Bereits 2011 sollen die ersten Gebäude des „Swiss Village“ in der Ökostadt Masdar bei Abu Dhabi bezugsbereit sein, sagt Nick Beglinger. Schweizer Unternehmen setzen damit ein Zeichen, dass sie die Krise als Chance verstehen. Das Schweizer Quartier an privilegierter Lage in Masdar, bietet grösseren wie auch kleineren Unternehmen die Möglichkeit, in einem schwierigen Markt privilegiert Fuss zu fassen.
Steffen Klatt:Masdar und die Swiss Village Abu Dhabi Association (SVA) haben eine Vereinbarung unterzeichnet. Was sieht sie vor? Nick Beglinger:Die Vereinbarung zwischen Masdar und SVA regelt die Form, wie die beiden Seiten gemeinsam das Swiss Village realisieren. Es ist ein komplexes Projekt. Das Swiss Village umfasst 20 Hektaren im Zentrum von Masdar und ist daher zentral für die ganze Stadt. Steffen Klatt:Schweizer Häuser gab und gibt es bereits an verschiedenen Orten. Das Swiss Village wäre das erste seiner Art weltweit. Warum gerade in Abu Dhabi, warum in Masdar? Nick Beglinger:Am Anfang stand die Idee, die Schweizer Botschaft in den Emiraten in der Ökostadt Masdar anzusiedeln. Masdar fand die Idee einer Verbindung mit der Schweiz sehr interessant: Die Schweiz hat breites Wissen im Bereich Nachhaltigkeit und will ein Leader im Cleantech Bereich sein. Der Chef von Masdar, Dr. Sultan Al Jaber, schlug deshalb vor, statt eines Schweizer Hauses gleich ein Swiss Village zu errichten. Da meine Firma, Maxmakers, als Strategie- und Finanzberater seit Anfang 2006 für Masdar tätig war, und dabei auch lange mit Foster and Partners in Sachen Masdar Masterplan zusammenarbeitete, konnten wir ein wahres Filetstück auswählen. Das Quartier liegt zwischen dem Hauptsitz von Masdar, in dem wahrscheinlich auch die Internationale Agentur für erneuerbare Energien (IRENA) untergebracht werden wird, und dem Masdar Institute of Science and Technology, ein Joint Venture mit MIT, dem Massachusetts Institute of Technology. Das heisst, Swiss Village profitiert nicht nur von der guten Lage des Masdar Projekts selbst, unweit des Abu Dhabi Stadtzentrums, an der Verbindungsachse zwischen Abu Dhabi und Dubai, sondern stellt auch eine der attraktivsten Lokationen innerhalb Masdar dar. Es ist meines Erachtens ein idealer Standort für Schweizer Firmen in den VAE. Steffen Klatt:Die Idee von Masdar wurde geboren, als es der Wirtschaft sehr gut ging. Ist jetzt, in der Krise, der richtige Zeitpunkt, sie umzusetzen? Nick Beglinger:Der Zeitpunkt ist ideal. Das Swiss Village ist ein Symbol dafür, wie clevere Schweizer Firmen - die Cleantech-Leader - der Krise trotzen. Das Projekt dient der Exportförderung und hilft, die Krise zu bezwingen. Wahrscheinlich wäre es ohne die Krise auch nicht gelungen, ein so grosses und attraktives Stück von Masdar für die Schweiz zu gewinnen. Masdar hat das Geld für die Finanzierung der Ökostadt. Es ist aber sehr daran interessiert, nicht allein zu investieren. Es will bereits am Anfang eine kritische Masse zusammenbringen, damit auch eine Stadt entsteht und nicht nur eine riesige Baustelle bleibt. Dafür braucht es gerade im Zentrum der Stadt eine kritische Masse von Mietern. Da helfen wir Masdar signifikant. Bereits jetzt haben wir 60 Mitgliedsunternehmen, über hundert weitere Unternehmen sind mit uns im Kontakt. Steffen Klatt:Für welche Art von Unternehmen ist Masdar interessant? Nick Beglinger:Grundsätzlich ist Masdar für die Schweiz als Land interessant. Abu Dhabi ist reich an Sonne und reich an Liquidität. Die Schweiz ist reich an Forschung, die auf höchstem Niveau betrieben wird. Speziell interessant ist Masdar kurzfristig für die ganze Baubranche. Bislang wurde diese Branche in der Exportförderung weitgehend vergessen. Die Schweiz hat aber im Baubereich sehr viel zu bieten. Das Niveau der Gebäude ist im internationalen Vergleich in den Top 5. Mit Minergie hat die Schweiz einen Trumpf in Sachen nachhaltiges Bauen. Da das Swiss Village im Minergie-Standard, mit Schweizer Architekten und Schweizer Projekt Managern entsteht, bietet sich für Schweizer Baumaterialzulieferer grosse Chancen. Darüber hinaus ist Masdar aber auch für Lieferanten von Infrastruktur interessant - da die Kooperation mit Masdar auch Beschaffung aus der Schweiz für Komponenten ausserhalb des Swiss Villages vorsieht. Dies betrifft zum Beispiel die Wasserkläranlage, Energie und Abfall-Infrastruktur. Steffen Klatt:Wer finanziert das? Nick Beglinger:Die Organisation des Swiss Village wird durch die Mitglieder und Sponsoren finanziert. Osec hat einen gewichtigen Beitrag geleistet - und zwar nicht nur finanziell, sondern auch durch hervorragende fachliche und Netzwerk-basierte Unterstützung. Und ich möchte in diesem Zusammenhang auch erwähnen, dass der Schweizer Botschafter, Wolfgang Amadeus Bruelhart, massgeblich zum Gelingen des Projekts beiträgt. Betreffend Finanzierung gilt grundsätzlich, dass Abu Dhabi Bauherr ist und bleibt, und dass die Schweizer Unternehmen Mieter und Zulieferer sind. Es gibt aber durchaus auch Opportunitäten für Schweizer Banken und Investoren. Steffen Klatt:Masdar zieht Weltkonzerne mit Cleantech Interesse an, auch viele aus dem angelsächsischen Raum, dem die Emirate traditionell nahe stehen. Welche Chance haben da kleinere Schweizer Unternehmen? Nick Beglinger:Die Schweizer Beziehungen zu Abu Dhabi sind gut. Zum einen, bestehen aktive Geschäftsbeziehungen seit Masdar's Gründung – zum Beispiel mit Maxmakers, ETH, und Credit Suisse. Zum anderen hat die Schweizer Regierung diesen Januar ein Memorandum of Understanding mit Masdar im Bereich Renewable Energies abgeschlossen. Swiss Village ist jetzt ein weiterer, sehr konkreter Schritt die Beziehung weiter zu festigen. Dies ist besonders für kleinere Unternehmen wichtig - die haben nämlich am Golf im allgemeinen eher schlechte Karten. Am Golf werden oft lieber grosse Unternehmen mit einer bekannten Marke gewählt. Das ist mit ein Grund, warum wir das Swiss Village geschaffen haben. Wir haben so eine Plattform, die in Masdar sowohl grössere als auch kleinere Unternehmen vertreten kann. Das bietet die Möglichkeit, an Aufträge zu kommen, die man sonst nur mit einem riesigen Aufwand herankäme. Als ich für mein Unternehmen versucht habe, den ersten Auftrag in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu erlangen, waren mindestens zehn Reisen nach Dubai nötig. Das bleibt nun hoffentlich andern Unternehmen weitgehend erspart! Steffen Klatt:Wie werden die Schweizer Universitäten, Hochschulen und Fachhochschulen einbezogen? Nick Beglinger:Abu Dhabi hat ein grosses Interesse, von der Schweizer Stärke gerade im Bildungsbereich zu profitieren. Es ist vorgesehen, einen Schweizer Kindergarten, eine Primarschule und eine Mittelschule mit internationalem Abschluss anzubieten. Das wäre ein Standortfaktor auch für Masdar, das damit den Familien der Mitarbeitern anderer ausländischer Unternehmen Ausbildung mit Schweizer Qualität bieten könnte. Speziell interessant sind auch die Fachhochschulen - es entstehen neue Berufe, für die qualitativ hochstehende Berufsbildung erforderlich ist. Bei den Universitäten gibt es Hürden für die Zusammenarbeit. Besonders die ETHs stellen höchste Ansprüche an ihre Studenten. Wir hoffen aber, dass sich die eine oder andere Universität entschliessen kann, mit nach Masdar zu kommen. Meines Erachtens würde sich dies lohnen. Masdar hat eine unglaubliche Signalwirkung. Diese wirkt stark auf top Talent aus vielen Entwicklungsländern – zum Beispiel Indien, Pakistan, Iran. Diese Leute erlangen in Abu Dhabi einfach Aufenthaltsbewilligungen. Besonders nach Schulung in Masdar werden diese Leute auch als talentierten Nachwuchs für die Schweiz interessant - inklusive Unis, zum Beispiel für Master-Programme. Interessant ist auch, dass Masdar den Wunsch an uns herangetragen hat, dass es an die Schweiz mit konkreten Forschungsanliegen treten kann. Um diesem Anliegen gerecht zu werden, entsteht zur Zeit die „Swiss Cleantech Research Group“ - eine Anlaufstelle, die ausländische Forschungsinteressen aufnimmt, analysiert, und dann die jeweiligen geeigneten Ansprechpartner an den verschiedenen Schweizer Universitäten und Fachhochschulen identifiziert. Steffen Klatt:Wie kann man sich das Swiss Village äusserlich vorstellen, als eine Ansammlung von Chalets? Nick Beglinger:Oh nein! Es wird sicherlich nicht aussehen wie ein Schweizer Bergdorf. Trotzdem soll es aber „Swissness“ ausstrahlen - man soll merken, dass es sich um ein Schweizer Quartier handelt. Bei der modernen Schweizer Architektur geht es nicht um Chalets - es geht um klare und smarte Formen, intelligente Fassaden und so weiter. Das Swiss Village soll zum Vorzeigebeispiel von Schweizer Architekten und Schweizer Baumaterialien auf höchstem Niveau werden - bezüglich Design, „modern Swissness“ und bezüglich Nachhaltigkeit. Steffen Klatt:Was sind die nächsten Schritte? Nick Beglinger:Derzeit laufen bereits diverse Planungsaktivitäten - von Architektenauswahl bis Zulieferungsstrategie. Implenia ist dabei zusammen mit Maxmakers stark involviert. Es laufen Bemühungen, die Universitäten einzubinden, die Swiss Cleantech Research Group zu lancieren und so weiter. Ein KTI-Projekt wird vorbereitet, um den Minergie-Standard an die Verhältnisse am Golf anzupassen. Wir sind kontinuierlich darum bemüht, die Zahl der Mitgliedsunternehmen zu erhöhen - um dann natürlich erste Miet- und Zulieferungsverträge abzuschliessen. Das Schöne ist, dass viele dieser Bemühungen sehr viele Synergien zu derzeitigen Aktivitäten in der Schweiz haben – zum Beispiel die Cleantech Export Plattform von Osec, den Cleantech Innovationstag von KTI und viele mehr. Mit Freude und auch etwas Stolz stelle ich fest, dass das Thema Cleantech, speziell im Zusammenhang mit Innovation, geopolitischer Positionierung, Wirtschafts- und Standortförderung zusehends an Stärke gewinnt - von Bundesbern bis zu einzelnen Kantonen und Städten wie Zürich oder Basel. Im September planen wir einen ersten „Masdar Insights“ Event. Dieser wird exklusiv für Swiss Village Mitglieder angeboten und beinhaltet aktuelle und detaillierte Hintergrundinformationen, damit sich unsere Mitglieder optimal für Planung und Zulieferung positionieren können. Steffen Klatt:Wann ist das Swiss Village bezugsbereit? Nick Beglinger:Die ersten Bezirke von Masdar sind ja seit Februar 2008 im Bau und die Masdar Universität soll bereits Ende diesen Jahres eröffnen. Swiss Village ist Teil der Masdar DP1 - der „Development Phase 1“. Es wird sicher auch in Phasen gebaut. Das genaue Timing hängt auch von der Gesamtplanung Masdars im Infrastrukturbereich ab. Unser Ziel ist es, bereits Ende 2011 die ersten Swiss Village-Gebäude eröffnen zu können. Zur Person: Nick Beglinger ist Präsident des Schweizer Vereins „Swiss Village Abu Dhabi“. Der Managing Partner der Zürcher Planungsfirma Maxmakers ist seit Anfang 2006 in die Planung von Abu Dhabis Ökostadt Masdar eingebunden - die weltweit erste Stadt, die ihre Energie allein aus erneuerbaren Energien bezieht und eine Kohlendioxid Null-Balance aufweist. Auch um seine Masdar-Erfahrungen und -Beziehungen konkret umsetzen zu können, hat er Ende 2007 die Züricher Stiftung Foundation For Global Sustainability gegründet. FFGS ist Gründunsgssponsor von Nachhaltigkeit.org. Nick Beglinger hat seine Karriere bei der Beratungsfirma McKinsey in Deutschland begonnen und hat in China, Vietnam, Singapur und Abu Dhabi gearbeitet. Er ist seit Mitte 2009 jüngstes Mitglied des Minergie-Vorstandes und als Experte in Sachen nachhaltige Entwicklung/Cleantech in diversen Beiräten und als Autor tätig. Bild: Nick Beglinger (links) an der Vorstellung des Swiss Village während des World Future Energy Summit 2009 im Januar in Abu Dhabi mit Bundesrat Moritz Leuenberger (Mitte) und dem Schweizer Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Wolfgang Amadeus Bruelhart.
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