auch keine solche umfassende Vereinbarung geben. Verwandte Themen| { Chance für den Finanzmarkt, 29.07.09 } | | { Reinfeldt muss es richten, 01.07.09 } | | { Klimagipfel der Wirtschaftsführer, 27.05.09 } | | { Energie muss teurer werden, 15.04.09 } | | { Hoffen auf Obama, 11.03.09 } | | { Klimaabkommen hat Vorrang, 28.01.09 } | | { Die grösste Herausforderung, 12.12.08 } | | { EU will besseres Klima, 12.12.08 } | | { Leuenberger wirbt für Abgabe, 11.12.08 } | | { Warten auf Obama, 03.12.08 } |
Steffen Klatt: Ist bis Ende Jahr eine Einigung möglich?
Patrick Hofstetter: Ja, es kann bis Ende Jahr eine prinzipielle Einigung geben. Danach muss man die nachgelagerten Fragen beantworten, etwa, wer den Fonds verwalten soll. Steffen Klatt: Sind Sie zuversichtlich, dass es bis Ende Jahr eine generelle Einigung auf eine Kyoto-Nachfolgeregelung geben wird? Patrick Hofstetter: Das bin ich. Die wichtigen Eckpunkte könnten dann bekannt sein. Auch beim Kyoto-Protokoll wurden die Einzelheiten erst später ausgehandelt. Steffen Klatt: Kann man die derzeitigen Klimaverhandlungen von aussen beeinflussen? Patrick Hofstetter: Das hoffen wir. Der WWF versucht das von innen her. Wir sind sehr gut vernetzt. Ich selbst gehöre der offiziellen Schweizer Delegation an. Meine Kollegen in anderen Ländern nehmen ebenfalls am Prozess teil. Die Zivilgesellschaft spielt aus unserer Sicht in diesem Jahr eine sehr wichtige Rolle. Nur wenn die Staatschefs und Minister den Druck von der Bevölkerung spüren, werden sie genug stark sein, um die nötigen Kompromisse einzugehen und hinterher ratifizieren zu können. Steffen Klatt: Auch die Wirtschaft engagiert sich in den Klimaverhandlungen, etwa mit dem Klimagipfel der Wirtschaft im Mai in Kopenhagen. Wie beurteilen Sie die Haltung der Wirtschaft? Patrick Hofstetter: Viele Firmen erkennen, dass es keine Wahl gibt. Sie setzen sich konkret dafür ein, dass es Rahmenbedingen gibt, die für alle Unternehmen gleich sind. Deshalb hat die Wirtschaft ein Interesse an einem umfassenden und global gültigen Abkommen. Die Haltung der Verbände dagegen sehen wir kritisch. Wir spüren eine starke Blockade. Die Wirtschaftsverbände kämpfen gegen jede Veränderung an, was mit ein Grund ist, dass die Verhandlungen so harzig laufen. Steffen Klatt: Das klingt danach, als dass Sie sich neue Wirtschaftsverbände wünschten. Gilt das auch für die Schweiz? Patrick Hofstetter: Das wäre sehr hilfreich. Man sollte in der Wirtschaft eine Koalition der Willigen formieren, um der Politik der heutigen Verbände gegenzusteuern. Steffen Klatt: Bietet der Klimawandel auch Chancen für die Wirtschaft? Patrick Hofstetter: Auf jeden Fall. Vor allem für Länder wie die Schweiz, die in der Umwelttechnik gut aufgestellt sind. Hier bieten sich grosse Chancen für den Export. Hinzu kommt die aktive Umweltschutzarbeit im Land selbst: Die Modernisierung der Gebäude und der Infrastruktur ermöglicht den Aufbau von auf klimaverträglichen Lösungen spezialisierte Branchen mit vielen zukunftsträchtigen Arbeitsstellen. Steffen Klatt: Wie sieht es für den Finanzplatz aus, für die Schweiz immerhin ein wichtiger Wirtschaftszweig? Patrick Hofstetter: Laut einer Studie von McKinsey sind weltweit bis 2030 im Klimaschutzbereich zusätzliche Investitionen von über 10‘000 Milliarden Dollar nötig. Das muss finanziert und versichert werden. Das ist ein langfristiges Geschäftsfeld, nicht nur eine kurzfristige Blase. Also eine riesen Chance für den Finanzplatz. Steffen Klatt: Werden diese Chancen bisher wahrgenommen? Patrick Hofstetter: Die Finanzkrise und ihre Folgen für die Schweiz haben den grünen Aufschwung im Jahre 2007 gebremst. Beobachtet man die ganz grossen und auch die spezialisierten Institute und Spin-offs, ist erkennbar, dass sich der Finanzplatz der Chancen bewusst ist. Aber in den vergangenen beiden Jahren konnte er nicht richtig Gas geben. Ich hoffe sehr, dass sich der Finanzplatz bald wieder auf die strategische Ausrichtung konzentrieren kann und nicht mehr so intensiv mit sich selber beschäftigen muss.
Zur Person: Patrick Hofstetter leitet die Klima- und Energiepolitik des WWF Schweiz. Er gehört der offiziellen Schweizer Delegation zu den Klimaverhandlungen an. Hofstetter hat an der ETH Zürich Maschinenbau studiert und in Umweltwissenschaften promoviert. Er hat unter anderem an der Harvard Universität und an der US-Umweltbehörde geforscht.
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