Die Macht des Konsumenten wollen junge Öko-Aktivisten in Basel mit einem positiven Vorzeichen versehen: Am Freitagabend werden sie einen nachhaltig investierenden Quartierladen leerkaufen. Ermöglicht wird diese Carrotmob-Aktion durch das Internet. (Video) Der Boykott von Tankstellenketten und Druck ausübende Ökovereine waren gestern. Heute versuchen junge Menschen, ihren Ideen Macht zu verleihen, indem sie sich unverbindlich übers Internet verabreden und bewusst konsumieren. So funktioniert zumindest die erste Carrotmob-Aktion in der Schweiz, die am Freitagabend stattfindet. Der Quartierladen Alban-Market soll sich an diesem Tag mit umweltbewussten jungen Leuten füllen. Einkaufen werden sie, was sie tragen können. Im Gegenzug hat sich Ladenbesitzer Fadil Jakupaj dazu bereit erklärt, die Hälfte der Tageseinnahmen für einen energieeffizienten Umbau seiner Räume zu investieren.
Ökodenken soll Spass machenDie USA haben hier wieder mal den Trend gesetzt: In San Francisco ist diese Form des positiven Boykotts geboren worden und hat seitdem einen Siegeszug durch die Grossstädte der Welt angetreten. Kein Wunder, denn Carrotmob spricht eine Sprache, die laut Gründer Brent Shulkin jeder versteht: „Wir arbeiten mit der Karotte und nicht dem Stock, denn Unternehmen würden alles für Geld tun.“ Der Basler Organisator Raphael Faeh erklärt, man habe sich bewusst keinen Ökoladen ausgesucht: „Wir wollten einen Einzelhändler unterstützen, der sich sonst noch kaum Gedanken über seine Ökobilanz gemacht hat.“ Der Student an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel hat die Aktion gemeinsam mit seinem Freund Klaus Bernhard auf die Beine gestellt. Der Plan lautet, dass die beiden auch im Nachhinein als Nachhaltigkeitsberater für den Alban-Markt aktiv werden. Sie verhandeln schon mit regionalen Anbietern, die das Sortiment ökologisch nachhaltiger gestalten könnten. Zu negativ waren den beiden die geläufigen Ökoaktionen. Deshalb darf bei Carrotmob auch das gemeinsame Grillen im Nachhinein nicht fehlen. Die Begeisterung für die Sache merkt man ihnen an. Bezeichnenderweise ist Faeh auch Mitgründer des Vereins Hedonoeko, der sich für Ecotainment einsetzt, sprich: Umwelt, Bewusstsein, Spass. Im Juni erstmals in BerlinAls Schweiz-Pioniere machen die beiden den Anfang, und schon ziehen Zürcher nach. Es wurde bereits eine Gruppe auf der Netzwerkseite Facebook gegründet, die binnen kurzer Zeit über hundert Mitglieder gewonnen hat. Zürich soll von Basel genauso profitieren, wie Basel von Berlin profitiert hat. Denn dort hat im Juni die erste deutsche Carrotmob-Aktion stattgefunden. „Die Organisatoren haben uns unheimlich geholfen. Nach dem Schneeballprinzip wollen jetzt auch wir unser Wissen weitergeben“, sagt Faeh. Kommen werden die Aktivisten aus der deutschen Hauptstadt jedoch nicht: Carrotmob ist lokal und nachhaltig, lange Wege auf sich zu nehmen, widerspräche dem Prinzip. Von Kommunikation zu AktionOhne Internet wäre Carrotmob undenkbar. Der Gründer Brent Shulkin bediente sich als ehemaliger Google-Mitarbeiter der Macht von Internetnetzwerken und Mobiltelefonen. Bei sogenannten Flashmobs haben sich vor einigen Jahren bereits spontan hunderte von Menschen vor dem Kölner Dom getroffen, um die Internationale anklingen zu lassen und dann wieder auseinander zu gehen. Ort und Zeit wurde über Mobiltelefon und das Internet verbreitet. Nach diesem Prinzip funktioniert auch Carrotmob – mit dem großen Unterschied, dass hierhinter ein Sinn steckt. Zukunftsforscher Andreas Neef sieht in diesen Aktionen, die nicht mehr nur Gaudi zum Ziel haben und deshalb Smartmob genannt werden, eine neue Spielart der sozialen Macht. „Aus puren Kommunikationsnetzwerken werden Aktionsnetzwerke“, sagt Neef. Bürger erhielten neue Einflussmöglichkeiten. Reicht die Macht zur Veränderung?Nicht nur mit der eigenen Stimme, sondern durch den Konsum Dinge bewegen zu wollen, liege laut dem Soziologen Andreas Schelske im Denken junger Generationen begründet. „Und das ist auch sinnvoll, denn Konsum gibt uns tatsächlich Macht“, sagt Schelske. Er sieht jedoch das Organisationsprinzip der Smartmobs kritisch: „So treffen sich Menschen nur für eine kurze Zeitspanne und können nichts Nachhaltiges aufbauen. Die Idee ist unterstützenswert, doch ich glaube nicht an einen Massenerfolg.“ Den positiven Boykott sieht er in Zukunft anders organisiert: Mithilfe von „Tagging“ können Geschäfte, die positiv auffallen, über das Mobiltelefon via GPS im Internet gekennzeichnet werden. Langfristig, so Schelske, könne so eine Landkarte von nachhaltigen Geschäften gezeichnet werden und Konsumenten würden im Netz darauf aufmerksam. Doch der Basler Faeh erklärt, der Anspruch der Aktion sei nicht, gleich die Welt verändern zu wollen: „Wir wollen sensibilisieren, Händler und Konsumenten. Und wenn in Internetforen heiß über Sinn und Unsinn diskutiert wird, dann werten wir das auch als Erfolg.“ Immerhin ist eines sicher: Der Alban-Market wird energieeffizienter. Und das nur, weil eine Karottenidee von San Francisco über Berlin nach Basel gewandert ist.
Informationen: Die erste Carrotmob-Aktion der Schweiz findet am Freitag, den 7. August, den Alban Market in Kleinbasel statt. Die Hälfte des Umsatzes investiert Geschäftsführer Fadil Jakupaj in Umweltschutz- und Energiesparmaßnahmen. Wann: 07. August 2009, 10 bis 21 Uhr (heiße Phase: 18 bis 20 Uhr) Adresse: Klybeckstraße 101, Kleinbasel Bilder: Carrotmob. Die Organisatoren von Basel Raphael Faeh und Klaus Bernhard mit Alban Market-Geschäftsführer Fadil Jakupaj (Mitte).
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