Tierschützer bekämpfen Novartis

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 05.08.09
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Der Schweizer Pharmariese Novartis unter Beschuss: Chef Daniel Vasella gerät zunehmend persönlich ins Fadenkreuz von Extremisten Tierschützern. Laut Inlandgeheimdienst stammen die Täter wahrscheinlich aus dem Ausland, doch: „Auch die Schweizer Szene radikalisiert sich.“

Ein heißer Sommer nicht nur für Banken, sondern auch für Pharmakonzerne. „Die Schweiz ist besonders interessant für radikale Tierschützer, weil wir wichtige Pharmaunternehmen haben“, sagt Jürg Bühler, der Chef des Schweizer Inlandgeheimdienstes (DAP). Sonntagnacht haben Brandstifter das Jagdhaus in Tirol von Novartis-Chef Daniel Vasella angezündet. Zuvor war die Asche seiner Mutter aus dem Familiengrab in Chur entführt worden. Laut Bühler seien Drohungen gegenüber Novartis-Managern ausgesprochen worden – mit den Worten: „Wir wissen, wo Ihre Kinder zur Schule gehen.“ Höchstwahrscheinlich stecken dahinter radikale Aktivisten einer Tierschutzorganisation, die ihre Basis in Großbritannien hat. Die Organisation Stop Huntingdon Animal Cruelty (SHAC) kämpft gegen das britische Tierversuchslabor Huntingdon Life Sciences (HLS), mit dem Pharmakonzerne kooperieren. Auch, wenn es inzwischen keiner mehr zugibt.

Täter aus dem Ausland eingereist

Die Sicherheitsdienste der Pharmaunternehmen sind alarmiert, die Kantonalpolizei hilft, wo sie kann. Bühler: „Wir können nicht Hundertschaften zur Sicherheit bereitstellen. Die Angriffsfläche ist so groß, dass man mit einem Risiko leben muss.“ Die Täter sind noch nicht gefasst. SHAC-Sprecher weisen eine Schuld von sich und verweisen auf Sympathisanten. DAP-Chef Bühler geht davon aus, dass die Täter aus dem Ausland in die Schweiz und Österreich gekommen seien. Den Tätern von Chur drohe drei Jahre Gefängnis, falls sie in der Schweiz verurteilt würden. „Die SHAC ist nicht hierarchisch organisiert. Somit sind die Täter schwer auszumachen. Doch da es keine einheitliche Struktur gibt, muss die Schweiz auch nicht mit einem großen Anschlag im Al-Kaida-Sinne rechnen. Diesbezüglich gibt es keine Gefahr“, sagt Bühler.

SVP-Nationalrat Christian Miesch will die Aktivisten zwar als Terroristen bezeichnen, doch Sicherheits-Experte Bühler sieht das anders. Solange sie sich nicht gegen Staat und Gesellschaft richteten, seien ihre Taten als gewalttätige extremistische Aktivitäten einzustufen. Und nicht als terroristische.

Anstieg der Kriminalfälle

Die Extremisten haben auch laut Bühler wenige Anhänger, doch er zählt einen Anstieg der gemeldeten kriminellen Aktivitäten von Extremisten Tierschützern: „Nach einer Beruhigung im letzten Jahr haben wir 2009 einen Anstieg zu verzeichnen.“ Wenige Sympathisanten, doch die machen Wind: Die Organisation Animal Liberation Front (ALF) habe in der Schweiz laut Bühler wenige dutzend Anhänger. Und doch gingen auf ihr Konto einige Sachbeschädigungen. Der ALF-Aktivist und Philosophie-Professor Klaus Petrus aus Bern sorgte erst in diesem Sommer für Aufsehen, als er ein Verbot von Haustieren forderte und die ALF-Taten rechtfertigte. Andere Gruppierungen wie die Aktion Zirkus ohne Tiere seien ungefährlicher, sagt Bühler. Doch es könne eindeutig von einer Radikalisierung gesprochen werden.

Gewalt ist kontraproduktiv

Schweizer und deutsche Tierschutzorganisationen verurteilen die Novartis-Vorkommnisse. Erwin Kessler vom Verein gegen Tierfabriken Schweiz (VgT) distanziert sich von den Aktionen und betont, man selbst führe einen gewaltfreien Kampf gegen „das Massenverbrechen an Nutztieren“. Auch Organisationen wie der Schweizer Tierschutz (STS) sehen den Weg der Extremisten als den falschen an. Der durch auffällige Plakate gegen Pelz eintretende Tierschutzverein Peta sieht laut dem deutschen Geschäftsführer Harald Ullmann bei zivilem Ungehorsam eine Grenze: „Bürobesetzungen oder dergleichen sind zu tolerieren. Auf diesem Wege wurde schon viel erreicht und da muss man nicht bis zu Gandhi zurückgehen. Doch Gewalt darf nicht ausgeübt werden.“ Der Schweizer Heinzpeter Studer betrachtet als jahrzehntelanger Tierschutzaktivist in Führungsposten verschiedenen Vereinigungen die Taten sogar als Bumerang: „Das ist kontraproduktiv und kann dem Tierschutz-Image schaden.“ Denn die Tierschutz-Szene der Schweiz habe sich seines Dafürhaltens keineswegs radikalisiert.
Dennoch können sowohl Studer als auch Ullmann die Extremisten in ihrer Ungeduld verstehen. Studer bringt seine Perspektive den Punkt: „Es tut sich seit langem nichts in der Debatte um Tierversuche. Und immer noch sind die Taten der Labore höher zu hängen als die der Aktivisten. Das sind die wahren Verbrechen.“
Wie weit Extremisten gehen können, zeigen die Niederlande: Dort wurde 2002 der populistische Politiker Pim Fortuyn von einem einheimischen Tierschützer ermordet. Die Tat zerstörte die Illusion der Niederlande, ein besonders liberales Land zu sein.

 

Bild: Novartis

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